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Pädagogische Fachzeitschriften 2006

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Großeltern und Enkelkinder: Sozialwissenschaftliche Perspektiven und Forschungsergebnisse hinsichtlich einer selten untersuchten Beziehung

Verschiedene theoretische Perspektiven und Herangehensweisen

Durch die in früheren Zeiten geringere Lebenserwartung und aufgrund der vielen Todesfälle, vor allem bei Großvätern in den beiden Weltkriegen, hatten Enkel und Großeltern oft überhaupt keine Chance einander zu begegnen. „Diese Analysen widersprechen eindeutig dem Mythos einer angeblich schon immer existierenden Großfamilie über mehrere Generationen, in der Großeltern, inmitten einer Schar von Kindern und Enkeln, ihren beschaulichen Lebensabend verbringen“ (Schütze zit. nach Uhlendorff 1997). 

Aus heutiger Sicht wird der Großelternschaft hauptsächlich Positives zugeschrieben, wie die Unterstützung und Entlastung für die Eltern, Hilfestellungen bei Problemen, Förderung der kognitiven Entwicklung und der sozialen Erfahrungen der Enkel, sprich als Bereicherung der Familie (Aldous zit. nach Uhlendorff 1995; Herlyn, Kistner, Langer-Schulz, Lehmann & Wächter zit. nach Uhlendorff 1998; Krappmann zit. nach Uhlendorff 1997). 

Zwischen Eltern und Großeltern kommt es nach quantitativen Studien und auch nach intensiven qualitativen Interviews kaum zu Streitigkeiten bezüglich der Erziehung, da Großeltern sich daran erfreuen, mit den Enkeln Zeit zu verbringen, ohne dabei die Verantwortung bezüglich der Erziehung übernehmen zu müssen (Berger zit. nach Uhlendorff 1996; Herlyn et al. zit. nach Uhlendorff 1998). 

Die sozial-emotionale Selektionstheorie besagt, dass „[...] sich ältere Menschen besonders auf emotional bedeutsame Personen konzentrieren, zu denen ihre Enkelkinder sicherlich gehören“ (Carstensen zit. nach Uhlendorff 1992; Allen, Blieszner & Roberto zit. nach Uhlendorff 2000). 

„Generativität, ein von Erikson (1973) eingeführter Begriff, bezieht sich auf die verantwortungsvolle Weitergabe von Erfahrung und Kompetenz von älteren Personen an jüngere Generationen [...]“ (Uhlendorff 2003), was die eigene Entwicklung und die der Enkel positiv beeinflusst. 

Es kommt vor, dass „modernen“ Großmüttern unterstellt wird, sie würden sich lieber ihren eigenen Interessen widmen anstatt sich um die Enkel zu kümmern. Viel wichtiger ist zu hinterfragen, wie sehr sie sich dazu verpflichtet fühlen, wo sie jetzt doch die Zeit hätten eigenen Bedürfnissen nachzugehen (Herlyn et al. zit. nach Uhlendorff 1998).

Fragenkomplexe und Ergebnisse empirischer Forschungen

Bei Untersuchungen und Studien der Großmutterschaft in Deutschland wurden unter anderem folgende Fragenkomplexe einbezogen: Wohnentfernung, Kontakthäufigkeit, Enkelbetreuung, direkte / indirekte Sozialisationseinflüsse und Großeltern und die Scheidung von Eltern. 

Die Distanz vom Wohnort der Großeltern und Enkel ist zum überwiegenden Teil nicht allzu groß. Eher weit entfernt leben Enkel, wenn Eltern das Abitur und ein Studium absolviert hatten bzw. im Anschluss ein Wohnortwechsel aufgrund eines Arbeitsverhältnisses erfolgte. „Mit zunehmendem Alter der Großmütter stieg die Wahrscheinlichkeit, dass sie in der Nähe ihrer Enkel wohnen“ (Uhlendorff 2003). Wohnentfernung und Kontakthäufigkeit korrelieren hoch miteinander. 

Großmütter, auch wenn diese erwerbstätig sind, betreuen Enkel viel häufiger als Großväter, wobei dies bei nicht im Berufsleben stehenden Großvätern etwas häufiger der Fall ist (Templeton & Bauereiss zit. nach Uhlendorff 1994). 

Bei den Omas hat man den Eindruck, „[...] dass engagiertes Großmuttersein zu ihrer Vorstellung vom erfüllten oder zufriedenen Älterwerden dazugehört und gleichzeitig sinnvolle Lebensperspektiven eröffnet“ (Uhlendorff 2003). 

Eigene Auswertungen von Dr. Uhlendorff (1995) bezüglich den direkten Sozialisationseinflüssen ergaben, dass der Wortschatz der Enkel umso größer war, desto mehr sich ihre Großeltern mit ihnen befassten. Mehrere Studien lassen auf eine positive Wirkung im Bereich der Sprache der Kinder schließen. Indirekte Sozialisationseinflüsse sind hingegen nicht gut erforscht (vgl. Uhlendorff 2003) 

Haben Mütter nach einer Scheidung das alleinige Sorgerecht über, ist die Unzufriedenheit bezüglich der Kontakthäufigkeit von Großeltern mit den Enkeln bei Großeltern väterlicherseits noch größer. „Aus dieser Situation heraus entstanden in den USA und Großbritannien politische Bewegungen, die für Besuchsrechte von Großeltern streiten“ (Aldous zit. nach Uhlendorff 1995; Drew & Smith zit. nach Uhlendorff 1999).

„Van Crombrugge (1993) meint, Großeltern können der lebendige Beweis dafür sein, dass es möglich ist, Schwierigkeiten und Hindernisse zu überleben. Sie lehren, dass man innere und äußere Änderungen, so überwältigend sie im Moment auch sein mögen, ertragen und verarbeiten kann. Bei solchen Betrachtungen schwingt der Respekt vor den Großelterngenerationen mit, die die schweren Kriegs- und Nachkriegszeiten im 20. Jahrhundert bewältigen mussten. Hinzugefügt werden muss hier allerdings, dass Großeltern auch Vorbilder dafür sein können, dass manche Herausforderungen nicht verarbeitet oder ertragen werden können und deshalb persönliches Scheitern droht“ (Uhlendorff 2003).

Quelle

Uhlendorff, Harald (2003). Großeltern und Enkelkinder: Sozialwissenschaftliche Perspektiven und Forschungsergebnisse hinsichtlich einer selten untersuchten Beziehung. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 50, 111-128.


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