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Pädagogische Fachzeitschriften 2006

Wolfgang Stroebe und Bernard A. Nijstad

Warum Brainstorming in Gruppen Kreativität vermindert

Brainstorming ist eine von Alex Osborn erfundene und von Charles Hutchison Clark weiterentwickelte Methode zur Ideenfindung, die die Erzeugung von neuen, ungewöhnlichen Ideen in einer Gruppe von Menschen fördern soll. Er benannte sie nach der Idee dieser Methode, nämlich „using the brain to storm a problem“ (wörtlich: Das Gehirn verwenden zum Sturm auf ein Problem).

Osborne leitete aus dem Problemlösungsprozess vier Regeln des Brainstormings ab. „(1) Je mehr Ideen, desto besser; (2) je ungewöhnlicher die Ideen, desto besser; (3) verbessere und ergänze bereits genannte Ideen; (4) enthalte Dich jeglicher Kritik“ Osborne 1953 S.2. Wobei er behauptete, dass die durchschnittliche Person in der Gruppe zweimal so viele Ideen bedenkt, als würde sie alleine arbeiten. Taylor, Berry und Block (1958) untersuchten experimentell verglichen Quantität und Qualität von echten Gruppen mit der von Nominalgruppen, wobei bei letzteren die Versuchspersonen individuell arbeiteten und stellten fest, dass diese wesentlich mehr und auch mehr gute Ideen produzierten.

Die Ursachen des Produktivitätsverlustes: Die frühen Untersuchungen

Osborne (1953) hoffte, dass durch das Verbot jeglicher Art von Kritik während der Ideenfindungsphase die kreativen Kräfte freigesetzt werden, was trotz entsprechender Instruktionen nicht gelang. Laut der Bewertungsangsthypothese werden aus Angst vor Bewertung kreative und ungewöhnliche Ideen unterdrückt.

Stroebe (1981) sagte mit der Trittbrettfahrerhypothese aus, dass sich durch geringe Identifizierbarkeit und hohe Ersetzbarkeit (der Eindruck, dass der eigene Beitrag nicht benötigt wird) die Motivation zum Profitieren von Leistungen anderer; also Trittbrettfahren, erhöht. Damit erklärt sich auch die Tatsache, dass Leistungsverluste mit zunehmender Gruppengröße zunehmen. Diehl und Stroebe (1987) zogen aber zur Schlussfolgerung, dass Trittbrettfahrereffekte zwar zum Produktivitätsverslust von Gruppen beitragen, dass sie aber nicht die Hauptursache für diese Leistungsverluste sein könnten.

Sie untersuchten weiters die Vermutung der Produktionsblockierung von Lamm und Trommsdorf (1973) wobei diese Blockierung dadurch verursacht wird, dass zu jedem Zeitpunkt jeweils nur ein Mitglied das Wort ergreifen kann. Experimentelle Ergebnisse bestätigen, dass der Leistungsverlust haupsächlich durch Produktionsblockierung verursacht wurde. Untersuchungen nicht-verbaler Austäusche von Ideen, wie elektronisches Brainstorming (Dennis & Valacich, 1993; Valacich, Dennis & Connolly 1994) und Brainwriting (Paulus & Yang 2000) belegen, dass ohne Blockierung auch keine Leistungsverluste auftreten.

Die theoretische Erklärung der Leistungsverluste: das kognitive Forschungsprogramm

Die Autoren Stroebe und Nijstad entwickelten eine Theorie der Ideengenerierung (SIAM; Search for Ideas in Associative Memory“) nach der Brainstorming ein wiederholtes Suchen nach Ideen im assoziativen Gedächtnis ist. Ideen stellen Problemlösungen dar, welche nicht ohne Hilfe von Vorinformationen entwickelt werden können. Durch Aktivieren eines Images (Verbindung von Elementen, die zu verschiedenen Objekten gehören) im Gedächtnis, werden neue Ideen automatisch erzeugt indem neue Assoziationen gebildet werden oder Wissen auf einen neuen Bereich angewendet wird. Dies trifft für allein arbeitende Individuen als auch für Individuen in Gruppen zu, wobei letztere nicht nur den Ideen anderer Gruppenmitgliedern ausgesetzt sind, sondern auch den Wartezeiten in Folge des wechselseitigen Ideenaustausches. Produktionsblockierung ist somit die unvermeidliche Folge des verbalen Austausches von Ideen in face-to-face Gruppen. Eine Hypothese aus der SIAM ist, dass Wartenzeiten von sehr langer Dauer zu einer Unterbrechung eines Gedankengangs führen, dadurch dass das Image deaktiviert wird und nicht mehr zur Generierung von neuen Ideen benutzt werden kann. Blockierung entsteht auch durch das wiederholen der Idee, um sie nicht zu vergessen oder durch das Aufpassen, um das Wort ergreifen zu können. Es wurde auch herausgefunden, dass die Gedankengänge beim individuellen Brainstorming länger sind, sowie dass sich in Gruppen mehr Kategorienwechsel feststellen lassen.

Ist kognitive Stimulierung möglich?

Die Produktionsblockierung als unvermeidlicher Nebeneffekt es verbalen Ideenaustauschs eröffnete den Weg für andere Verfahren, wie „Brainwriting“ und „elektronische „Brainstorming (Ideen aufschreiben und gleichzeitig austauschen)“, bei denen eine Studien zeigten, dass schriftlicher Ideenaustausch zu Produktivitätsgewinnen führen kann, wobei relativ große Brainstorminggruppen mehr Ideen erzielten als bei vergleichbaren Nominalgruppen.

Nach der SIAM Theorie können sich Ideen anderer positiv auf die Ideengenerierung auswirken, da sie die Zeit zum Erstellen von Images verkürzen. Allerdings zeigt sich bei dieser Stimulierung eine Abnahme der Verarbeitungstiefe weil sie zu vorzeitigem Kategorienwechsel führt. D.h. dass eine heterogene Stimulierung die Anzahl der Kategorien erhöht, wobei die semantisch homogene Stimulierung hingegen die Anzahl der Ideen pro Kategorie erhöht. Untersuchungen von Ziegler, Diehl & Zijlstra, (2000) zeigten, dass das Teilen von Ideen mit anderen auch zu einer Konzentration auf die Kategorien, die man mit anderen Gruppenmitgliedern gemeinsam hat. Die Abnahme der Verarbeitungsbreite wurde aber mit der Zunahme  der Verarbeitungstiefe kompensiert.

Frühe Untersuchungen behaupteten, dass schon die Äußerung einer Idee die Ideenfindung der anderen Teilnehmenden beeinflusst. Daher wäre es sinnvoll, alle Teilnehmenden vor dem eigentlichen Brainstorming ihre Ideen aufschreiben zu lassen, um danach zunächst gänzlich unbeeinflusst davon berichten zu können. Laut einem Bericht in „Bild der Wissenschaft“ 1/2005 nützt die Methode jedoch nachweislich nichts: 50 Studien zeigten ein vernichtendes Ergebnis, die Kandidaten konnten es in Gruppen nicht besser, weil sie sich gegenseitig blockierten. Meist mussten sie warten, bis ein anderer ausgeredet hatte, was ihre Kreativität hemmte. Einzelkämpfer hingegen hatten nicht nur mehr, sondern auch bessere Eingebungen als die Gruppe. Kreativität hinge somit eher vom Bewusstseinsstand der Einzelnen ab. Geübte kreative Menschen sind in der Lage, sich innerhalb einer Brainstorming-Sitzung gegenseitig anzuregen und zu beflügeln. Die Brauchbarkeit der Ideen hängt wesentlich von der Vertrautheit der Teilnehmenden mit dem Problemgebiet ab, vielfältige Interessen und breite Allgemeinbildung sind ebenfalls vorteilhaft. Oft werden Brainstorming und verwandte Methoden nur deshalb angewendet, um möglichst viele Personen an der Problemlösung zu beteiligen, also aus (betriebs-)politischen Gründen. In solchen Fällen spielt die Effektivität keine große Rolle. Wird Brainstorming streng ergebnisorientiert eingesetzt und auch nur von für diese Methode geeigneten Personen ausgeübt, kann es sehr schnell zu guten Teilergebnissen führen, die wiederum weitere Arbeitsschritte befruchten. Ein Sozialpsychologe der Universität Utrecht machte bezüglich Brainstorming ein Experiment, in dem 20 allein nachdenkende Menschen bis zu 50 % mehr und originellere Einfälle hatten als „Teams“, die Brainstorming betrieben.

Quellen

Nückles, M., Gurlitt, J., Pabst, T. & Renkl, A (2004). Mind Maps und Concept Maps. Visualisieren – Organisieren – Kommunizieren. München: dtv.
Stroebe Wolfgang, Nijstad Bernard (2004). Warum Brainstorming in Gruppen Kreativität vermindert: eine kognitive Theorie der Leistungsverluste. Psychologische Rundschau 2004 S. 2ff.


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