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Ewald Terhart

Lehrerbildung – quo vadis?

1. Vorbemerkung

Die Lehrerbildung war seit jeher ein kompliziertes Thema welches schon viele Reformen und Weiterentwicklungen durchmachen durfte und immer wieder in Kritik geraten ist. In Deutschland ist derzeit eine spezialisierte Universitätsausbildung mit einem Referendariat und zwei Staatsexamina für alle Lehrämter vorgeschrieben. Es scheint als ob dieses System sein Potential ausgeschöpft hat. In den folgenden Themenbereichen werden Auswege für diese Problematik gesucht.

2. Lehrerbildung – an der Universität oder an der Fachhochschule?

Grundsätzlich sollte man sich die Frage stellen ob die Universität überhaupt der geeignete Ort für die Lehrerbildung sein kann. Die Integration der Pädagogischen Hochschulen in die Universitäten wurde inzwischen vollzogen und es gibt bereits wieder Stimmen die eine Revision anstreben (vgl. Terhart 2001, S. 550).
Eine Alternative könnte die ausgelagerte Lehrerbildung in  Fachhochschulen sein, insbesondere weil dadurch eine praxisnähere Ausbildung möglich wäre und die Kosten der Ausbildung bzw. die Besoldung der Absolventen geringer sein würde (vgl. Terhart 2001, S. 550).
Hier gibt es aber genügend Argumente dagegen. Unter Anderem müsste man bei der wissenschaftlichen Vorbildung der Lehrer sowie auch bei den didaktischen und pädagogischen Kompetenzen Abstriche in Kauf nehmen. Auch die nicht vorhandenen breitgefächerten Kombinationsmöglichkeiten der Fächer auf einer Fachhochschule könnten vor allem die Verwendungsmöglichkeiten eines Lehrers stark einschränken (vgl. Terhart 2001, S. 550f).
Eine weitere Möglichkeit in diesem Zusammenhang wäre die teilweise Auslagerung von spezifischen Lehramtsstudien in Fachhochschulen was aber wiederum zu nicht gewünschte Redundanzen führen würde (vgl. Terhart 2001, S. 551).
Wenn man das ganze Thema nüchtern betrachtet stellt sich die Frage ob man nicht durch eine Evolution der bestehenden Strukturen mehr positive Effekte bewerkstelligen könnte als durch eine Verlagerung der Lehrerbildung in die Fachhochschulen (vgl. Terhart 2001, S. 551).

3. Gestufte Studiengänge – Bachelor, Master, Lehrer

Durch diverse Defiziterscheinungen des deutschen Universitätsstudiums wird seit einigen Jahren ein Umbau in Richtung „gestufte“ Studienstruktur nach angelsächsischen Vorbild diskutiert. Dies bedeutet, dass alle Studierenden ein strikt berufsorientiertes Bachelor-Studium mit sechs Semestern durchlaufen und ein kleiner Teil dann ein drei-vier semestriges Master-Studium anschließt. Diese Master-Studien stellen sich dann nicht als vertiefend dar sondern sind rein akademisch und forschungsbezogen. Verschiedene Modelle wären für eine Umsetzung denkbar (vgl. Terhart 2001, S. 552f).

4. Entstaatlichung der Lehrerbildung?

In Deutschland ist die Lehrerbildung stark von den jeweiligen Bundesländern geregelt.
„In der Diskussion um die Struktur und Reform der Lehrerbildung ist diese Staatsabhängigkeit immer wieder kritisiert worden: Die Obrigkeit setze über die Staatsaufsicht ihre Kontrollinteressen innerhalb der Lehrerbildung durch; die auf die „eigentliche“ berufliche Aufgabe – Unterricht, Bildung, Erziehung – gerichtete Selbstständigkeit und Selbstverantwortlichkeit der Lehrerschaft könne sich aufgrund der Integration in den Staat nicht entfalten, volle Professionalität nicht entstehen“ (Terhart 2001, S. 554).
In diesem Zusammenhang sollte ein polyvalenter Ansatz für Lehramtsstudien gewählt werden, d.h. die entsprechenden Studiengänge sollten auch für „normale“ Arbeitsplätze außerhalb der Schule geeignet sein. Somit wäre die Lehrerqualifikation als Zusatzqualifikation für Fachstudien anzusehen (vgl. Terhart 2001, S. 554f).

5. Konsequente Weiterentwicklung durch Ausgestaltung bestehender Strukturen?

Die vorher beschriebenen Möglichkeiten würden einen radikalen Bruch mit dem bisherigen System bedeuten und bergen dementsprechende Risiken. Eine schrittweise Verbesserung der bestehenden Strukturen könnte eine erfolgversprechendere Lösung sein. Mögliche Ansätze findet man zum Beispiel im Abschlussbericht einer gemischten Kommission der Kultusministerkonferenz (KMK) mit Fachleuten aus Wissenschaft und Bildungsadministration „Perspektiven der Lehrerbildung in Deutschland“ (vgl. Terhart 2001, S. 555).  
Innerhalb der Lehrerbildungsszene wird ein vollständiger Systemwechsel nicht angestrebt sondern eine Strategie zur Einlösung des Potenzials der bestehenden Rahmenstrukturen (vgl. Terhart 2001, S. 557).
„Wenn dann die Revolutionäre weiterziehen, stehen die Betroffenen und Verantwortlichen an der Basis vor den Scherben – und müssen doch weitermachen“ (Terhart 2001, S. 558).

Quelle

Terhart, E. (2001). Lehrerbildung – quo vadis. Zeitschrift für Pädagogik, 47, 549-558.


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