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Pädagogische Fachzeitschriften 2006

Elterliche Ungleichbehandlung in Kindheit und Jugend aus der Perspektive des mittleren Erwachsenenalters

Nach Ferning, Boll und Filipp (2001, S. 83) wurde eine Untersuchung gestartet, die zeigen soll, ob und in welchem Maße eine Ungleichbehandlung der Eltern im Sinne von Benachteiligung oder Bevorzugung gegenüber Geschwister im Kindes- und Jugendalter später noch im mittleren Erwachsenenalter bedeutend ist oder nicht. Weiters soll sie zeigen, welche Folgen dies auf die Qualität der Geschwister- und Eltern- Kind- Beziehung hat. 

Ferning, Boll und Filipp führten eine Personenstichprobe durch, wobei 1208 Personen mittels eines „Fragebogens zur Erfassung elterlicher Ungleichbehandlung“ befragt wurden. In Zusammenhang mit dem Fragebogen wurden folgende Bedürfniskategorien elterlicher Verhaltensweisen zugeordnet: (1) Seelisches und körperliches Wohlergehen, (2) Positive Selbstbewertung, (3) Wissen und Kompetenz, (4) Individuation und Autonomie, (5) Sicherheit, (6) Kritik und Strafe, (7) Materieller Besitz, (8) Verbundenheit mit den Eltern, (9) Einbindung in peer-Gruppen (Ferning, Boll und Filipp 2003, S. 86f).

Bei der aktuellen Beziehungsqualität wurden zwei Kennwerte berücksichtigt: die aktuelle Verbundenheit/Nähe – welche mittels einer Emotionsliste erfasst wurde - und die Unterstützungsbereitschaft – die wiederum über eine Verhaltensliste bearbeitet wurde - gegenüber den Eltern und dem Bruder bzw. der Schwester (Ferning, Boll und Filip 2003, S. 88). 

Die Autoren fassten alle Untersuchungen zusammen, bei denen Personen eine elterliche Gleichbehandlung bez. Ungleichbehandlung durch Mutter oder Vater erlebten. Verglich man diese Ergebnisse, so sah man, dass die Benachteiligung durch die Mutter höher eingeschätzt wurde als durch den Vater. Diese Beurteilung ist unabhängig von der Tatsache, ob die Elternperson bereits verstorben war oder nicht.

Man kann auch noch sagen, dass Väter jüngere Geschwister eher bevorzugen als ältere Geschwister, wobei dies bei den Müttern genau umgekehrt der Fall ist. Weiters gilt für die väterliche Strenge, dass Söhne mehr benachteiligt wurden als Töchter (Ferning, Boll und Filipp 2003, S. 89f). 

Anschließend wurde auch die Gleichbehandlung und Benachteiligung durch beide Elternpersonen untersucht, wobei sich 2 Gruppen ergaben: 72,8% gaben eine Gleichbehandlung durch beide Elternpersonen an, während 5,9% eine Benachteiligung durch beide Elternpersonen berichteten.

Sehr interessant ist, dass nur die Verbundenheit und Nähe gegenüber der Mutter dann höher eingeschätzt wurde, wenn sie bereits verstorben war. 

Bei dieser Untersuchung wollte man 2 Fragestellungen auf den Grund gehen: Einerseits, wie die elterliche Ungleichbehandlung in der Kindheit bzw. im Jugendalter durch erwachsene Personen eingeschätzt wird und inwiefern das Geschlecht der Geschwister eine Rolle spielt. Andererseits wollte man feststellen inwieweit die damalige Ungleichbehandlung die jetzige Beziehung zu den Geschwistern und Eltern beeinflusst.

Es ergab, dass Personen im mittleren Erwachsenenalter Ungleichbehandlung in ihrer Kindheit und Jugend weniger streng bewerten von Kinder, Jugendliche oder jungen Erwachsene. (S. 93) 

Das väterliche und mütterliche Verhalten wurde unterschiedlich bewertet, dem zufolge mit Blick auf die Mutter eine größere Benachteiligung der eigenen Person berichtet wurde, obwohl eigentlich die Charakterzüge von Fürsorge und Milde mit der Mutter in Verbindung gebracht werden, während man mit dem Vater Strenge und Sanktionsverhalten verbindet.   

Ursache dieser Bewertung sei laut Ferning, Boll und Filipp, dass bei den vorliegenden Stichproben die Mutter die hauptsächliche Erziehungsperson gewesen sei, sodass sich in der unterschiedlichen Beurteilung von Vätern und Müttern möglicherweise die unterschiedliche Anwesenheit während des Erwachsenwerdens durch die beiden Elternpersonen zeigt. (hierzu auch Walker, 1999; S. 93) 

Bei dieser Untersuchung stellte man auch fest, dass das elterliche Verhalten im Vergleich zwischen Bruder und Schwester unterschiedlich bewertet wurde.

Töchter werden durch den Vater bevorzugt und fühlen sich weniger durch die Mutter unterstützt, während Söhne durch die Mutter bevorzugt werden und vergleichsweise eine größere väterliche Strenge erleben.

Ursache dieser Beurteilung könnte auch sein, dass aufgrund der höheren Anwesenheit der Mutter höhere Erwartungen bezüglich einer Gleichbehandlung gestellt werden und somit strenger beurteilt wurde. 

Die Studie besagt weiters, das bei einer Benachteiligung der Eltern auch eine geringere Unterstützungsbereitschaft gegenüber den Eltern sowie den Geschwistern auftritt. 

Zusammenfassend konnten Ferning, Boll und Filipp beweisen, das die elterliche Ungleichbehandlung in Kindheit und Jugend auch für Personen im mittleren Erwachsenenalter bedeutsam ist und in der Beziehung zu Eltern und Geschwistern auch später noch erkennbar ist.

Quelle

Ferning,D., Boll, T. & Filipp S.H. (2003). Elterliche Ungleichbehandlung in Kindheit und Jugend aus der Perspektive des mittleren Erwachsenenalters. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 35, 83-97.


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