Aus Fachzeitschriften

Emmanuel Nicolás Kuntsche & Matthias Wicki

Wenn Eltern ihre Kinder schlagen – Veränderungen elterlicher Gewaltanwendung und Zusammenhänge mit dem Gewaltverhalten Jugendlicher von 1998 bis 2002 in der Schweiz

 

Verbot von Körperstrafen per Gesetz

Laut Untersuchungen beeinflusst ein Verbot von Körperstrafen in der Erziehung auch die Einstellung zur Gewalt positiv. Nach Schweden (1979) haben weitere zehn Länder, darunter auch Österreich, per Gesetz jede körperliche Bestrafung von Kindern verboten. Durch zusätzliche Informationskampagnen erzielte man in Schweden gute Erfolge. Gleichzeitig gingen bei Jugendlichen der Drogenkonsum, gewalttätige Angriffe auf andere und die Selbstmordrate zurück (vgl. Kuntsche & Wicki 2004, S. 189f).

Der Teufelskreis der Gewalt

Bei Kindern, die auf Grund von Verhaltensstörungen erhöhte Ansprüche an die erzieherischen Fähigkeiten der Eltern stellen, wird häufiger körperliche Gewalt angewendet. Wenn Kinder auf Strafe mit Trotz und Eltern darauf wieder mit Strafen reagieren, entwickelt sich aus den wechselseitigen Einflüssen ein Teufelskreis. Elterliche Gewalt führt zwar im Moment zu Gehorsam, jedoch im Nachhinein zu Verhaltensweisen wie gesteigerte Aggression oder Verschlechterung der Eltern-Kind-Beziehung. Viele Nachwirkungen zeigen sich auch noch im Erwachsenenalter (vgl. Kuntsche & Wicki 2004, S190f).

Faktoren, die zu elterlicher Gewaltausübung führen

Das „Modelllernen“ bewirkt, dass sich gewalttätige Verhaltensweisen auch in der nächsten Generation fortsetzen und Eltern, die als Kinder misshandelt wurden, die Körperstrafe als Erziehungsmethode unterstützen. Bei Alkohol- und Drogenproblemen, bei finanziellen Schwierigkeiten oder beim Fehlen eines sozialen Umfeldes können Eltern an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stoßen und greifen zu gewaltsamen Mitteln. Die Schweiz beschloss daher 1996 finanzielle Mittel zur Finanzierung von präventiven Maßnahmen zur Verfügung zu stellen (vgl. Kuntsche & Wicki 2004, S. 191f).

Studien über elterliche Gewaltanwendung in der Schweiz

1998 brachte eine durchgeführte Befragung von Schulkindern zwischen 11 und 16 Jahren folgende Ergebnisse: Die Elterliche Gewaltanwendung nimmt mit fortschreitendem Alter der Schüler ab. (vgl. Kuntsche & Wicki 2004, S. 192).

Vergleichende Studien zwischen 1998 und 2002 in der Schweiz

Das Ziel der Studie war, folgenden Fragen nachzugehen: Hat die Gewaltausübung gegenüber Kindern von 1998 bis 2002 abgenommen? Inwieweit besteht ein Zusammenhang zwischen dem Gewaltverhalten der Eltern und Ausübung von Gewalt bei Jugendlichen und hat sich dieser Zusammenhang verändert? Hat sich die intergenerationale Weitergabe von Gewalt innerhalb dieses Zeitraums verändert (vgl. Kuntsche & Wicki 2004, S. 192)?

Ergebnisse über die Verbreitung und Häufigkeit der Gewaltausübung

In beiden Jahren kam verbale Gewalt bei etwa ¾ der 11-­16-Jährigen am häufigsten vor. Von physischer Gewalt betroffen waren nur rund 27 % der 11-Jährigen und 6 % der 16-Jährigen. Verbale Gewalt hat im Vergleich zwischen den Erhebungsjahren signifikant abgenommen. Der Anteil der Jugendlichen, der unter physischer Gewaltausübung leidet, ist ungefähr gleich geblieben und hat sich bei den 16-jährigen Jungen sogar erhöht (vgl. Kuntsche & Wicki 2004, S. 194f).

Vergleich der Zusammenhänge

Die Untersuchungen ergaben, dass das wahrgenommene Gewaltverhalten der Eltern mit der Häufigkeit, mit der die betroffenen Jugendlichen gegen ihre Mitschüler gewalttätig werden, zusammenhängt. Zwischen 1989 und 2002 hat sich dieser Zusammenhang sogar erhöht. Besonders ausgeprägt war die Zunahme bei den Jungen (vgl. Kuntsche & Wicki 2004, S. 196).

Transmission aggressiver Verhaltensweisen

Die Befunde beider Erhebungswellen sprechen für eine Transmission aggressiver Verhaltensweisen von den Eltern auf die nächste Generation. Das beweist auch die Übereinstimmung der Schweizer Studie mit Studien aus Deutschland und den USA. Kinder aus betroffenen Familien übernehmen die Verhaltensweisen der Eltern und wenden sie an ihren Kindern an (vgl. Kuntsche & Wicki 2004, S. 197f).

Verbale Gewalt wirkt ähnlich wie körperliche Gewalt

Viele Menschen kennen dieses Gefühl: Eine böser Satz von Mutter oder Vater, den sie nicht vergessen können, kommt viele Jahre später immer wieder in vergleichbaren Situationen in den Sinn, d. h., sie leiden noch als Erwachsene daran, dass ihre Eltern über sie gespottet oder sie verbal gedemütigt haben. Inzwischen weiß man, dass die emotionale Misshandlung von Kindern ähnlich auf die psychische Gesundheit auswirkt wie körperliche Gewalt und Vernachlässigung. Obwohl viele Menschen glauben, dass körperliche Misshandlungen schädlicher sind als andere Formen von Gewalt, haben diese ähnliche Folgen, wobei es zu Angststörungen und Depressionen, Regelverletzungen und Aggressionen kommen kann. Seelische Gewalt wird aber in der Gesellschaft und auch vor Gericht noch nicht ausreichend wahrgenommen, denn nur wer ein Kind verprügelt, macht sich strafbar. Jedoch wenn Eltern immerzu streiten, ihrem Kind keine Liebe geben, es ständig beschimpfen, es als Versager betrachten, überfordern oder auch überkontrollieren, dann schaden sie ihm genauso, wobei Statistiken zeigen, dass emotionale Gewalt häufiger vorkommt als man denkt. Übrigens gibt es in der Kindheit Zeitfenster, in denen das kindliche Gehirn besonders sensibel auf solche negative Erfahrungen reagiert, wobei frühe emotionale Traumata unter anderem das Stresshormonsystem auf Dauer fehlregulieren und die Anfälligkeit für psychische Störungen für den Rest des Lebens erhöhen können.

Quellen

Kuntsche, E. N. & Wikki, M. (2004). Wenn Eltern ihre Kinder schlagen – Veränderungen elterlicher Gewaltanwendung und Zusammenhänge mit dem Gewaltverhalten Jugendlicher von 1998 bis 2002 in der Schweiz. Psychologie in Erziehung und Unterricht,51, S. 189-200.
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/emotionale-misshandlung-ohrfeigen-fuer-die-seele-1.2692105 (15-10-19)


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