Pädagogische Fachzeitschriften 2006

Uta Klusmann, Mareike Kunter, Ulrich Trautwein und Jürgen Baumert 

Lehrerbelastung und Unterrichtsqualität aus der Perspektive von Lehrenden und Lernenden

Einleitung

Da sehr viele Lehrkräfte in Frühpension gehen, ist die Untersuchung der psychischen Belastung von großer Bedeutung. Es wird angenommen, dass diese Belastung die Qualität des Unterrichts beeinträchtigt (was bisher nur durch Selbstberichte der Lehrer untermauert wird), und das merken auch die Schüler.

Die  Belastung der Lehrer wird durch 3 Dimensionen festgehalten: Die Emotionale Erschöpfung, die Dehumanisierung und die verminderte Leistungsfähigkeit. Oft treten diese Belastungen als Folge von Arbeitsüberlastung auf, die aus zu großen Klassen, Zeitdruck oder heterogenem Leistungsniveau resultieren kann. Der soziale Hintergrund der Lehrkräfte spielt dabei eine große Rolle, wie diese Überlastungen erlebt werden.

Um dieses Zusammenspiel zwischen Belastung und Auswirkung auf die Schüler zahlenmäßig zu erfassen, haben Schaarschmidt & Fischer den Fragebogen zu Arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmustern (AVEM) entwickelt.

Sie gehen davon aus, dass dieser Belastungen Einfluss haben auf das Arbeitsengagement (beruflicher Ehrgeiz und Distanzierungsfähigkeit), auf die Widerstandsfähigkeit und die berufsbegleitenden Emotionen (Zufriedenheit) der Lehrkräfte.

Es konnten 4 verschiedene Lehrertypen herauskristallisiert werden:

Der Gesundheitstyp weist eine gesunde Mischung aus Arbeitsengagement, Widerstandsfähigkeit und Emotionen auf. Der Schontyp wiederum weist ein geringes Arbeitsengagement und eine hohe Distanzfähigkeit auf. Während der Risikotyp A ein überhöhtes Arbeitsengagement und eine sehr geringe Distanzfähigkeit aufweist, kennzeichnet sich der Risikotyp B durch hohes Arbeitsengagement, aber eine hohe Resignationstendenz und innere Unruhe. Dieser Typ ist besonders gefährdet.

Je nachdem, wie diese Belastungen von den Lehrern selbst empfunden werden, wirkt sich das natürlich auch auf ihr Verhalten im Unterricht aus. Dies nehmen auch die Schüler wahr, und dadurch wird ihr Verhalten und ihre Leistung beeinflusst.

Um eine gute Unterrichtsqualität zu erlangen, ist es notwendig, das richtige Tempo zu finden, das den Schülern auch die Zeit zum Nachdenken lässt. Ein optimaler Unterricht beinhaltet eine effektive Klassenführung und ein hohes Maß an kognitiven Herausforderungen und persönlicher Unterstützung.

Untersuchung

Man hat eine Stichprobe von 314 Mathematiklehrkräften im Alter zwischen 25 und 64 Jahren und deren Schüler untersucht um festzustellen, ob sich die 4 Typen von Schaarschmidt darin widerspiegeln. Es zeigte sich ein deutlicher Unterschied zwischen Männern und Frauen. Die Männer stellten sich eher als Schontypen heraus, während die Frauen zum Risikotyp B tendierten. Und auch das Alter spielt eine große Rolle.  Lehrer, die schon ca. 15 Jahre Erfahrung hatten, gehörten vorwiegend dem Gesundheitstypen an. 

In weiterer Folge wurde der Zusammenhang zwischen den einzelnen Typen und ihrer Unterrichtsqualität aus der Sicht der Schüler untersucht. Die Lehrkräfte stammten aus 179 Schulen aus allen Schulformen.

Die Schüler sollten ihre Lehrkräfte und deren Untersichtsqualität durch einen Fragebogen beurteilen – es gab jeweils 4 Auswahlmöglichkeiten anzugeben, von trifft völlig zu bis trifft nicht zu. Gefragt wurde nach Störungen im Unterricht, Tempo des Unterrichtes, Förderung der Selbständigkeit und inwieweit interessieren sich die Lehrer für die persönlichen Bedürfnisse der Schüler, sind sie gerecht oder behandeln sie die Schüler eher verletzend.

Es stellte sich heraus, dass der Gesundheitstyp die Selbständigkeit der Schüler weit mehr fördert, als der Risikotyp B. Auch das Lerntempo wurde nur beim Gesundheitstyp als angenehm empfunden. Alle anderen Typen von Lehrern gingen den Lernstoff für das Empfinden der Schüler zu schnell durch. Dasselbe Ergebnis kristallisierte sich auch beim Gerechtigkeitsempfinden der Schüler. Der Gesundheitstyp wurde von den Schülern auch als derjenige wahrgenommen, der sich am meisten für sie interessierte und engagierte. Die Störung im Unterricht und die Verletzungen seitens der Lehrer wurden hingegen bei allen 4 Lerntypen gleich empfunden. 

In dieser Studie gehörten 31% dem Gesundheitstypen an, während bereits vorhandene Befunde von Schaarschmidt nur 15% diesem Typen zuteilten. Auch der Risikotyp A traf bei dieser Untersuchung nur bei 19% zu, bei den bisherigen Studien waren es sogar 30%.

Grund dafür könnte unter anderem die unterschiedliche Stichprobe sein, bislang wurden nur Gelegenheitsstichproben mit Lehrern unterschiedlicher Unterrichtsfächer durchgeführt. Natürlich kommt es auch auf die Auswahl der verwendeten Methode an.

Beide Studien zeigten aber, dass vorwiegend Frauen dem Risikotyp B zugehörten. Die Schüler beurteilten Lehrer des Risikotyp B als eher zu schnell im Unterricht und hatten keine Zeit um selbständig zu lernen. Sie wurden auch als weniger gerecht empfunden und interessierten sich nur wenig für ihre Schüler. 

Diese Studien sind deshalb sehr bedeutend, weil sie erstmal über die Selbsteinschätzung der Lehrer hinausgeht. Außerdem hat man versucht, den oftmals diskutierten Fragen über den Zusammenhang zwischen der Lehrerbelastung und deren Verhalten im Unterricht, nachzukommen. Es hat sich gezeigt, dass der Gesundheitstyp und der Risikotyp B wesentliche Verhaltensunterschiede im Unterricht aufweisen. Besonders wirken sich diese Unterschiede laut der Schüler auf der Unterrichtsqualität aus. Bei der Klassenführung hingegen wurden keine deutlichen Unterschiede der 4 Typen erkannt. Man vermutet, dass es für belastete Lehrer von großer Bedeutung ist, dass der Unterricht ohne Störungen abläuft, um nicht auf die einzelnen Schüler eingehen zu müssen. Dieses Verhalten wirkt sich aber langfristig auf die Unterrichtsqualität aus.

Man kann dieses Ergebnis allerdings nicht generalisieren. Es sind noch viele weitere Studien nötig um dieses Forschungsthema zu analysieren. In weiterer Folge sollte man auch nicht nur das Empfinden der Schüler, sondern auch deren Verhalten und ihre Leistungen mit in die Studien einbeziehen.

Quelle

Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 2006, 161-173


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