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Krischer, Christof C., Zangemeister, Wofgang H. & Meißen, Ralf

Lesenlernen leicht gemacht

 

Lesenlernen leicht gemacht

Eine normale Lesegeschwindigkeit wird nur nach einem langjährigen Lernprozess erreicht. Die Pisa-Studie hat herausgefunden, dass deutsche Schüler große Leseprobleme haben und es bereits etwa 4% Analphabeten in Deutschland gibt. Lesen hängt mit dem Zusammenwirken von visueller und sprachlicher Verarbeitung zusammen (vgl. Krischer, Zangemeister & Meißen 2005, S. 293ff).

Visuelle Beschränkungen beim Lesen

Die intermittierende Arbeitsweise

0,25 Sekunden schaut das Auge auf das Sehobjekt um die Erregbarkeit des Sehfarbstoffes wiederherzustellen. 0,15 und 0,35 Sekunden beträgt die Dauer der Fixierung, die von der Schwierigkeit des Textes abhängig ist (vgl. Krischer, Zangemeister & Meißen 2005, S. 293ff).

Das kleine „Sichtfenster“ der Netzhaut

Um rasch und genau Details zu erkennen haben wir die Fovea, auch Gelbe Fleck. Die Fovea ist klein und hat im Abstand von 57 Zentimetern nur eine Breite von zwei Zentimetern. Nur wenige Zentimeter neben der Sehachse erreicht die Sehschärfe wegen der geringen Sehzelldichte nur noch etwa ein Drittel des zentralen Wertes, daher spricht man auch von einem kleinen „Sichtfenster“. Anfänger sehen nur einen Buchstaben, Fortgeschrittene hingegen können ein ganzes Wort erkennen (vgl. Krischer, Zangemeister & Meißen 2005,
S. 293ff).

Die schwierige Sprachbildung

Die sog. phonologische Bewusstheit ist maßgeblich für die Sprachbildung. Sprachbildung ist die Fähigkeit, aus Buchstabenfolgen im Text sprachliche Laute zu bilden und dies macht Anfängern, Personen mit Sprachdefiziten (Ausländer, Sprachbehinderte oder Legastheniker) Probleme. Zu kleine und zu große Buchstaben sind schlecht zu lesen, da Erkennungsprobleme und Unübersichtlichkeit Schwierigkeiten machen (vgl. Krischer, Zangemeister & Meißen 2005, S. 293ff).

Zusammenwirken von visueller Erkennung und Sprachbildung

Beim Lesenlernen sollen die Übungstexte in ihrer Schwierigkeit auf die jeweilige Lesefertigkeit abstimmt sein, damit man eine optimale Lesebedingungen mit einem gleichmäßigen Lesefluss erreicht. Die Sprachbildung setzt eine rasche visuelle Erkennung der Schriftzeichen mit dem zentralen Sehvermögen voraus (vgl. Krischer, Zangemeister & Meißen 2005, S. 293ff).

Computerunterstützung beim Lesenlernen und die Gleitzeile

Der Computer erzeugt eine horizontal gleitende Textdarbietung. Die Computerunterstützung beim Lesenlernen erscheint für lese- oder rechtschreibschwachen Kindern oder erwachsenen Analphabeten außerhalb des Klassenzimmers sinnvoll. Die Gleitzeile gefällt den Kindern sehr, weil der bewegte Text ihre Aufmerksamkeit fesselt und ihnen das Lesen Freude macht (vgl. Krischer, Zangemeister & Meißen 2005, S. 293ff).

Details zu Leseförderversuchen mit der Gleitzeile (1994)

Der Hauptgrund für die Beliebtheit dieser Gleitzeile ist die unbewusste Blickbewegungssteuerung. Bei gleitender Textdarbietung ist der relative Zuwachs größer als bei stehender Textdarbietung. Durch den erfolgreich durchgeführten Förderunterricht in der 2. Klasse Grundschule bei leseschwachen Kindern, zeigt sich, wie wichtig kleine Schülerzahlen in Klassen sind (vgl. Krischer, Zangemeister & Meißen 2005, S. 293ff).

Sprechen zu lernen ist eine der zentralen Lernleistungen, die Kleinkinder bzw. Kinder zustande bringen müssen, und sie tun das in rasanter Geschwindigkeit. Dabei lernen Kinder das Verstehen noch vor dem Sprechen, wobei ein zweijähriges Kind normalerweise bereits etwa 500 Wörter verstehen kann, auch wenn es noch in Zwei-Wort-Sätzen spricht. Eine Vielzahl von Studien bestätigt den starken Einfluss des Sprachverhaltens von Eltern auf die kindliche Sprachentwicklung, denn es kommt stets auf die Familie an, auf das gemeinsame Spielen und das Vorlesen von Bilderbücher. Eine Studie (Vorlesestudie 2018 der deutschen Stiftung Lesen) hat gezeigt, dass Eltern mit regelmäßigem Vorlesen ihren Kindern das Lesenlernen deutlich erleichtern können. Dabei zeigte sich, dass vier von fünf Kindern, denen mehrmals in der Woche oder auch täglich vorgelesen wurde, das Lesenlernen später in der Schule leichter fällt, während bei jenen Kindern, die diese Erfahrung selten bzw. nie gemacht haben, nur 50 Prozent das Lesenlernen ohne Probleme bewältigen. Hinzu kommt, dass Kindern, denen nie vorgelesen wurde, auch sehr ungeduldig und genervt auf das Lesenlernen reagieren und dieses als sehr anstrengend empfinden. Jedes zweite Kind ohne Vorleseerfahrung hat nämlich gedacht, dass Lesenlernen schneller geht, während Kindern, die täglich Märchen und Geschichten gehört haben oder hören, das nur zu einem Viertel behaupten. Eine Konsequenz wäre daher, dass bei einem Ausfall der Eltern etwa aus bildungsfernen Schichten Kinder an jeder Schule auch Leseangebote für ihre Freizeit finden können.

Quelle

Krischer, Christopf C., Zangemeister, Wolfgang H. & Meißen, Ralf (2005). Lesenlernen leicht gemacht. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 52 293-300.

 


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