Pädagogische Fachzeitschriften 2006

Petra Wagner, Christine Spiel und Maria Tranker

Wer nimmt Nachhilfe in Anspruch?

Eine Analyse aus Hauptschule und Gymnasium

1 Einführung

Viele Wissenschaftler argumentieren, dass die Kinder ihre Hausübungen möglichst früh selbständig erledigen sollten. Das ist in der Realität nicht der Fall, weil oft die Eltern und auf Grund der steigenden Berufstätigkeit immer mehr die Nachhilfeinstitute die Hilfestellung übernehmen. (vgl. Wagner, Spiel & Tranker 2003, S. 234)

2 Befundlage zum Nachhilfeunterricht

Es zeigt sich aus einem Überblick aus der vergangen Studien über Nachhilfe, dass diese sehr heterogen und methodenbedingt schwer vergleichbar sind. Gleichzeitig ist es kaum möglich eine einheitliche empirische Basis über, Methoden, Inhalte, Ergebnisse und Motive des Nachhilfeunterrichts zu finden. (vgl. Wagner et al 2003, S. 234 f)

3 Studie 1

Studie 1 beschäftigt sich mit den Fragen wie häufig und von wem (Schultyp, Klassenstufe, Geschlecht) Nachhilfe in Anspruch genommen wird. (Wagner et al 2003, S. 235) Erhoben wurden die Daten im zweiten Halbjahr 97/98 an österreichischen Gymnasien und Hauptschulen als Erhebungsinstrument wurden die Schüler angehalten eine durchschnittliche Kalenderwoche in form eines Tagebuchs zu protokollieren. (vgl. Wagner et al 2003, S. 235 f)

Die Auswertung ergab, dass jeder 5 Schüler im Durchschnitt 2 Stunden Nachhilfe pro Woche erhält und der Anteil an Nachhilfeschülern in Hauptschule und Gymnasium gleich hoch ist. Die einzigen Geschlechtsunterschiede wurden in der Oberstufe Gymnasium festgestellt, weil dort weniger Mädchen als durch Zufall angenommen Nachhilfe in Anspruch nehmen. Dafür ist aber die Zahl der Nachhilfeschüler unter den Burschen in der Oberstufe vergleichbar höher. Die Hypothese, dass Nachhilfeschüler schlechter Schulleistungen aufweisen als Nichtnachhilfeschüler hat sich durch die Studie bestätigt. Der Zeitaufwand den die Nachhilfeschüler zu Hause für die Schule aufbringen ist ebenfalls um ca. 1 Stunde höher als der Zeitaufwand eines Nichtnachhilfeschülers. (vgl. Wagner et al 2003, S. 235 f)

4 Studie 2

Studie 2 stellt eine Fortführung von Studie 1 dar. Neben der Nachhilferate und der Nachhilfeintensität wurden hier auch Motive und Inhalte des Nachhilfeunterrichts unter Berücksichtigung von Geschlecht und Schultyp analysiert. (Wagner et at 2003, S. 237) Als Erhebungsinstrumente bei dieser Studie dienten ein Fragebogen zu Lern und Nachhilfesituation und zwei Test anhand derer die Kognitive Leistungsfähigkeit der Schüler getestet wurde. (vgl. Wagner et al 2003, S. 237)

25,6 % der Befragten gaben an bereits Nachhilfe in Anspruch genommen zu haben, davon 20 % bereits in der Grundschule. Der Anspruch auf Nachhilfe stieg bei den Befragten die von der Grundschule ins Gymnasium wechselten deutlich mehr als der bei den Hauptschülern. Die durchschnittliche Dauer der Nachhilfeeinheiten wurde mit 3,16 Stunde pro Woche angegeben. Die Motive wurden nach Geschlecht und Schultyp getrennt analysiert. Das am häufigsten genannte Motiv ist der Wunsch nach besseren Noten. Die schwächsten Motive waren Entfallener Unterricht und Schulwechsel. Geschlechterspezifische Unterschiede wurden festgestellt in dem die Burschen als zweithäufigstes Motiv zu wenig Fleiß angaben. Bei den Mädchen waren die zweithäufigsten Motive die Scheu im Unterricht zu fragen und Krankheit. Die Fächer in denen Schultypunabhängig am häufigsten Nachhilfe in Anspruch genommen wird sind Englisch, Deutsch und Mathematik. Der zweite Teil der Studie ergab, dass Schüler mit schwächeren kognitiven Leistungen so genannte Problemschüler öfter Nachhilfe in Anspruch nehmen als Schüler mit gut ausgeprägten kognitiven Fähigkeiten. . (vgl. Wagner et al 2003, S. 238 f)

5 Diskussion

Gerade bei leistungsschwachen Schülern die oft Nachhilfe in Anspruch nehmen wäre ein deutlicher Förderansatz im bereich der Motivation und der Lerntheorie wünschenswert. Diese Förderung sollte allerdings elementarer Schulischer Bestandteil sein und nicht in den Nachhilfeunterricht ausgelagert werden. Nachhilfe könnte durch gezieltes Lernen lernen oftmals vermieden werden. (vgl. Wagner et al 2003, S. 240 f)

Siehe auch die Texte Wieviel Nachhilfe brauchen Schüler? und Ursachen für Nachhilfebedarf

Quelle

Zeitschrift für pädagogische Psychologie
Wagner, P, Spiel, C. & Tranker, M. (2003). Wer nimmt Nachhilfe in Anspruch? Eine Analyse in Hauptschule und Gymnasium 233-243

Abdele, A. & Liebau, E. (1998). Nachhilfeunterricht. Die Deutsche Schule, 90, 37-49

Amthauer, R. (1970). Inteligenz-Struktur-Test (i-s-t 70) Göttingen: Hogrefe.

Behr, M. (1990) Nachhilfeunterricht: Erhebung in einer Grauzone pädagogischer Alltagsrealität Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Brinkmann, G. (1991) Zeit für Schule: Italien. In W. Mitter (Hrsg.), Studien und Dokumentationen zur vergleichenden Bildungsforschung (Band 48/4, S. 1-65) Köln: Böhlau

Brunstein, J. C. & Sörer, N. (2001). Selbstgesteuertes Lernen. In D.H. Rost (Hrsg.) Handwörterbuch Pädagogische Psychologie

Doralt, W. (1993) Schulunterrichtsgesetz Wien: Orac

 

Das österreichische Schulunterrichtsgesetz besagt, dass Hausübung so gewählt werden sollen, dass Schüler diese ohne fremde Hilfe durchführen können. Allerdings helfen in der Realität mehr als die Hälfte der Eltern ihren Kindern dabei, die jedoch oft überfordert damit sind. In den beiden Studien – Studie 1 konzentriert sich auf Häufigkeit und Studie 2 beschäftigt sich mit Motiv, Häufigkeit, Intensität und Rate – wurden sowohl qualitative als auch quantitative Aspekte untersucht.

Problematik der Studie

Die Auswertungen bisheriger Untersuchungen sind oft konträr. Einige Studien sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Zahl der Mädchen, die Nachhilfeunterricht besucht, in etwa gleich hoch ist wie die der Buben. Andere behaupten das weibliche Geschlecht überwiegt. Die dritte Meinung besagt, dass die Jungen häufiger Konsumenten sind.

Schwer vergleichbar sind Untersuchungen, da sie sich aufgrund der Heterogenität im methodischen Vorgehen stark unterscheiden.

In zwei Punkten sind sich Experten allerdings einig: Der Anteil der Nachhilfeschüler ist in Gymnasien höher als in Hauptschulen und die Intensität liegt bei ein bis zwei Stunden pro Woche.

Studie 1

Studie 1 beschäftigte sich mit der Häufigkeit, dem Schultyp, der Klassenstufe und dem Geschlecht. Es wurden alle Hauptschulstufen sowie sieben Klassen des Gymnasiums getestet. Ziel war es herauszufinden, ob man mit Nachhilfeunterricht weniger Zeit investieren oder  zusätzlich arbeiten muss. Im zweiten Halbjahr des Schuljahres 1997/98 sollten die Schüler eine Woche lang ein Tagebuch führen, in dem sie alle schulbezogenen Aktivitäten festhalten sollten. Weiters wurde ein Fragebogen ausgeteilt, in dem nach Nachhilfeunterricht gefragt wurde. Wenn sie ihn bereits besuchten, mussten sie die Anzahl der Stunden pro Woche notieren. Die Schulnoten des letzten Zeugnisses wurden auch erfasst.

Ergebnis der Studie 1

Es gab keinen Unterschied im Nachhilfekonsum zwischen Unterstufe und Oberstufe. Auch der Anteil der Nachhilfeschüler war im Gymnasium nicht höher als in der Hauptschule. Geschlechtsunterschiede wurden nur an der Oberstufe im Gymnasium festgestellt. Hier konsumierten weniger Mädchen Nachhilfe als Jungen. Eine Hypothese konnte allerdings bestätigt werden: Nachhilfeschüler wiesen schlechtere Schulnoten auf als Nicht-Nachhilfeschüler. Außerdem wurde mit Hilfe des Tagebuchs nachgewiesen, dass Nachhilfeschüler um etwa eine Stunde pro Woche länger für die Schule arbeiteten.

Studie 2

Bei der Studie 2 wurden die 6. und 7. Klassen von Gymnasium und Hauptschule im Herbst des Schuljahres 2000/01 untersucht. Es handelte sich hierbei um eine Fortführung der Studie 1. Hier wurden auch Motive für Nachhilfeunterricht und Inhalt sowie das Unterrichtsfach unter Berücksichtigung von Geschlecht und Schultyp ermittelt. Instrumente zur Erhebung waren ein Fragebogen zur Lern- und Nachhilfesituation sowie zwei Subtests, die die kognitive Leistungsfähigkeit erläutern sollten.

Ergebnis der Studie 2

Etwa ein Viertel der Schüler gab an, dass sie schon Erfahrung mit Nachhilfe haben. Eine große Zahl der Schüler, die von Grundschule in ein Gymnasium wechselte, nahm dies in Anspruch. Zum Zeitpunkt der Befragung waren es 45 Prozent.

Die Dauer des bezahlten Unterrichts war durchschnittlich etwa 3 Stunden. Allerdings gab es hier eine hohe Variabilität in der zeitlichen Angabe.

Die Motive wurden nach Schultyp und Geschlecht getrennt analysiert. Das am häufigsten genannte Motiv war der „Wunsch nach besseren Noten“. Bei den Buben war „zu wenig Fleiß“ an zweiter Stelle, bei den Mädchen hingegen „Scheu, im Unterricht zu fragen“ und „Krankheit“. Eher gering bewertet wurden „entfallener Unterricht“ und „Schulwechsel“.

Problemfächer stellten Englisch mit 42%, Deutsch (31%) und Mathematik mit 21% dar.

Motive für Nachhilfeunterricht waren bei den Hauptschülern das Erledigen von Hausaufgaben sowie „Lernen lernen“. Bei den Gymnasiasten stehen die Vorbereitungen auf Schularbeiten und Tests im Vordergrund.

Schüler mit schwachen kognitiven Leistungen, so genannte Problemschüler, nehmen öfter Nachhilfeunterricht in Anspruch als die Musterschüler, die eine hohe kognitive Leistung aufweisen. 

Implikationen für die Praxis

Österreich besitzt nach Mexiko die höchste Unterrichtszeit für 12- bis 14-jährigen Schüler. Die schulische Leistungsqualität liegt jedoch im Durchschnittsbereich. Gerade aus diesem Grund sollte man die Lernbelastung bei den Schularbeitenfächern reduzieren. Auch die Förderung der Schüler sollte nicht in die Freizeit – also in den Nachhilfeunterricht – verlagert werden, sondern sollte fester Bestandteil des schulischen Unterrichts werden.

Verwendete Literatur

Wagner, P., Spiel, C. & Tranker, M. (2003). Wer nimmt Nachhilfe in Anspruch? Eine Analyse in Hauptschule und Gymnasium. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 17, 233-243.

Die Bezirke in Wien, in denen Untersuchungen stattfanden: 1010 Wien,Innere Stadt,1020 Wien,Leopoldstadt,1030 Wien,Landstraße,1040 Wien,Wieden,1050 Wien,Margareten,1060 Wien,Mariahilf,1070 Wien,Neubau,1080 Wien,Josefstadt,1090 Wien,Alsergrund,1100 Wien,Favoriten,1110 Wien,Simmering,1120 Wien,Meidling,1130 Wien,Hietzing,1140 Wien,Penzing,1150 Wien,Rudolfsheim-Fünfhaus,1160 Wien,Ottakring,1170 Wien,Hernals,1180 Wien,Währing,1190 Wien,Döbling,1200 Wien,Brigittenau,1210 Wien,Floridsdorf,1220 Wien,Donaustadt,1230 Wien,Liesing


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