Aus Fachzeitschriften

Jürgen Wilbert und Heike Gerdes

Lehrerbild von Schülern und Lehrern: Eine empirische Studie zum Vergleich der Vorstellungen vom idealen und vom typischen Lehrer

Die empirische abgesicherte Beschreibung dessen, was aus Sicht einer Gruppe den idealen Lehrer ausmacht, ist aber Vorraussetzung von Nöten, dass die Bewertung des realen Lehrers nur adäquat verstanden werden, wenn sie zur Vorstellung vom idealen Lehrer in Beziehung gesetzt wird (Lehrerbild von Schülern und Lehrern, Jürgen Wilbert & Heike Gerdes).
Jedoch ist hierbei zu erwarten, dass das jeweilige Idealbild der Lehrer als auch Schüler relativ unterschiedlich ist. Verschiedene Studien wie z.B. Czerwenka et al (1990) oder Eder & Felhofer (1996) weisen auf, dass die Schüler am Beginn ihrer Schullaufbahn zufriedener sind als am Ende, da die Schüler bzgl. ihrer Lehrer immer unzufriedener werden. Dies lässt sich auf verschiedene Komponente zurückführen wie z.B. eine Verhaltensänderung oder, dass die Schüler nehmen die Lehrer anders wahr.

  1. Methode

Hierbei werden verschiedene relevante Aspekte ins Zentrum gerückt wie die Persönlichkeitsmerkmale und Eigenschaften oder erworbene Verhaltensmuster bzw. Fertigkeiten und hohes Expertenwissen, um daraus zu schließen ob ein Lehrer gut oder schlecht ist, jedoch sollte beachtet werden, dass es nicht nur von Bedeutung ist wie ein Lehrer ist, sondern was er tut.

    1. Erhebungsinstrument

Es wurden zwei Fragebögen zusammengestellt welche die Begriffe typisch und ideal unterscheiden, jeweils wurden sie von Lehrern als auch Schülern bearbeitet. Es wurden verschiedene Unterrichtssituationen angegeben und mögliche Handlungen des Lehrers dargeboten. Eine Methode ist das „Semantische Differenzial“ von Osgood, Suci & Tannenbaum, in der eine Liste mit Eigenschaftswörtern der befragten Gruppe vorgelegt wird und diese beurteilen müssen in wie weit sie diese zutreffen.

    1. Stichprobe

Es wurden Schüler ab der 9. Klasse wie z.B. Realschüler, Gymnasiasten, ect. und Lehrer aller Schulformen befragt

    1. Design

Bei diesem Fragebogen wird der Vergleich des idealen und realen Lehrers in den Mittelpunkt gerückt, jedoch wird beachtet, dass beide Fragebögen nicht von der Gruppe der Lehrer ausgefüllt wird, da durch die soziale Zugehörigkeit, das Idealbild näher liegen kann. Man will versuchen einen möglichst hohen Unterschied zu erhalten.

  1. Ergebnisse

Es werden die Ergebnisse des semantischen Differenzials, die Befunde bzgl. der Unterrichtssituationen und der Begriffs-Rankings vorgestellt.

    1. Semantisches Differenzial

Lehrer als auch Schüler sind sich relativ einig über die Vorstellungen des idealen Lehrers auch wenn jeweils beide diese unterschiedlich wahrnehmen. Der ideale Lehrer wird extremer beurteilt, das Ausmaß der Unterschiede kann man anhand des Ähnlichkeitsindexes von Cattel berechnen.

    1. Unterrichtssituation

Hierbei werden die werden die Handlungsorientierungen des idealen und typischen Lehrers erfasst. Es bestehen zwei Faktoren, die pädagogische Orientierung und die Wissensorientierung, der Schüler weist dem idealen als auch typischen Lehrer eine niedrige pädagogische Orientierung zu, wobei die Lehrer gegenteiliger Meinung sind.

    1. Begriffs-Rating

Es werden verschiedene Begriffe angeführt, welche von den Befragten geordnet werden müssen. Hierbei ergibt sich, dass für den Schüler beim idealen als auch typischen Lehrer Fachwissen eine bedeutendere Rolle spielt als das Einfühlungsvermögen, für die Lehrer ist jedoch das Einfühlungsvermögen oberste Priorität.

  1. Diskussion

Die Frage die sich bezüglich dieser Fragebogen stellt lautet, ob die Schüler die jeweilige Bedeutung anders empfinden oder ob es für sie zu schwierig ist, die jeweiligen Fragen qualifiziert zu beurteilen. Wagner behauptet, dass Schüler die Lehrermerkmale genau beurteilen können und eine präzise Vorstellung ihres idealen Lehrers haben. Hierbei ist anzumerken, dass der Unterschied zwischen passiv – zurückhaltend und direkt – streng bei den Lehrern geringer ist als bei den Schülern, denn die Schüler verbinden mit dem idealen Lehrer eher passiv und zurückhaltend. Jedoch ist deutlich ersichtlich, dass die Einstellung der Schüler gegenüber dem idealen Lehrer eher negativ ist, beide Gruppen haben erstaunlicherweise die selbe Vorstellung des Idealen Lehrers.

Ein enormer Unterschied zwischen beiden Parteien lässt sich bei der Frage vorfinden, ob das Fachwissen oder das Einfühlungsvermögen relevanter ist, der Schüler ist am Fachwissen des Lehrers und für den Lehrer das Einfühlungsvermögen von größerer Relevanz. Die Lehrer sehen das pädagogische Handhaben als eine Orientierung an den idealen Lehrer, welches die Schüler sich im Endeffekt nicht wünschen. Beide Gruppen sind sich jedoch einig, dass die Vermittlung des Fachwissens ein bedeutenderes Ziel ist, welches an den Schulen erfüllt wird.


 

Design
Schüler und Lehrer füllten entweder den Fragebogen für den idealen oder den typischen Lehrer aus. Man wollte verhindern, dass der Vergleich von idealem und realem Lehrer im Mittelpunkt steht. Es sollten ja nur die Eigenschaften oder Verhaltensweisen des jeweiligen Lehrertyps herausgefunden werden. Das Design umfasst somit zwei unabhängige Variablen: die Befragungsgruppe mit zwei Stufen Lehrer und Schüler sowie die Fragebogenbedingungen mit den zwei Stufen ideal und typisch (Wilbert & Gerdes 2007, S. 212 f).

Semantisches Differenzial
Den Befragten wurde eine Liste mit 25 Begriffspaaren (bipolare Eigenschaftswörter) laut Hofstätter vorgegeben und sie mussten diese Begriffe anhand einer siebenstufigen Skala bewerten. Hierbei waren sich Schüler und Lehrer über die Vorstellungen vom idealen Lehrer relativ einig, jedoch wurde der ideale Lehrer extremer beurteilt als der typische Lehrer. Die Lehrer beurteilten den idealen und den typischen Lehrer ähnlicher als die Schüler. Die Begriffe müde, missmutig, verschwommen, starr, zurückhaltend und egoistisch wurden zum Faktor „passiv-zurückhaltend“ und die Begriffe streng, hart, robust und ernst zum Faktor „direktiv-streng“ zusammengefasst. Der typische Lehrer wird dabei als deutlich „passiv-zurückhaltender“ als der ideale Lehrer gesehen. Diese Differenz ist bei Schülern höher als bei Lehrern. Außerdem wünschen sich die Schüler den idealen Lehrer deutlich weniger „direktiv-streng“ als die Lehrer (Wilbert & Gerdes 2007, S. 210 ff).

Unterrichtssituation
In diesem Teil des Fragebogens werden fünf problematische Unterrichtssituationen beschrieben, zu denen jeweils vier mögliche Handlungsalternativen vorgegeben sind. Die Befragten mussten auf einer siebenstufigen Skala (0 bis 6) angeben, wie wahrscheinlich es ist, dass ein typischer oder idealer Lehrer diese Verhaltensweise zeigt. Der Fokus der vier Handlungsalternativen lag auf 1) Wissensorientierung, 2) didaktischer Orientierung, 3) sozialer Orientierung und 4) Selbstreflexion. Dabei war zu erkennen, dass Schüler sowohl dem typischen als auch dem idealen Lehrer eine niedrigere pädagogische Orientierung zuweisen als die Lehrer selbst. Außerdem wurde deutlich, dass Lehrer und Schüler sich darin einig sind, dass der reale Lehrer im Vergleich zum idealen Lehrer zu wissensorientiert handelt (Wilbert & Gerdes 2007, S. 210 ff).

Begriffs-Ranking
Im dritten Teil des Fragebogens wurden sieben wichtige Eigenschaften eines Lehrers angeführt: Fairness, gutes Allgemeinwissen, Humor, gutes Fachwissen, Einfühlvermögen, Geduld und sorgfältige Unterrichtsvorbereitung. Die Befragten sollten diese Eigenschaften in die richtige Reihenfolge bringen, beginnend mit der Eigenschaft die auf einen typischen bzw. idealen Lehrer am ehesten zutrifft. Schüler halten Allgemeinwissen und Fachwissen für deutlich relevanter zur Kennzeichnung des typischen Lehrers als die Lehrer selbst. Bei der Frage nach dem idealen Lehrer ordnen Schüler der Fairness und dem Allgemeinwissen einen besseren Rang zu als die Lehrer. Lehrer beurteilen die Eigenschaften der beiden Lehrertypen ähnlicher als die Schüler. Einfühlvermögen hat bei beiden Lehrertypen für die Schüler wenig Relevanz, dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass nur Schüler an der Studie teilgenommen haben, die 15 Jahre und älter waren. Die Gruppe von Schülern ist nicht so sehr wie jüngere Schulkinder, auf einen fürsorglich-lenkenden Lehrer angewiesen (Wilbert & Gerdes 2007, S. 211 ff).


Einführung in die Studie
Die Autoren wählten dieses Thema als empirische Studie, da immer öfter Forderungen seitens der Bevölkerung an die Persönlichkeit des Lehrers gestellt wurden, nicht zuletzt wegen der Ergebnisse der PISA-Studie. Sie glauben, dass erst durch die Verringerung der Differenz zwischen Idealbild und reales Bild eines Lehrers der Begriff Lehrer als positiv betrachtet wird. Befragt wurden insgesamt 381 Personen, diese waren Schüler ab der 9. Klasse sowie Lehrer aller Schulformen in Deutschland.

Erhebungsmethoden
Was nun einen idealen Lehrer ausmacht hängt von Persönlichkeitsmerkmalen, Eigenschaften, Verhaltensmustern und seinen Fertigkeiten ab. Um dies zu klären wurden zwei gleiche Fragebögen erstellt, lediglich der Begriff „idealer Lehrer“ wurde bei dem zweiten Fragebogen durch „typischer Lehrer“ ersetzt.
Das Fragebogendesign wurde in semantisches Differenzial, Fragen zu unterrichtskritischen Situation und in ein Begriffs-Ranking eingeteilt. Unter einem semantischen Differenzial versteht man ein Verfahren, das in der Psychologie entwickelt wurde, um herauszufinden, welche Vorstellungen Personen mit bestimmten Begriffen verbinden (vgl. Wikipedia – die freie Enzyklopädie, http://de.wikipedia.org/wiki/Semantisches_Differenzial). Es werden Personen indirekt befragt, indem man ihnen die Möglichkeit gibt mitzuteilen, wie stark sie z.B. den Begriff "idealer Lehrer" mit bestimmten Eigenschaften, wie z.B. leise, streng, hilfsbereit etc. verbinden. Sie bekommen dazu eine Reihe von Eigenschaftspaaren wie "verspielt - ernst", "stark - schwach" und können jeweils angeben, ob sie den „idealen Lehrer" eher mit "verspielt" oder "ernst" verbinden und in welchem Maße sie das tun.
Bei den Fragen zu unterrichtskritischen Situationen wurden vier mögliche Handlungsalternativen vorgegeben, wobei jede einen anderen Fokus auf Wissensorientierung, didaktische Orientierung, soziale Orientierung und Selbstreflexion legte.
Beim Begriffs-Ranking wurden sieben wichtige Eigenschaften angeführt: Fairness, gutes Allgemeinwissen, Humor, gutes Fachwissen, Einfühlungsvermögen, Geduld und sorgfältige Unterrichtsvorbereitung. Diese Eigenschaften mussten von den Befragten in eine Reihenfolge gebracht werden, beginnend mit der Eigenschaft, die einen „idealen“ oder „typischen“ Lehrer am besten charakterisiert.

Ergebnisse
Lehrer und Schüler sind sich relativ einig über ihre Vorstellungen vom idealen Lehrer, während der typische Lehrer von beiden Gruppen deutlich unterschiedlicher wahrgenommen wird.
Der typische Lehrer wird als deutlich passiv-zurückhaltender gesehen als der ideale Lehrer. Schüler wünschen sich den idealen Lehrer deshalb weniger streng. Der ideale Lehrer wird als deutlich stärker pädagogisch orientiert bewertet als der typische Lehrer. Interessant ist, dass der typische Lehrer von beiden Gruppen als wissensorientierter beurteilt wird als der ideale Lehrer. Zusammenfassend besagen die Ergebnisse zum Faktor Wissensorientierung, dass Lehrer und Schüler sich darin einig sind, dass der reale Lehrer im Vergleich zum idealen Lehrer zu wissensorientiert handelt.
Die Schüler ordnen dem idealen Lehrer bei Fairness und Allgemeinwissen einen besseren Rang zu als die Lehrer selbst.  Fachwissen und sorgfältige Unterrichtsvorbereitung nehmen hingegen aus Sicht der Schüler bei dem typischen Lehrer einen besseren Rangplatz ein als bei dem idealen Lehrer.
Trotz der unterschiedlichen Bewertung weisen beide Gruppen in ihren Vorstellungen eine erstaunlich hohe Übereinstimmung auf.
Fachwissen hat für beide Gruppen einen hohen Stellenwert, sowohl beim idealen als auch beim typischen Lehrer. Schüler wünschen sich vor allem Fairness, d.h. Klarheit in den Bewertungskriterien. Sie haben sehr wohl eine differenzierte Vorstellung vom idealen Lehrer mit dem Unterschied dazu, dass sie andere Erwartungen an ihn stellen als die Lehrer selbst.

Quelle

Wilbert J. & Gerdes H. (2007). Lehrerbild von Schülern und Lehrern: Eine empirische Studie zum Vergleich der Vorstellungen vom idealen und vom typischen Lehrer. Psychologie in Erziehung und Unterricht, ??, S. 208–222

 


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