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Hans Bokelmann

Der Mensch – ein Chamäleon

Die erste Anmerkung ist zeitlich aufs Ende des 15. Jahrhunderts – die frühneuzeitliche Entdeckungsgeschichte des Individuums bezogen. Zum einen wird der Mensch als wandlungsfähiges und facettenreiches Wesen beschrieben und zum anderen wird auch Gott miteinbezogen. Gott als der Schöpfer des Universums und des Seins welcher dem Menschen erlaubt sich voll und ganz selbst zu gestalten und keinerlei Grenzen setzt wie der Mensch zu leben hat und wie er sich entfalten muss. Gott lässt den Menschen selbst bestimmen: er darf und muss sich wählen“ (Bokelmann, Psychologie der Pädagogik 2000, S. 648). Diese Aussage erinnert an die Kraft des Chamäleons.
In der zweiten Anmerkung bezieht sich der Autor auf die Neuentwürfe der Erziehungstheorien, Ende des 18. Jahrhunderts. Er bezieht hier auch den Autor Immanuel Kant, welcher eine besondere Verknüpfung von Erziehung und Würde veranschaulicht, mit ein. Kant beschreibt die Person als „Subjekt einer moralisch praktischen Vernunft. Sie, die Person sei über allen Preis erhaben, das heißt sie sei nie bloß als Mittel zu anderer ihren, ja selbst seinen eigenen Zwecken, sondern als Zweck an sich selbst zu schätzen“ (Immanuel Kant, Werke in sechs Bänden, 1956,1964). Vereinfacht beschreibt er mit diesen Worten die Verpflichtungen jedes Menschen gegenüber sich selbst sowie gegenüber anderen Personen. Im pädagogischen Bereich sollte man nun als Erzieher versuchen, den Kindern zu vermitteln nur gute Zwecke zu wählen.
Der Autor dieses Artikels vergleicht das Realbild des Menschen mit dem Idealbild. Er beschreibt das Leben als „eine Tatsache die nicht oder anders sein könnte“ (Bokelmann, Psychologie der Pädagogik 2000, S. 651) und behandelt das Leben einerseits als begrenzte Dauer, diese Dauer andererseits als die durchaus wertvolle Lebensgeschichte eines Menschen. Zeit kommt auch als wichtiger Faktor in der Pädagogik vor. Die Erziehung beispielsweise benötigt Zeit. Es stellt sich nun die Frage, wann und zu welchem Zeitpunkt sie nun stattfinden soll. Erst die Zeit gibt einem die Möglichkeit zur Veränderung.
Nun beschäftigt sich der Autor mit der zuvor angesprochenen Lebensgeschichte. Das Tun jedes Menschen in seinem Leben passiert nicht immer plangemäß. Es ergeben sich immer wieder Abweichungen, auch wenn man dies gar nicht beabsichtigt. Veränderungen passieren, gewollt sowie auch ungewollt. Es tun sich wiederum Gemeinsamkeiten mit dem Chamäleon auf. Pädagogisch gesehen stellt sich die Frage wie nun Kinder am besten damit umgehen sollen? Hier stoßt man auf die Parallelen zwischen Beziehung und Würde.
Bezogen auf die Bedürftigkeit, Verletzlichkeit und Angewiesenheit jedes Menschen nennt der Autor das Beispiel von Gregor Samsas Verwandlung in einen Käfer (Kafkas „Die Verwandlung“ 1915/1980). Die Parallelen zwischen Erziehung und Würde treten hier wiederum auf da das Zuhören in der Pädagogik nicht weg zu denken ist. Hinsichtlich der politischen und gesellschaftlichen Komponente erwähnt Hans Bokelmann die Phänomene des Konkurrenzdenkens und des Machtstreits welche die Würde des Menschen einschränken.
Zuletzt bezieht er sich auf die pädagogische Sichtweise. Er stellt sich die Frage „Kann man zur Würde erziehen?“ und verneint diese. Die Ermöglichung von Würde hält er jedoch für realisierbar. Der Mensch entwickelt sich ständig weiter und daraus folgend wird der Tod als Entwicklungsabbruch gesehen. Hans Bokelmann definiert den Menschen als „…nicht festgelegten, bedingt freien Menschen der höchst verletzlich und antastbar, indem er sich im Entgrenzen und Begrenzen mit anderen zu bestimmen versucht.“ (Bokelmann, Psychologie der Pädagogik 2000, S. 660) – das Chamäleon.

Quelle

Bokelmann, H. (2000). Psychologie der Pädagogik 2000
Bernhard, Th. (1991). Was werde ich tun. In: Th. Bernhard: Gesammelte Gedichte. Frankfurth a.M. S.25
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Dürrenmatt, F. (1983) Achterloo. Zürich
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Elias, N. (1987). Wandlungen der Wir-Ich-Balance. In: N. Elias: Die Gesellschaft der Individuen. Frankfurt a.M. S. 207-316.
Kafka, F. (1915/1980). Die Verwandlung. Frankfurt a.M.
Kamlah, W. (1973). Philosophische Antropologie. Mannheim.
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Lasker-Schüler, E. (1984). Von weit. In: E. Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. München.
Meinhof, U. (1981). Die Würde des Menschen. In: Dies: Die Würde des Menschen ist antastbar. Berlin.
Musil, R. (1931/1970). Der Mann ohne Eigenschaften. Hamburg.
Pico Della Mirandola, G. (1486/1990). Über die Würde des Menschen. Hamburg.
Schela, M. (1947). Die Stellung des Menschen im Kosmos. München.
Schleiermacher, F. (1826). Die Vorlesungen aus dem Jahre 1826. In: F. Schleiermacher: Pädagogische Schriften I. Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1983.
Thomae, H. (1960). Der Mensch in der Entscheidung. München.
Unger, R.M. (1986). Leidenschaft. Ein Essay über Persönlichkeit. Frankfurt a.M.

 


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