Pädagogische Fachzeitschriften 2006

Zur pädagogischen Bedeutung des Dissenses

„Es gibt Dinge, über die man sich einigen kann und wichtige Dinge!“ – Dabei soll der zeitgenössischen Gewohnheit, Partizipation, Mitbestimmung und Diskurs im Erziehungsprozess für wünschenswert zu halten, nicht widersprochen werden, allerdings sei die These vertreten, wonach es weniger der gelingende, in einer Konsenslösung endende Diskurs ist, der pädagogisch bedeutsam ist, als vielmehr der gescheiterte oder der teilweise gescheiterte Diskurs. (vgl. Roland Reichenbach, Zeitschrift für Pädagogik, 2000, S. 795) 

Das Ideal der symmetrischen Kommunikation und Asymmetrie des erzieherischen Verhältnisses 

Erziehung ist eine kommunikative Praxis zwischen ungleichen Partnern. Mit der Geburt treten die Menschenkinder in ein Generationenverhältnis ein. Dieses Faktum ist einen anthropologische Konstante und zugleich der Grund, warum Erziehen als eine menschliche Grundpraxis betrachtet werden kann. Die Asymmetrie im erzieherischen Verhältnis besteht zuallererst darin, dass die eine Seite mit der Welt der Menschen und ihrer raumzeitspezifischen Kultur als „Immigranten“ bezeichnen.

Schon der oberflächliche Blick über die Geschichte der Kindheit zeigt, dass der Umgang mit den „Neuankömmlingen in der Welt der Menschen“ höchst unterschiedliche Formen und Qualitäten aufweisen kann. Das Ideal hat zwei unterschiedliche Ausgestaltungen, einerseits als „Emotionalisierung“ und „Psychologisierung“ des erzieherischen Verhältnisses, andererseits als dessen „Diskursivierung“. Die Wurzeln werden im modernen Ideal der Authentizität gesehen.

Dass diese Sichtweise nicht bloß einer erziehungsphilosophisch relevanten Spekulation entspricht, zeigt sich empirisch anhand von zahlreichen Untersuchungen zum Wertwandel, insbesondere aber zu präferierten Erziehungszielen.

Es lässt sich kaum übersehen, dass das in zeitgenössischen pädagogischen Diskursen allgemein verbreitete Postulat meist wenig komplex dargeboten wird und dass unklar bleibt, was damit nun gemeint ist!

Aus pädagogischer Perspektive erscheint primär beunruhigend, dass der Antagonismus zwischen dem Ideal der symmetrischen Kommunikation und der prinzipiellen Asymmetrie des erzieherischen Verhältnisses, welches doch den meisten Erziehungspersonen täglich Mühe bereitet. Das bedeutet nichts anderes als dass heute selbst praktisch tätige Pädagogen/innen und auch viele Eltern nicht mehr zu dem stehen können, was Erziehung schon immer war: eine Zumutung! Erziehung ist eben nicht nur eine Zumutung für die so genannte Edukanden, sondern auch für die Erziehenden. (vgl. Roland Reichenbach, Zeitschrift für Pädagogik, 2000, S. 796ff)

Diskurs und Konsens

Die theoretischen Quellen des Partizipationspostulats im Senne diskursiver Mitentscheidungen können in demokratietheoretischen Ansätzen, sozialistischen Theorieansätzen, Theorien der Persönlichkeitsentwicklung, Theorien der Produktivitätssteigerung, aber auch pädagogischen Ansätzen insbesondere der moralischen Erziehung und politischen Bildung liegen. (vgl. Roland Reichenbach, Zeitschrift für Pädagogik, 2000, S. 799)

Kontrafaktische Diskurskompetenzen

Das Habermassche Ideal des rationalen Konsenses setzt ein hohes Vertrauen in die so genannte „Kraft des besseren Arguments“ und eine von den Diskursteilnehmern geteilte „rationale Motivation“ voraus.

Dass Menschen immer wieder Einigungen finden, ja dass das Leben voller Einigungsprozesse und –produkte ist, sind zugleich eine Binsenwahrheit und ein bedeutsames Faktum. Es scheint, dass Argumentationskonsense nur exklusiven Charakter haben und pädagogisch deshalb eher Einigungskonsense interessieren müssen. (vgl. Roland Reichenbach, Zeitschrift für Pädagogik, 2000, S. 799ff)

Konsenssuche, moralische Erziehung und politische Bildung

Demokratie ist die Antwort und vielleicht das Heilmittel für gescheiterte Konsenssuche. Doch der Umstand, dass die Suche nach rationalen Argumentationskonsensen meist erfolglos bleibt, macht sie keineswegs überflüssig. Vielmehr ist es der vorausgehende Diskurs, der den Schnitt zwischen Mehrheit und Minderheit auch für relevante moralische Fragen verantwortbar macht. (vgl. Roland Reichenbach, Zeitschrift für Pädagogik, 2000, S. 800ff)

Dissenstauglichkeit und Erziehung

Zwar gehört es zu den edel motivierten Positionen moderner Pädagogik, den Konsenskompetenzen gerade im Rahmen der Multikulturalität hohe Priorität zuzubilligen, Grundwertedebatte anzuregen oder zu fordern in der Hoffnung, man würde sich auch in den wesentlichen Fragen des menschlichen Zusammenlebens einigen können, und mit dem Ausgangspunkt, die Gesellschaft sei als eine Art Gebäude zu betrachten und ihre Grundwerte als dessen Fundament, also in der Befürchtung, ohne solides Fundament breche das soziale Gebäude auseinander.

Die Zumutung des Erzogenwerdens, sind die „Angriffe“ auf die eigenen Welt- und Selbstinterpretationen, diese Versuche, mich zu zwingen, die Welt und mich selbst bzw. meine Handlungen anders zu sehen und zu deuten als ich es gerne möchte. Und genau darin besteht die Zumutung des Erziehens, nämlich das Kind, den Jugendlichen in seiner Selbstverständlichkeit, Selbstgewißheit und vielleicht sogar Selbstgerechtigkeit zu stören und einzuschränken.

Nun gilt es allerdings zwei pädagogische Diskurssituationen zu unterscheiden. Die eine wird als harmlose bezeichnet, die andere als überfordernde. In harmlosen pädagogischen Diskurssituationen spielt und funktioniert das, was man „Diskursdidaktik“ nennen könnte (vgl. Zeitschrift für Pädagogik, Roland Reichenbach S. 795 ff).


Eine weitere Zusammenfassung:

1. Vorbemerkung

„ ‘Es gibt Dinge, über die man sich einigen kann und wichtige Dinge.’  Dabei soll der zeitgenössischen Gewohnheit, Partizipation, Mitbestimmung und Diskurs im Erziehungsprozess für wünschenswert zu halten, nicht widersprochen werden; allerdings sei die These vertreten, wonach es weniger der gelingende, in einer Konsenslösung endende Diskurs ist, der pädagogisch bedeutsam ist, als vielmehr der gescheiterte oder teilweise gescheiterte Diskurs, an dessen Ende die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in wesentlichen Fragen im Dissens verbleiben“ (Reichenbach 2000, S.795).

2. Das Ideal der symmetrischen Kommunikation und Asymmetrie des erzieherischen Verhältnisses.

Erziehung kann man als kommunikative Praxis zwischen ungleichen Partner betrachten.  Mit der Geburt treten die Menschenkinder in ein Generationsverhältnis ein. Diese Tatsache ist eine anthropologische Tatsache und so kann man das Erziehen als menschliche Grundpraxis betrachten.

Durch den Neuankömmling  in der Welt der Menschen entstehen höchst unterschiedliche Formen und Qualitäten des Umgangs.  Dies zeigt schon ein oberflächlicher Blick über die Geschichte der Kindheit.

Das Ideal stellt zwei sehr unterschiedliche Ausprägungen dar: einerseits als „Emotionalisierung“ und „Psychologisierung“ des erzieherischen Verhältnisses, andererseits als dessen „Diskursivierung“. Die Wurzeln des ersteren werden im modernen Ideal der Authentizität gesehen, der Ursprung der Diskursivierung ist im Emanzipations- und Autonomieideal.

Dass diese Sichtweise nicht bloß einer erziehungsphilosophisch relevanten Spekulation entspricht, beweisen zahlreiche Untersuchungen zum Wertewandel, insbesondere aber zu präferierten Erziehungszielen. So nimmt der Wert der „Selbstständigkeit“ seit geraumer Zeit zu.

Es lässt sich kaum übersehen, dass das in zeitgenössischen pädagogischen Diskursen allgemein verbreitete Postulat nach vermehrter Mitbestimmung meist wenig komplex dargeboten wird. Folglich bleibt unklar, was nun eigentlich damit gemeint ist.

Der Antagonismus steht zwischen dem Ideal der symmetrischen Kommunikation und der Asymmetrie des erzieherischen Verhältnisses und bereitet vielen Erziehungspersonen Probleme. Das bedeutet, dass heute sogar praktische Pädagogen/innen aber auch viele Eltern nicht mehr zu dem stehen können, was Erziehung schon immer war: eine Zumutung!

Erziehung ist eben nicht nur eine Zumutung für die so genannten Edukanden, sondern auch für die Erziehenden (vgl. Reichenbach 2000, S.796ff.). 

3. Diskurs und Konsens

Theoretische Quellen diskursiver Mitentscheidung können in demokratietheoretischen Ansätzen, sozialistischen Theorieansätzen, Theorien der Persönlichkeitsentwicklung, Theorien der Produktivitätssteigerung, aber auch pädagogischen Ansätzen insbesondere der moralischen Erziehung und politischen Bildung liegen. Das Ideal der symmetrischen Kommunikation erzeugt einen erhöhten Rechtfertigungsdruck (vgl. Reichenbach 2000, S.799).

3.1 Kontrafaktische Diskurskompetenzen

Das HABERMASSCHE Ideal des rationalen Konsenses setzt ein hohes Vertrauen in die so genannte „Kraft des besseren Arguments“ und eine von den Diskursteilnehmern geteilte „rationale Motivation“ voraus.

Menschen finden immer wieder Einigung, das Leben ist voller Einigungsprozesse. Argumentationsargumente sind für die Pädagogik eher zweitrangig und haben deshalb exklusiven Charakter. Es sind die Einigungskonsense, durch welche Menschen zeigen, dass sie sich in konkreten Fragen arrangieren können, die von pädagogisch größerer Bedeutung sind (vgl. Reichenbach 2000, S.799ff).

3.2 Konsenssuche, moralische Erziehung und politische Bildung

Demokratie ist die Antwort und vielleicht das Heilmittel für gescheiterte Konsenssuche. Doch der Umstand, dass die Suche nach rationalen Argumentationskonsensen meist erfolglos bleibt, macht sie keineswegs überflüssig. Vielmehr ist es der vorausgehende Diskurs, der den Schnitt zwischen Mehrheit und Minderheit auch für relevante moralische Fragen verantwortbar macht (vgl. Reichenbach 2000, S.802 ff).

4. Dissenstauglichkeit und Erziehung

Zwar gehört es zu den edel motivierten Positionen moderner Pädagogik, den Konsenskompetenzen gerade im Rahmen der Multikulturalität hohe Priorität zuzubilligen, Grundwertedebatte anzuregen oder zu fordern in der Hoffnung, man würde sich auch in den wesentlichen Fragen des menschlichen Zusammenlebens einigen können. Mit dem Ausgangspunkt, die Gesellschaft sei als eine Art Gebäude zu betrachten und ihre Grundwerte als dessen Fundament; also in der Befürchtung, ohne solides Fundament breche das soziale Gebäude auseinander.

„Angriffe“ auf die eigenen Welt- und Selbstinterpretationen, also die Versuche, mich zu zwingen, die Welt um mich anders zu sehen und zu deuten als ich es gerne möchte, ist die Zumutung des Erzogenwerdens. Darin besteht die Zumutung des Erziehens, nämlich das Kind, den Jugendlichen in seiner Selbstverständlichkeit und sogar Selbstgerechtigkeit zu stören und einzuschränken.

Man unterscheidet zwei pädagogische Diskurssituationen, die harmlose und die überfordernde. In der harmlosen pädagogischen Diskurssituation funktioniert das, was man „Diskursdidaktik“ nennen könnte (vgl. Reichenbach 2000, S.802 ff). 

Quelle

Reichenbach Roland (2000). „Es gibt Dinge, über die man sich einigen kann, und wichtige Dinge.“ Zur pädagogischen Bedeutung des Dissens. Zeitschrift für Pädagogik, 2000, 795-806.


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