Pädagogische Fachzeitschriften 2006

Der Umgang mit Unvertrautem - Bindungsbeziehung und Krippeneintritt 

Der Artikel handelt von einer Studie, welche unter der Annahme, dass die Trennung von einer Bindungsperson beim Krippeneintritt das Kind verunsichert und ängstigt, gemacht wurde. Man nimmt an, dass die täglich wiederholte Trennung von der Bindungsperson das Kind emotional sehr stark belastet und physiologisch messbar erregt. Man argumentierte häufig, dass diese Trennung vom Kind als Zurückweisung erlebt wird. 

Eingewöhnung als bindungstheoretisch relevantes Qualitätsmerkmal

Eine angemessene Eingewöhnungsphase ist sehr wichtig für das Kind. Es muss die neue Umgebung, die neue Betreuerin sowie die Gruppe an sich, kennen lernen. Dies funktioniert mit einer vorübergehenden Anwesenheit der Bindungsperson natürlich besser. 

Die Untersuchungsgruppe 

Untersucht wurden 35 einjährige West-Berliner-Kinder über einen Zeitraum von sieben Monaten. In der Gruppe befanden sich 17 Mädchen und 18 Jungen. Die Schulbildung der Mütter reichte vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur. 

Der Einfluss von Krippenerfahrung auf die Bindungsbeziehung mit der Mutter

Die Kinder wurden in Typen eingeteilt:

Die Untersuchung zur Bindungsbeziehung zur Mutter ergab, dass mehr als die Hälfte, also 51 Prozent der Kinder, über einen Zeitraum von 6 Monaten in ihrer Bindungsqualität zur Mutter stabil blieben. 

Mit Hilfe der Pradiktionsanalyse wurde die systematische Bindungsbeziehung mit der Mutter als Folge der Krippenerfahrung untersucht. Es wurden drei Hypothesen möglicher Veränderungen aufgestellt, welche in drei unterschiedlichen Prädiktionsanalysen überprüft wurden. 

Bei der ersten Hypothese wurde angenommen, dass sich die Mutter-Kind-Beziehung nach sechs Monaten Krippenerfahrung verschlechtert.

Bei der zweiten Hypothese wurde angenommen, dass sich die Bindungsqualität nicht verändert. Bei der dritten Hypothese wurde die zweite erweitert, in dem man annahm, dass sich die Bindungsqualität verbessert, oder zumindest gleich bleibt.

Die Analysen bestätigen die zweite, und leicht abgeschwächt, die dritte Hypothese. Die Mutter-Kind-Beziehung wird daher eindeutig nicht durch Krippenerfahrung belastet. 

Gestaltung der Eingewöhnung in die Krippe und Bindungsqualität zur Mutter 

Die Eingewöhnung wurde in 3 Stufen unterteilt. Die erste Stufe wurde als „sanftes Eingewöhnungsverhalten“ definiert. Dabei bleibt die Mutter in der ersten Woche die ganze Zeit beim Kind, bzw. ist nicht länger als 30 Minuten abwesend. Die Anwesenheit der Mutter in der Krippe wird dann allmählich reduziert. Die zweite Stufe wurde als „mäßig sanfte Eingewöhnung“ definiert. Hier bleibt die Mutter ebenfalls eine Woche in der Krippe, ist aber bei jedem Krippenbesuch mindestens eine Stunde abwesend und blieb nach der ersten Woche abrupt weg.

Die dritte Stufe wurde als „abruptes Eingewöhnungsverhalten“ definiert. Hier bleibt die Mutter höchsten an drei bis vier Tagen bis zu zwei Stunden. 

Das Ergebnis war, das sich die Art des Überganges in die Krippe sehr wohl auf die Bindungsbeziehung mit der Mutter auswirkt. Eine Analyse ergab, dass die Kinder, die nach sechs Monaten in der Krippe sicher gebunden waren, im Unterschied zu unsicheren Kindern häufiger sanft eingewöhnt worden waren. 

Die neue Beziehung mit der Erzieherin 

Angenommen wurde, dass sich Kinder auch an ihre Erzieherin binden. Die Kinder dieser Untersuchung entwickelten im Verlauf der ersten Monate in der Krippe eine Bindungsbeziehung mit ihrer neuen Erzieherin.

Eine weitere Analyse bestätigte die Hypothese, nach der die Beziehungsqualität mit der Erzieherin unabhängig von der mit der Mutter ist. 

Bindungsqualität und Verhalten während der Eingewöhnung 

Sicher gebundene Kleinkinder gelten im Kindergarten als sozial kompetent, emotional, flexibel und selbständig. Jedoch ergab die Untersuchung, dass diese Kinder anfangs weitaus ängstlicher, irritierbarer und verschlossener als unsicher-vermeidend gebundene Kinder waren. Sie weinten häufiger als die anderen Kinder. Die unsicher-vermeidend gebundenen Kinder waren dagegen anfangs aktiver, fröhlicher und angeregter. Die desorganisierten Kinder weinten am wenigsten und ihr Verhalten befand sich zwischen den sicher gebundenen und den unsicher-vermeidend gebundenen Kinder. 

Allerdings änderte sich die Situation nach vier Wochen. Die Kinder zeigten gegenläufige Verhaltensreaktionen. Dadurch lässt sich sagen, dass die unsicher-vermeidend gebundenen Kinder anfangs genauso belastet gewesen sind als die sicher gebundenen. Die Kinder können die neue Situation anfangs noch gut regulieren, längerfristig belastet die Situation die Kinder doch sehr. Sicher gebundene Kinder hingegen bewältigen die Situation mit ihrem offenen Ausdruck der Gefühle und des Kummers anscheinend besser.

Quelle

Wolff, U. & Ziegenhain, U., (2000). Der Umgang mit Unvertrautem – Bindungsbeziehung und Krippeneintritt. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 177-188.


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