Aus der Lehre … Pädagogische Fachzeitschriften 2007

Eva Bachmann / Walter J. Perrig

Die mentale Repräsentation von verbalen Ortsbeschreibungen

Dieser Artikel handelt von einer Untersuchung der mentalen Repräsentation von verbalen Ortsbeschreibungen. In dem Artikel wird mit Hilfe eines Experiments genauer beschrieben wie Versuchspersonen unterschiedliche Texte lernten, die den gleichen Ort beschrieben. Danach mussten die jeweiligen Personen verschiedene Interferenzaufgaben lösen.

Oberflächenrepräsentation / propositionale Repräsentationsebene / Situationsmodell

Theorien menschlicher Textverarbeitung unterscheiden verschiedene Repräsentationsebenen bei der Speicherung sprachlicher Information. In der propositionalen Repräsentation wird die Bedeutung eines Textes abgebildet. Weiters stellt sie die so genannte Textbasis dar. Mit dem Situationsmodell versucht man psychologischen Prozessen gerecht zu werden. Es bezeichnet die kognitive Repräsentation von Ereignissen. Diese drei unterschiedlichen Niveaus wirken sich verschieden auf das Verhalten aus.

In dem Versuch konnten dadurch Situationsmodelle gezeigt werden, dass Ortsinferenzen, die der Form des gelesenen Textes entsprachen besser als Ortsinferenzen, die nicht dem gelesenen Text entsprachen, verifiziert wurden. 

Versuch 

Analog zu der Studie von Perrig und Kintsch wurde eine Plantext und Wegtext angefertigt. Als Inferenzen wurden Weginferenzen, die in der Fahrtrichtung des Autofahrers im Wegtext formuliert sind und Weginferenzen, die in umgekehrter Fahrtrichtung formuliert sind, verwendet. Versuchspersonen, die den Plantext gelesen hatten, dürfte es keine Rolle spielen welche Inferenzen sie verifizieren mussten. Weiters wurde das Behalten sprachlicher Oberflächeninformationen untersucht.

Es wurden je ein Weg- und Plantext konstruiert, die beide ein und dieselbe Stadttopograhpie beschrieben. Beide Texte umfassten je ca. 180 Wörter in 13 Sätzen. Die Verifikationsaufgabe beinhaltete 35 Sätze, die sich auf die gelesenen Texte bezogen. Der Satzinhalt war jedoch neu.

Es wurde großer Wert darauf gelegt, dass beide Inferenztypen praktisch die gleichen Wörter umfassten und dieselbe Satzlänge hatten. 

Die Wortlisten wurden aus der Deutschen Sprachstatistik zusammengestellt und es wurde speziell darauf geachtet, dass alle Wörter gleich häufig in der deutschen Sprache verwendet werden. Der Vortest umfasste 21 Wörter und weitere 3 unbewertete Übungswörter. Für den Identifikationstest wurden 14 Wörter (aus gelesenem Text) und 14 neue Wörter ausgewählt. 

Der Versuchsablauf war wie folgendermaßen: Der Versuch wurde jeweils mit einer Person durchgeführt und in einen Vor- bzw. Haupttest gegliedert. Im Vortest wurde eine individuelle Erkennungsschwelle der dargestellten Wörter festgestellt. Jedes Wort wurde einige Millisekunden gezeigt, abhängig von der Länge des Wortes. Die Aufgabe bestand darin, jedes Wort, das identifiziert wurde, laut auszusprechen und einzutippen.

Im Hauptexperiment wurden die Versuchspersonen in zwei Gruppen a 18 Personen aufgeteilt. Je 18 bekamen den Plantext und wiederum 18 den Wegtext. Die Versuchspersonen konnten nun anschließend den Text Satz für Satz lesen. Danach wurde der Identifikationstest gestartet mit den alten und neuen Wörtern.

Nach diesem Test mussten die Versuchspersonen die Inferenz-Sätze verifizieren. 

Ergebnisse 

Die durchschnittliche Lesezeit betrug 467 Sekunden für den Plantext und 357 Sekunden für den Wegtext. Die Plan-Gruppe hat die Inferenzen in Plan-Form besser verifiziert als die Weg-Gruppe. Personen der Weg-Gruppe haben die Weg-Inferenzen ohne Umkehrung der ursprünglichen Wegsequenz signifikant besser identifiziert als die Plan-Gruppe und besser verifiziert als die Plan-Inferenzen. 

Angesichts der Reaktionszeit wurde festgestellt, dass Weg-Inferenzen schneller als Plan-Inferenzen erkannt wurden. In der Weg-Gruppe wurden Inferenzen ohne Wegumkehrung signifikant schneller verifiziert als die mit Umkehrung. Beschreibungen von kurzen strecken wurden in beiden Gruppen signifikant schneller verifiziert als längere Wegbeschreibungen. 

Auffallend waren die relativ schlechten Leistungen im Bezug auf das Zeichnen der Ortspläne. Wenig mehr als 50% der erwähnten Objekte und Plätze wurden richtig eingezeichnet. Das ist deshalb erstaunlich, weil die Versuchspersonen die Pläne im Schnitt sechs Minuten lang gelesen haben und sich so viel Zeit nehmen konnten wie sie wollten um einen guten Eindruck der Stadt zu bekommen. 

Bezüglich des Identifikationstests wurde ein neues Ergebnis erzielt. Alte Wörter, also Wörter die bereits im Weg- oder Plantext vorkamen, wurden eindeutig besser identifiziert als neue Wörter. Man kann auch von einem Wiederholungseffekt sprechen, der in diesem Paradigma bisher nur in Einzelwortlisten veranschaulicht wurde.

Quelle

Schweizerische Zeitschrift für Psychologie; Band/Volume 47 1988; Seite 25 - 36


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