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Werner Greve

Philosophie als Ressource
Argumente für die Bedeutung philosophischer Überlegungen in einer wissenschaftlichen Psychologie

Es stellt sich die Frage, in wie weit Psychologie und Philosophie miteinander verbunden sind. Einige Psychologen halten Philosophie gar für Zeitverschwendung, andere denken, dass Philosophie historisch betrachtet zwar die Grundlage für die Psychologie ist, das aber diese Ergebnisse bereits veraltert sind. Erkenntnisse der Philosophie über den Menschen sollten durch moderne Methoden der Psychologie abgesichert werden.
Die zeitgenössische Philosophie wird in der heutigen Zeit viel zu wenig berücksichtigt. Beispielsweise beschäftigt sich ein Teil der zeitgenössischen Wissenschaftstheorie damit, das Phänomen „Wissenschaft“ mit wissenschaftssoziologischen und –psychologischen Argumenten einfach zu rekonstruieren.
Die demonstrative Trennung von Psychologie und Philosophie hatte historisch betrachtet durchaus Sinn, da sich beide innerfachlich weiterentwickeln konnten. Fragen, wie die, die sich zum Beispiel mit dem Problem der Willensfreiheit oder dem Menschenbild der Psychologie beschäftigen, deuten jedoch darauf hin, dass diese Abgrenzung nicht mehr zeitgemäß ist.

Anhand folgender Beispiele wird gezeigt, dass eine strikte Trennung von Philosophie und Psychologie nicht nur unnötig, sondern auch schädlich wäre:
Beispiel 1: Kausale Erklärung
Die Psychologie beschäftigt sich mit der Findung von Ursachen für ein bestimmtes menschliches Verhalten. In der Philosophie wird aber davon gesprochen, dass das zu erreichende Ziel der Grund für das Geschehen ist, das zu diesem Ergebnis führt.
Beispiel 2: Apriorische Elemente psychologischer Forschung
Einige Arbeiten, in denen sich die Psychologie bemühte, Zusammenhänge empirisch abzusichern, wären gar nicht notwendig gewesen. Ein Beispiel dafür ist Dankbarkeit, da sie eine externe Ursachenzuschreibung bereits begrifflich voraussetzt.
Beispiel 3: Das Leib-Seele-Problem
Die grundsätzliche Frage ist, ob mentale Phänomene (Fühlen, Wollen, Meinen) mit physischen Phänomenen (körperliche Bewegung) zusammenhängen.
Beispiel 4: Ethische Probleme der wissenschaftlichen Psychologie
Hier werden Schwierigkeiten und Grenzen bei der empirischen Erforschung des Menschen, sowie die Fragen, ob eine Wissenschaft Normen festlegen soll (oder kann) bzw. ob die Wissenschaft ohne Festlegung von Zielen, Kriterien, Wertorientierung und Normen auskommt, angesprochen.
Beispiel 5: Selbstkonzeptforschung
Arbeiten zum Selbstkonzept und seiner Entwicklung müssen sich der Frage stellen, wer oder was dieses „Selbst“ ist, und wer denn da wovon ein Konzept habe.
Beispiel 6: Unverzichtbarkeit von Selbstauskünften
In der Psychologie wird die Zuverlässigkeit von Selbstauskünften angezweifelt. Es kann jedoch sein, man durch den Verzicht auf Selbstauskünfte vieles und wesentliches aus den Augen verlöre (z.B. kann ein Mensch, der einen Schmerz fühlt, diesen sicherlich am besten beschreiben).
Beispiel 7: Psychologische Handlungstheorien
Die Frage „warum tut er/sie das?“ kann psychologisch nur defizitär beantwortet werden. Auch die Philosophie kann hier keine abschließenden Antworten geben, auf denen die Psychologie aufbauen könnte, dennoch darf man die Philosophie hier nicht außer Acht lassen.

Der entgangene Nutzen der Philosophie: Konsequenzen für die Psychologie
Im Wesentlichen verpasst man eine reichhaltige und ergiebige Quelle von Argumenten, Einsichten und Überlegungen, man macht sich unter Umständen unnötige Arbeit, Dinge zu untersuchen, die bereits untersucht wurden und interpretiert eventuell empirische Befunde falsch bzw. auch die Bedeutung von empirischen Befunden.

Quelle

Psychologische Rundschau, 1994, 45, S. 25-36

 


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