Pädagogische Fachzeitschriften 2006

G. Brahm

Kopfnoten in der Schule

Relevante Informationen oder zusätzliche soziale Selektion? 

1.            Anwendungsgebiete

In der Praxis erfolgt die Einführung von Kopfnoten nach Schülergruppen und der

Transparenz des Zweckes. Es gibt unterschiedliche Verfahren, das Arbeits- und Sozialverhalten

der Schüler zu bewerten. Einige Länder bewerten nach einer Ziffern- und andere Länder nach einer Buchstabenskala. Die Ausführung der Anbringung von Kopfnoten wird auch unterschiedlich ge­handhabt. Entweder erfolgt die Anführung auf dem Abschlusszeugnis oder die Bewertung wird separat ausgewiesen.

Bei den Intentionen für die Einführung von Kopfnoten werden Sozialfunktion, Berichtsfunktion,

pädagogische Absichten und Disziplinierungsfunktion abgeleitet.

Die Sozialfunktion soll den Schülern die Wertigkeiten der gesellschaftlichen Normen vermitteln. Da die Bewertung der Schüler nach diesem Gesichtspunkt differenziert erfolgt, wird nach dem Prinzip der Selektion vorgegangen. Bei der Berichtsfunktion wird die Möglichkeit einer zusätzlichen Information über Schlüsselqualifikationen gegeben. Die pädagogische Absicht verfolgt die Verbesserung des Verhaltens. Durch entsprechende Anreize sollen Schüler ihr Verhalten in der Schule und im Unterricht verbessern. Die Disziplinierungsfunktion ermöglicht den Lehrern, die Kopfnote als Druckmittel bei Fehlverhalten der Schüler einzusetzen.

2.            Risiken und Nebenwirkungen

Die Personenbeurteilung erfordert eine objektive Kompetenz der Lehrkräfte, ansonsten kann es zu einer sozialen Selektion kommen. Dies wiederum bedeutet eine Benachteiligung leistungsschwa­cher Schüler.

Die Diagnosekompetenz der Lehrer enthält einige Fehlerquellen für die objektive Beurteilung des Arbeits- und Sozialverhaltens der Schüler. Die Lehrererwartung beeinflusst deren Urteil, so wie ihre subjektive Einschätzung. Es gibt keine klaren und einheitlichen Beobachtungskategorien, nach dem die Bewertung erfolgen könnte. Es ist wichtig, ob das Verhalten nach einem individuellen, einem sozialen oder kriterialen Bezugssystem eingeschätzt wird und dadurch eine Bewertung transparent werden kann. Die Bewertungen müssen erfasst und protokolliert werden, dies bedeutet für Lehr­kräfte eine zusätzliche Arbeitsbelastung.

Bei sogenannten „self-fulfilling prophecies“ haben die Lehrer eine bessere Erhaltungswartung von Schülern, bei denen sie im vorhinein annehmen, dass diese besseres Benehmen haben. Im Schulalltag könnte dies zu einer Benachteiligung von sozial schwachen Schülern führen. Die Herkunft des Schülers spielt deshalb auch eine wichtige Rolle bei der Bewertung von Arbeits- und Sozialverhalten. Die Schüler aus bildungsnahen Elternhäuser werden den Schülern aus bildungsfernen Schichten bevorzugt. Das bedeutet, dass bestimmte Verhaltensweisen, die dem Schüler zu Hause und auch in der Schule nicht beigebracht wurden, bewertet würden. Das fehlende Kapital, die fehlende Erwartung der Lehrer und die fehlende Vermittlung der Verhaltensweisen würden somit die soziale Selektivität in der Schule verstärken

So eine Verhaltensdiagnose könnte bei einer Anführung auf dem Abschlusszeugnis dazu führen, dass sie als eine Verhaltensprognose missverstanden wird. Das Fehlverhalten als Schüler würde somit ein Leben lang aufgezeigt werden. Es soll nicht außer acht gelassen werden, dass die Schule für die Schüler im pubertären Alter ein Ort des „Sich-Ausprobierens“ sein sollte.

3.            Konsequenzen für die Gestaltung von Kopfnoten

Der Begriff Kopfnote umfasst das Arbeits- und Sozialverhalten. Bei diesen handelt es sich aber um zwei verschiedene Verhaltenskategorien, die gesondert zu betrachten sind.

Für die Bewertung von Verhalten müssen konkrete Indikatoren bestimmt werden. Vorrangig stehen Selbstständigkeit, Konzentrations-, Kontakt-, Konflikt- und Teamfähigkeit zur Bewertung. Wichtige Anforderungen die eine Bewertung eines solchen konkreten Verhaltensmerkmals in der Schule ermöglichen sind:

Die Bewertung erfolgt entweder durch die Vergabe einer Note oder eines Wortgutachtens. Eine verbale Einschätzung des Arbeits- und Sozialverhaltens wird nur bei einer entsprechenden Beobachtungs-, Diagnose- und Kommunikationskompetenz des Lehrers aussagekräftig. Die objektive Bewertung des Verhaltens ist für die Lehrer schwieriger als die objektive Bewertung von Schülerleistungen. Der damit verbundene Arbeitsaufwand für Lehrkräfte macht eine Umsetzung unwahrscheinlich.

Die Einschätzung wird fachspezifisch oder fachübergreifend erstellt. Wichtig ist, dass Rückmeldungen sowohl an den Schüler als auch an den Lehrer erfolgen. Dies bedeutet für jüngere Schüler eine Hilfestellung, das eigene Verhalten verstehen zu können. Das Anführen von Kopfnoten auf Abschlusszeugnissen birgt die Gefahr, dass jugendliche Verhaltensweisen statisch festgeschrieben werden und bei Bewerbungen immer ersichtlich sind.

4. Kopfnoten: Professionelle Anforderungen für deren Einführung

Es muss klar definiert werden, ob es sich bei der Einführung von Kopfnoten um ein Förder- oder ein Selektionsinstrument handelt. Ohne Definition ist eine Ausgestaltung von Kopfnoten nicht möglich. Die hohen Erfordernisse an eine objektive und valide Verhaltensbeurteilung können nur durch eine fundierte Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte erfüllt werden.

Kopfnoten sind eine populäre Maßnahme. Zunächst bedarf es einer Bewertung, ob die Maßnahme effektiv ist und ob die erhofften Erwartungen in einem angemessen Verhältnis zu den Risiken stehen.

Quelle

Brahm, G. (2006). Kopfnoten in der Schule. Relevante Informationen oder zusätzliche soziale Selektion? Die deutsche Schule, 98. Jg., S. 351-362


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