Pädagogische Fachzeitschriften 2006

Aufwachsen in Armut – Aufwachsen in Bildungsarmut 

Christian Palentien beschäftigt sich in diesem Fachartikel über „Aufwachsen in Armut – Aufwachsen in Bildungsarmut“ mit dem anhaltenden Trend der steigenden Kinder- und Jugendarmut, dessen Einfluss auf den Bildungs- und Erwerbsbereich sowie mit der Idee, die Institution Schule als Ausgleich von Ungleichheiten einzusetzen. Dabei geht der Autor vor allem auf die Entwicklungen in Deutschland ein. 

Wandel in der Armutsbevölkerung

Früher waren Randgruppen, wie zum Beispiel Obdachlose oder ausländische Mitbürger, von Armut bzw. Niedrigeinkommen betroffen. Anhand von aktuellen Studien lässt sich heute jedoch bereits ein Übergang des Problems auf die Mittelschicht erkennen. Sowohl kinderreiche Familien, Alleinerzieher als auch Kinder und Jugendliche kämpfen besonders mit dem Armutsrisiko. Weiters wurde beobachtet, dass Armut eng mit öffentlichen Transferleistungen, Nationalität, Bildung und Ausbildung in Verbindung steht. Zurückzuführen ist diese Entwicklung insbesondere auf die Arbeitsmarksituation. Aber auch der wachsende Spalt zwischen arm und reich spielt eine essentielle Rolle (vgl. Palentien 2005, S. 155f). 

Entwicklungen im Bildungs-, Ausbildungs- und Erwerbsbereich

Die Verlagerung des relativen Schulbesuchs stellt den Ausgangspunkt dieser Entwicklungen dar. In den 1970er-Jahren kam es zu einem Ausbildungsplatznachfrageüberschuss, weshalb viele Jugendliche weiterführende Schulen oft als Überbrückung nutzten. Durch die steigenden Qualifikationsnachfragen wurde schließlich auch die Pflichtschulzeit verlängert. Folglich sank die Erwerbsquote der Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren von 75,9 % auf 45 %. Auch die Eltern selbst, vor allem höher qualifizierte, treiben das Niveau weiter nach oben (vgl. Palentien 2005, S. 156f).

Entwicklungen im schulischen Bildungsbereich zeigen eine wachsende Bevorzugung von Gymnasien gegenüber Hauptschulen, einen Anstieg bei Studienanfängern – wobei dieser in den neuen Bundesländern geringer ausfällt – und einen steigenden Anteil von weiblichen Jugendlichen in weiterführenden Schulen. Bei sozialen Benachteiligungen konnten jedoch keine positiven Veränderungen festgestellt werden (vgl. Palentien 2005, S. 158f).

Grundsätzlich sind am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt hohe Bildungsabschlüsse von großer Bedeutung. Dadurch ergeben sich für Jugendliche, die bereits während der schulischen Bildung benachteiligt wurden, abermals Ungleichheiten – der Markteintritt wird für sie erschwert. Bildung hat offensichtlich zwei sehr unterschiedliche Seiten. Einerseits kann sie Erfolg am Arbeitsmarkt fördern, anderseits aber auch Misserfolg verursachen (vgl. Palentien 2005, S. 160). 

Das Problem von ungleichen Startpositionen

Die Schule nimmt eine bedeutende Rolle in der Kindheit und Jugend ein. Sie definiert Erfolg bzw. Versagen einer Leistung und ermöglicht erste Erfahrungen mit sozialen Deprivationen. Außerdem macht sie Jugendliche sehr früh auf die begrenzten Möglichkeiten am Arbeitsmarkt aufmerksam (vgl. Palentien 2005, S. 161).

Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche haben jedoch bereits beim Eintritt in den Bildungsbereich ungleiche Bedingungen, da essentielle Kompetenzen – wie zum Beispiel Motivation und Emotion – stark in Zusammenhang mit der Familie stehen. Dadurch sind ihre Bildungschancen negativ beeinflusst, was wiederum ausschlaggebend für ihr ganzes Leben sein kann (vgl. Palentien 2005, S. 162f). 

Schule als Ausgleich von Ungleichheiten

Es ist von großer Bedeutung, den Kreislauf der immer wieder kehrenden Ungleichheiten zu durchbrechen. Die Schule hätte das Potential für diese Aufgabe und könnte „zu einem sozial-ausgleichenden Forum werden“ (Palentien 2005, S. 163). Dabei sind curriculare Ebene, die angemessene Weitergabe von Wissen, und interaktive Ebene, die Ausbildung der sozialen Kompetenz, wichtige Bestandteile (vgl. Palentien 2005, S. 163f).

Eine Lösung wäre die Realisierung der Ganztagsschule. Diese Schulform umfasst ein ganztägiges Programm, das „unterrichtliche, erzieherische sowie sozialpädagogische Aktivitäten und Maßnahmen“ (Palentien 2005, S. 164) inkludiert. Die Vorteile dieses Systems sind vor allem flexible Zeitplanung und einfache Organisation von Fördereinheiten. Weiters ermöglicht es intensivere Kontakte zwischen den Beteiligten und schafft eine sinnvolle Freizeitgestaltung. Außerdem bietet die Ganztagsschule eine passende Mittagsverpflegung. Vor allem können aber Probleme von Schülern frühzeitig durch professionelles Personal erkannt und Erziehungsberechtigte entlastet werden. Die Ganztagsschule soll für Kinder und Jugendliche, insbesondere für sozial benachteiligte, einen sozialen Lebensraum für Erziehung und Bildung schaffen (vgl. Palentien 2005, S. 164ff).

Quelle

Palentien, Christian (2005). Aufwachsen in Armut – Aufwachsen in Bildungsarmut. Über den Zusammenhang von Armut und Schulerfolg. Zeitschrift für Pädagogik, 51, 154-169.

Siehe auch Armut in der Grundschule


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