Pädagogische Fachzeitschriften 2006

Barbara Cramer und Thomas Müller

Armut in der Grundschule

Ein aktuelles Problem darf nicht länger ignoriert werden

Kinderarmut in Deutschland

Wie bereits Studien, wie DPWV[1] 2005 oder AWO-ISS[2] 2006 gezeigt haben, ist die Zahl der von Armut betroffenen Kinder im Steigen begriffen. Karl-August Chasse hat im Jahr 2003 als Erster die Situation an Grundschulen untersucht und dabei herausgefunden, dass „materielle Armut von Kindern ganz unterschiedlich, abhängig von Erziehungsstilen, Kommunikationsformen und dem Haushaltsmanagement der Familie, wahrgenommen wird“ (Cramer & Müller 2006, S.311).

Da aufgrund von Armut viele Kinder Probleme in der Schule haben (z.B. schlechtere Benotung, Sitzenbleiben), war die Frage, was man dagegen tun kann, Anlass für eine Befragung von Grundschullehrerinnen im Schuljahr 2004/2005. Diese wurde im Raum Regensburg an verschiedenen Grundschulen, sowie mittels Fragebögen in Niederbayern durchgeführt.

Ergebnisse der Befragung an Grundschulen zum Thema Kinderarmut und die daraus resultierenden Konsequenzen und Vorschläge

Auf die Einstiegsfrage, wie die Lehrerinnen ihre Kenntnisse über die materielle und soziale Lebenslage ihrer Schüler einschätzen, – eine Frage, die zum Reflektieren anregen sollte – antwortete etwa die Hälfte aller Befragten, dass sie die Lebenslage ihrer Schüler nur in eingeschränkter Weise kennen und dies als Nachteil bei der Erkennung von und Intervention gegen Kinderarmut sehen.

Die zweite Frage forderte die Lehrerinnen auf, eine konkrete Schüleranzahl anzugeben, von denen sie denken, dass sie in armen Verhältnissen aufwachsen. Als allgemeiner Durchschnittswert hat sich die Zahl 3 herauskristallisiert[3], d.h. etwa 3 Schüler pro Klasse sind von Armut betroffen. Bei dieser Angabe ist es jedoch wichtig zu beachten, dass es verschiedene Auffassungen und Bewertungskriterien von Armut gibt (materiell, kulturell, emotional).

Als nächstes wurde nach Hinweisen auf soziale Benachteiligung/Armut der Schüler gefragt. Viele Antworten bezogen sich hierbei auf Indizien für materielle Armut, wie beispielsweise schmutzige, abgetragene oder unpassende Kleidung, kein oder zuwenig Geld für außerordentliche Unternehmungen im Klassenverband (z.B. Ausflüge), fehlende Arbeitsmaterialien, Unterernährung, usw. Manche Lehrerinnen nahmen auch Bezug auf andere Formen der Armut, wie Mangel an elterlicher Zuwendung und Unterstützung sowie geringer Wortschatz, das soziale Umfeld, in dem die Kinder aufwachsen und nur wenig Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, wobei der letzte Punkt ausschließlich von Lehrenden an Brennpunktschulen genannt wurde.

An diese Frage anknüpfend, sollten die Lehrerinnen angeben, ob es in ihrer Schule auch Kinder gibt, die von kultureller Armut betroffen sind, also Schüler, die hinsichtlich der deutschen Sprache und Kultur Defizite aufweisen. Etwa ein Fünftel beantwortet diese Frage mit ja, wobei an den Brennpunktschulen wiederum mehr Kinder davon betroffen sind.

Frage 5 galt den verschiedenen Verhaltensmustern, die Schüler entwickelten, um ihre Armut gleichsam zu vertuschen. Die daraus resultierenden Antworten reichten von Zurückhaltung, Schüchternheit, Betteln, Krank werden bis hin zu Aggressivität, Hysterie und Angeben.

Auf die Frage, wie die Lehrerinnen mit von Armut betroffenen Schülern umgehen, antworteten diese, dass sie beispielsweise Stifte oder kleine Jausen verschenken, sich allgemein darum bemühen, ihnen materielle und finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen (z.B. durch den Elternbeirat). Einige nannten aber auch Stärkung des Selbstbewusstseins und das Signalisieren von Gesprächsbereitschaft als emotionale Unterstützung oder die Thematisierung im Klassenverband als Möglichkeit der sozialen Förderung.

Die nächste Frage will – ähnlich der Frage 5 – Verhaltensweisen herausfinden, die Auswirkungen von Armut darstellen könnten. Auch hier wurden Aggressivität und sozialer Rückzug genannt. Dies sind gegensätzliche Verhaltensmuster, „die die Lehrerinnen als psychische und emotionale Auswirkungen von Armut“ interpretieren und Indiz dafür sind, „wie sehr das Gefühlsleben der betroffenen Kinder in Mitleidenschaft gezogen wird“ (Cramer & Müller 2006, S. 318).

Frage Nummer 8 wurde in zwei Teile geteilt, wobei ersterer nach eventueller Abwertung ärmerer Klassenkollegen (z.B. durch starke Konsumorientierung) und zweiterer nach dem Umgang der Lehrerinnen mit dieser Haltung ihrer Schüler fragt. Es stellte sich heraus, dass der Großteil der Befragten (ca. Dreiviertel) gar kein konsumorientiertes Verhalten beobachten konnte. Interessant ist jedoch, dass viele Vorschläge genannt wurden, wie die Lehrenden in einer solchen Situation umgehen würden (offene Gespräche mit den Eltern, einzeln oder im Klassenverband, Diskussionen,…).

Auf die Frage, ob das Problem der Kinderarmut schon einmal thematisiert worden ist, wurden v.a. der Religions- und Ethikunterricht als „Träger“ dieses Themas genannt, wobei dies meist im Zusammenhang mit Ländern der Dritten Welt bzw. Entwicklungsländern besprochen wurde.

Ob dieses Problem des Weiteren auch im Lehrerkollegium besprochen wird, konnten gut die Hälfte der befragten Lehrerinnen (in Brennpunktschulen noch mehr) mit ja beantworten.

Die vorletzte Frage bezieht sich auf die Einschätzung der Wichtigkeit der Arbeit, die die Grundschule zum Thema Kinderarmut beitragen kann (v.a. im Hinblick auf Chancengleichheit) und wurde jeweils von etwa der Hälfte als bedingt wichtig und überaus bedeutsam eingestuft.

Der letzte Punkt der Befragung behandelt die eventuell notwendigen Veränderungen der Grundschule, um mit der Problematik der Kinderarmut besser umgehen zu können. Hier wurden in erster Linie finanzielle und materielle Unterstützung als Verbesserungsvorschläge genannt. Aber auch Ideen wie kostenloses Essen, geringere Klassenstärke zur besseren Betreuung, Zusammenarbeit mit etwaigen Institutionen, Integration des Themas Kinderarmut in den Unterricht, Elternabende und Stärkung des sozialen Lernens sowie Förderung der Persönlichkeitsentwicklung, usw. wurden als mögliche Problemlösemöglichkeiten angeführt.

Zum Schluss bleibt als Resultat dieser Umfrage und auch als Konsequenz des Problems der Kinderarmut an deutschen Grundschulen die Frage, ob sich daraus nun neue bzw. veränderte Aufgaben und Anforderungen an die dortigen Lehrerinnen ergeben. Die beiden Autoren des vorliegenden Artikels geben am Ende desselbigen eine kleine Aufzählung solcher Aufgaben an: wissenschaftliche und handlungsorientierte Vorbereitung während der Ausbildung sowie gezielte Aufklärungs- und Fortbildungsarbeit der Lehrerinnen, Verbesserung der schulischen Rahmenbedingungen (personelle und finanzielle Ausstattung), schulische Ganztagsangebote, Zusammenarbeit der Schule mit etwaigen Institutionen, gezielte Elternarbeit und Beratungsarbeit für Eltern, gezielte Förderung des sozialen Lernens, Angebot verschiedenster kultureller Interessensgebiete, differenzierender und individualisierender Unterricht, Rückzugs- und Ruhemöglichkeiten für von Armut betroffene Schüler (da diese Belastung großen Druck auf die Kinder ausübt und dadurch Stress verursacht) und nicht zuletzt die Thematisierung von Kinderarmut in Deutschland im Unterricht (vgl. Cramer & Müller 2006, S. 319f).


[1] DPWV ist die Abkürzung für den Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband.

[2] AWO steht für Arbeiterwohlfahrt; ISS für das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik.

[3] Diese Zahl ist bei gleicher Schüleranzahl in so genannten Brennpunktschulen, also Schulen in ärmeren Bezirken höher.

Quelle

Cramer, B. & Müller, T. (2006). Armut in der Grundschule. Ein aktuelles Problem darf nicht länger ignoriert werden. Die deutsche Schule, 98/3, 311-321.

Siehe auch Aufwachsen in Armut – Aufwachsen in Bildungsarmut


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