Aus Fachzeitschriften

Inge Seiffge-Krenke und Tim Gelhaar

Entwicklungsregulation im jungen Erwachsenenalter
Zwischen Partnerschaft, Berufseinstieg und der Gründung eines eigenen Haushalts

Emerging Adulthood
Die Phase des „emerging adulthood“ bezeichnet laut Arnett (2000) den Lebensabschnitt im Alter von 21 bis 23 Jahren, also den Übergang zwischen der Adoleszenz und des Erwachsenenalters. Von der Adoleszenz unterscheidet sich das „emerging adulthood“ aufgrund der zuhnehmenden Verantwortlichkeit, Ernsthaftigkeit, Freiheit und der Berücksichtigung der Zukunftsperspektive. In der Zeitspanne des „emerging adulthood“ existieren acht, von Havighurst (1948) definierte, zentrale Entwicklungsaufgaben, denen junge Erwachsene gerecht werden müssen: „die Gründung eines eigenen Haushalts, die Suche nach und das Zusammenleben mit einem Partner/einer Partnerin, die Suche nach einer passenden sozialen Gruppe, die Übernahme staatsbürgerlicher Verantwortung, den Einstieg in das Berufsleben sowie die Gründung und Versorgung einer eigenen Familie“ (vgl. Seiffge-Krenke & Gelhaar 2006, S. 18f).
Methode
Stichprobe
1991 wurde ein 12-jähriges Längsschnittprojekt zum Thema Entwicklungsaufgaben, Entwicklungsnorm und Entwicklungsstand begonnen. Die essentiellen Daten der Studie wurden an zwei Zeitpunkten, T5 und T6, erhoben, an welchen die Probanden durchschnittlich 21 bzw. 23 Jahre alt waren (vgl. Seiffge-Krenke & Gelhaar 2006, S. 21f).
Verfahren
Die Studie wurde mittels Fragebögen erarbeitet. Im ersten Fragenbogen gaben die Probanden Informationen über ihre Wohnsituation, ihr Berufsleben und ihre Partnerschaft zu den Zeitpunkten T5 und T6 an. Im zweiten Fragebogen teilten sie die Wichtigkeit und die bisherige Realisierung der acht Entwicklungsaufgaben mit (vgl. Seiffge-Krenke & Gelhaar 2006, S. 22).
Ergebnisse
Entwicklungsstand und Entwicklungsnorm
Zu Beginn wurden Entwicklungsstand (die Realisierung der Entwicklungsaufgaben) und Entwicklungsnorm (die Wichtigkeit der Entwicklungsaufgaben) für 23-jährige analysiert.
Das Ergebnis dieser Analyse weißt auf, dass drei Faktoren für jene Altersgruppe von besonderer Bedeutung sind, nämlich der Aufbau einer Partnerschaft, die Gründung eines eigenen Haushalts und der Einstieg in die Berufstätigkeit. Die Realisierung der beiden erstgenannten Aufgaben ist überdurchschnittlich hoch, der Entwicklungsstand bezüglich des Einstiegs in die Beruftätigkeit liegt etwas darunter, jedoch immer noch über dem Durchschnitt. Unterdurchschnittlich hoch realisierte Aufgaben sind das Zusammenleben mit dem Partner, die Gründung sowie die Versorgung einer eigenen Familie.
Als nächstes wurden die Interdependenzen zwischen den Entwicklungsaufgaben überprüft. Dabei wurde festgestellt, dass bei den Aufgaben Gründung einer Familie und Versorgen einer Familie ein großer Zusammenhang besteht. Dies gilt auch für die Aufgaben Aufbau einer Partnerschaft und Zusammenleben mit dem Partner. Die übrigen Entwicklungsaufgaben wiesen kaum Relationen untereinander auf (vgl. Seiffge-Krenke & Gelhaar 2006, S. 22f).
Alter und Geschlechtsunterschiede
Mittels Post-Hoc-Test (Scheffé) wurden Unterschiede im Bezug auf Alter und Geschlecht ermittelt, wobei die Probanden in 5 Altersklassen eingeteilt wurden: 20-21-Jährige, 22-Jährige, 23-Jährige, 24-Jährige und 25-26-Jährige.
Im Hinblick auf das Alter wurde belegt, dass die Entwicklungsnorm und der Entwicklungsstand der älteren Altersklassen bezüglich dem Aufbau einer Partnerschaft und der Gründung eines eigenen Haushaltes wesentlich höher sind als bei der jüngsten Altersklasse. Hinsichtlich des Geschlechts konnten keine markanten Differenzen aufgezeigt werden (vgl. Seiffge-Krenke & Gelhaar 2006, S. 24).
Realisierung oder Adjustierung
Unter der Realisierungshypothese versteht man die Annahme, dass eine hohe Entwicklungsnorm, also eine Aufgabe von großer Bedeutung, zukünftig zu einem hohen Entwicklungsstand führt, also zur Realisierung der Aufgabe. Umgekehrt bedeutet die Adjustierungshypothese, dass die Entwicklungsnorm abhängig von dem Entwicklungsstand ist, der Stellenwert der Aufgabe ist also von der gegenwärtigen Situation abhängig (vgl. Seiffge-Krenke & Gelhaar 2006, S. 21).
Bei der Untersuchung dieser Hypothesen hinsichtlich des Bereiches Partnerschaft wurde festgestellt, dass „nicht nur der selbst eingeschätzte Entwicklungsstand, sondern auch die zukünftig intendierte Entwicklungsnorm variable Größen sind, die sich in Abhängigkeit von den realen Lebensbedingungen verändern“ (Seiffge-Krenke & Gelhaar 2006, S. 28).
Menschen, die sich gegenwärtig in einer Partnerschaft befinden, rechnen dieser folglich mehr Bedeutung zu, als jene die zum selben Zeitpunkt ohne Partner leben (vgl. Seiffge-Krenke & Gelhaar 2006, S. 25).
Die Bedeutung des vorherigen Entwicklungsstandes im Alter von 21 Jahren
Die durchgeführte Längsschnittstudie belegt, dass der Entwicklungsstand im Alter von 23 Jahren durch die Situation 2 Jahre zuvor, soziodemographische Variablen und Variablen über die Herkunft, wie beispielsweise der Ausbildungsgrad der Eltern, vorausgesagt werden kann (vgl. Seiffge-Krenke & Gelhaar 2006, S. 26f).

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Der Artikel orientiert sich an dem Konzept der Entwicklungsaufgaben von Havighurst und konzentriert sich dabei auf drei davon. Diese sind: Auszug aus dem Elternhaus, Etablierung stabiler Partnerschaften und Übergang in die Berufstätigkeit.
Auszug aus dem Elternhaus: Laut Untersuchungen bleiben junge Menschen, die bei ihren leiblichen Eltern leben länger im Elternhaus als solche, die beispielsweise adoptiert wurden. Weiters ziehen junge Frauen im Schnitt früher aus als junge Männer. Frauen ziehen meist auf Grund einer bevorstehenden Hochzeit aus, während Männer wegen einer Arbeitsstelle aus dem Elternhaus ausziehen.
Etablierung stabiler Partnerschaften: Brown (1999) stellte ein Entwicklungsmodell vor, das die Beziehungsdynamik in vier Phasen gliedert. Typisch für das junge Erwachsenenalter, mit dem sich der Artikel beschäftigt, ist die „bonding phase“. Sie ist geprägt von tiefen Gefühlen von Zuneigung, Verbundenheit und der großen Bedeutung von Sexualität. Junge Erwachsene haben eine realistischere Einstellung zu Liebe und Partnerschaft als das zum Beispiel während der Adoleszenz der Fall ist.
Übergang in die Berufstätigkeit: In dieser Phase lösen sich junge Erwachsene von ihren Eltern und werden von ihnen unabhängig. Kündigungsgedanken treten häufiger am Anfang der Berufstätigkeit auf.
Die Autoren wollen nun herausfinden, ob der Entwicklungsstand mit der in der Zukunft angestrebten Entwicklungsnorm in Beziehung steht und ob sich diese in Abhängigkeit vom Entwicklungsstand verändert.

Methode

Stichprobe

Die Studie, die in diesem Artikel behandelt wird, ist Teil eines 12-jährigen Projekts. Die Ergebnisse beziehen sich auf den Zeitraum, in dem die befragten Personen durchschnittlich 21 und 23 Jahre alt waren. Die Herkunftsfamilien der Befragten sind repräsentativ.
Laut Artikel befanden sich die meisten Personen mit 23 noch in Ausbildung oder waren bereits berufstätig. Nur wenige waren arbeitslos oder kümmerten sich um den Haushalt.

Verfahren

Die Teilnehmer erhielten einen Entwicklungsaufgabenfragebogen. Dieser enthielt alle acht von Havighursts Entwicklungsaufgaben (Aufbau einer Partnerschaft, Zusammenleben mit dem Partner, Gründung eines eigenen Haushalts, Einstieg ins Berufsleben, Gründung einer Familie, Versorgung einer Familie, Übernahme staatsbürgerlicher Verantwortung, Anschluss an eine adäquate soziale Gruppe). Die Fragebögen wurden im durchschnittlichen Alter von 21 und 23 Jahren ausgefüllt.

Ergebnisse

Angestrebte und errichte Entwicklungsaufgaben im Alter von 23 Jahren

Drei Entwicklungsaufgaben sind im Alter von 23 Jahren besonders wichtig, nämlich der Aufbau einer Partnerschaft, der Auszug aus dem Elternhaus und der Einstieg ins Berufsleben.
Gründung einer Familie und Anschluss an eine soziale Gruppe sind von durchschnittlicher Wichtigkeit und das Zusammenleben mit dem Partner, das Versorgen einer eigenen Familie und die Übernahme staatsbürgerlicher Verantwortung sind nur unterdurchschnittlich wichtig.
Die Analyse zeigt außerdem, dass in Entwicklungsaufgaben, wo eine hohe Entwicklungsnorm bestand, ein hoher Entwicklungsstand erricht wird.
Weiters bestehen Interdependenzen zwischen „Gründung einer Familie“ und „Versorgung einer Familie“ sowie zwischen „Aufbau einer Partnerschaft“ und „Zusammenleben mit dem Partner.

Zentrale Entwicklungsaufgaben im Alter von 23 Jahren: Aufbau einer Partnerschaft, Eigener Haushalt, Berufseinstieg

Hinsichtlich dieser drei Entwicklungsaufgaben zeigten sich Unterschiede im Alter, allerdings nicht im Geschlecht.
Im Rahmen der Untersuchungen zeigten sich Zusammenhänge zwischen Entwicklungsstand und Entwicklungsnorm bzw. zwischen Entwicklungsnormen.

Determinanten des Entwicklungstandes im Alter von 23 Jahren: Die Bedeutung des vorherigen Entwicklungstandes im Alter von 21 Jahren

Neben dem Entwicklungsstand im Alter von 21 Jahren gibt es noch viele andere Faktoren wie beispielsweise Alter, Geschlecht und Herkunftsfamilie, die den Entwicklungsstand im Alter von 23 Jahren erklären.

Diskussion

Ziel der in diesem Artikel behandelten Studie war es, die Entwicklungsregulation im jungen Erwachsenenalter zu verfolgen und die acht Entwicklungsaufgaben von Havighurst auf ihre Aktualität zu überprüfen. Wie die Studie zeigt, sind diese auch heute noch relevant. Außerdem gibt es keine Unterschiede der Ergebnisse von Frauen und Männern, wohl aber bei den verschiedenen Altersstufen.
Die Studie zeigt, dass drei Entwicklungsaufgaben von besonderer Bedeutung sind. Weiters muss man die Entwicklungsaufgaben in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit sehen.

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Quelle

Seiffge-Krenke, I., Gelhaar, T. (2006). Entwicklungsregulation im jungen Erwachsenenalter. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 38 (1), 18-31.


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