Psychologische Begriffsbestimmungen 2006/7

Physiologie

Physiologie befasst sich mit den verschiedensten Funktionen der Physik und Biochemie von Lebewesen. Nicht nur in der Biologie, sondern auch in der Medizin und Psychologie wird physiologisch geforscht und ausgebildet.

1. Definition

Physiologie ist die Lehre von den funktionellen Leistungen der Zellen und Organe bei Pflanzen, Tiere und Menschen; entsprechend unterscheidet man Pflanzen-, Tier- (= vergleichende Physiologie) und Humanphysiologie. Tier und Human-Physiologie gliedern sich weiter auf in vegetative Physiologie (Physiologie der Atmung, Ernährung, Verdauung, des Energie- und Wärmehaushalts, Kreislaufs, usw.) und animalischer Physiologie (Physiologie der Nerven, Muskeln, Sinnesorgane). Kennzeichnend für die Physiologie die neben der Morphologie einen Hauptzweig aller biologischen Wissenschaften darstellt, ist ihr Streben nach einer kausalen Analyse der Lebensvorgänge, die auf physikalisch-chemische Gesetzmäßigkeit zurückgeführt werden.

2. Definition

Ist der Gipfel der gesamten Naturwissenschaft und ihr dunkelstes Gebiet – so schrieb Arthur Schopenhauer 1852 an Julius Frauenstädt. Heute kann die Physiologie, also die Lehre von der Funktionsweise der lebenden Organismen, immer noch als „Gipfel der Naturwissenschaft“ angesehen werden. Die Physiologie untersucht etwa die Prozesse, die den lebenden Körper im Austausch mit der Umgebung in seiner Identität erhalten und seine Reproduktion für folgende Generationen sichern, oder sie beschreibt die Aufnahme von Informationen aus der Umwelt und deren Umsetzung in geeignete Reaktionen, mit denen das Lebewesen auf die Umwelt zurückwirkt.

Die „Physiologie des Menschen“ beginnt mit der Besprechung von Funktionen von Zellen. Diese Bausteine der Lebewesen sind bei den verschiedenen Tieren sehr ähnlich. Hauptthema werden die Mechanismen und die Steuerung der Stoffaustauschvorgänge innerhalb von Zellen und zwischen Zellen und deren Umgebung sein.

3. Definition

Unter Physiologie kann man auch die Aufgaben des Blutes verstehen, die unter anderem in Atemfunktion, Nährfunktion, Spülfunktion, Pufferfunktion sowie  Wärmetransportfunktion eingeteilt werden können. Doch über die physiologischen Aufgaben hinaus spielt das Blut eine wichtige Rolle in physiologischen Grenzfällen und bei Erkrankungen, nämlich bei der Abwehr von eingedrungenen Fremdstoffen, Krankheitserregern und deren Gütern. Trotz ständigen Sauerstoffaustausches wird in Zusammenarbeit mit dem Regenerationsorganen eine Homöostase erreicht, z.B.: eine Konstanz des osmotischen Drucks (Isotonie), des Konzentrationsverhältnis bestimmter Ionen (Iosionie), darunter der Wasserstoffionen (Isohydrie).

4. Definition

Weiters kann man unter Physiologie die Wissenschaft und Lehre von den Lebensvorgängen verstehen. Die Physiologie, speziell die Neuro- und Sinnesphysiologie, ist in vieler Hinsicht eng mit der Psychologie verknüpft. Zahlreiche psychische Prozesse bzw. psychologische  Sachverhalte wären ohne physiologische Kenntnisse unverständlich. Eine eigene physiologische und damit biologische Disziplin ist die Verhaltensphysiologie, die zugleich ein spezielles Teilgebiet der vergleichenden Verhaltensforschung ist.

5. Definition

Ihrem Selbstverständnis nach ist die Physiologie eine quantitative oder exakte Wissenschaft. Die Zielsetzung der Physiologie ist deshalb darauf gerichtet, quantitative Funktionstheorien aufzustellen, die das Verhalten des ins Auge gefassten Individuums oder der Art derart zuverlässig beschreiben, dass auch im strengen Sinn quantitative Prognosen möglich werden. Darüber hinaus versteht sich die Physiologie als Gesetzeswissenschaft. Sie möchte nicht nur quantitative Funktionstheorien über bestimmte Lebensvorgänge und bestimmte Lebenswesen aufstellen, sondern auch – in Analogie zur Physik – generelle Sätze mit Gesetzcharakter formulieren.

Verwendete Literatur

Bertelsmann Lexikon, Band 17, Verlagshaus Stuttgart GmbH, Stuttgart 1996 A

Schmidt – Thews; Physiologie des Menschen, 26. Auflage, Verlag Springer

Einführung in die Physiologie des Menschen, 16. neu bearbeitete Auflage, Max Schneider, Verlag Springer, Berlin, Heidelberg, New York 1971

Schüler Duden, Die Psychologie, 2. neu bearbeite Auflage, Verlag Meyers Lexikonredaktion

Lehrbuch der Pflanzenphysiologie, 3. völlig neubearbeitete und erweiterte Auflage, Mohr, Schopfer, Springer Verlag Berlin Heidelberg New York

In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit der Begriffsanalyse des Wortes „Physiologie“. Um einen groben Überblick über die Aussage dieses Wortes zu bekommen, suchte ich das Wort erstmals in einem allgemeinen Nachschlagewerk. Im bekannten Lexikon „Brockhaus“ wurde ich fündig. Physiologie ist als „die Wissenschaft von den Leistungen und der Arbeitsweise der Zellen, Gewebe, Organe und des gesamten Organismus der Lebewesen“ (Brockhaus 1971, S.183) beschrieben. Weiters gibt die Definition im Brockhaus Aufschluss über die Methoden und Arten der Physiologie. So bedient sich der Physiologe vorwiegend chemischer und physikalischer Methoden. Man unterscheidet eine Vielzahl von unterschiedlichen Arten von Physiologie so zum Beispiel die Sinnes- und Nerven-P., Bewegungs-P., Verhaltens-P. u. a. (vgl. Brockhaus 1971, S.183) Zusätzlich ist zu erwähnen, dass die weitere Begriffserklärung in diesem Lexikon sehr auf das Fachgebiet der Medizin beschränkt ist. „In der Medizin befasst sich die P. mit den Lebensprozessen im Menschen. Sie ist eng verbunden mit der physiolog. Oder biolog. Chemie (Biochemie des Menschen). Die patholog. P. versucht Einsicht in die Krankheitsvorgänge zu gewinnen.“ (Brockhaus 1971, S.183)

Die Arbeitsgebiete der Physiologie sind vielfältig, so wird geforscht und ausgebildet sowohl in den akademischen Fachrichtungen der Biologie, als auch in der Medizin und der Psychologie. Aus diesem Grund setzte ich meine Suche in Wörterbüchern unterschiedlicher Fachgebiete fort. Zuerst möchte ich das Wörterbuch der Pädagogik von Wilhelm Hehlmann zitieren, welches zwei Definitionen von „Physiologie“ bietet. Zum einen Physiologie als allgemeinen Begriff: „1) die Lehre von den Vorgängen im lebenden Organismus und von den Gesetzlichkeiten denen der Organismus unterliegt.“ (Hehlmann 1965, S.412). Zum anderen die spezielle Physiologie: „2) die Lehre von den Funktionen der Organe oder Organgruppen: Nerven-, Sinnes und Stoffwechsel-Ph. usw. (spezielle Ph.); die vergleichende Ph. Sucht aus dem Vergleich der Erscheinungen im pflanzlichen, tierischen und menschlichen Organismus allgemeine Gesetzlichkeiten zu gewinnen. Die wichtigsten Einsichten der Ph. des Kindes und Jugendalters einschl. der pyhsiologischen Psychologie gehören zu dem Rüstzeug des Erziehers. Als Unterrichtsgegenstand bildet die Ph. Einen Teil des naturwiss. (insbes. Des menschenkundl.) Unterrichts.“ (Hehlmann 1965, S.412) Ebenfalls wird die Physiologische Psychologie wie folgt erklärt: „Physiologische Psychologie heißt derjenige Teil der Psychologie der die Zusammenhänge zwischen den leiblichen und den seelischen Vorgängen untersucht. Wesentliche Ansatzpunkte sind Sinnes und Nervenleben (einschl. vegetativem System) und endokrine Drüsen. Bedeutende Anreger der physiologischen Psychologie waren ZH. V. Helmholtz, E. Hering, w. Wundt, Th. Ziehen.“ (Hehlmann 1965, S.412)

Eine kurze und einfache jedoch sehr aussagekräftige Definition von „Physiologie“ steht im Wörterbuch der Verhaltensforschung. Dort wird Physiologie als Lehre ähnlich wie bei Hehlmann die Physiologie als „Lehre  von den Funktionen und Leistungen der Lebewesen“ beschrieben (Immelmann 1982, S.93). Weiters nennt Immelmann Teilgebiete der Physiologie zum Beispiel die Verhaltensphysiologie, Nervenphysiologie oder Sinnesphysiologie.  (vgl. Immelmann 1982, S.93).

Mein letztes und drittes fachbezogene Wörterbuch ist aus dem Fachgebiet der Medizin. Pschyrembel erklärt den Begriff „Physiologie“ kurz und prägnant in seinem klinischen Wörterbuch, als „Wissenschaft und Lehre von den normalen Lebensvorgängen, insbesondere von den physikalischen Funktionen des Organismus.“ (Pschyrembel 1998, S.1243)

Im aktuellen Handbuch der Psychologie von Kurt Pawlik fand ich abschließend meiner Recherchen eine ausführlichere Begriffsbestimmung. Physiologie ist eine benachbarte biologische Wissenschaft zur Psychologie und wird in diesem Werk wie folgt beschrieben: „Die Physiologie ist jeder Teil der Biologie, der von Lebensfunktionen handelt, den Aktivitäten der Körperorgane und zugrunde liegenden physikalischen und chemischen Vorgängen. In der Forschung setzt sie in der Regel an einzelnen Organfunktionen an und studiert komplexere Körperfunktonen und Verhaltensweisen auf dieser Grundlage. Im Vergleich dazu geht die Psychologie vom Mentalen und vom Verhalten aus und studiert in Folge wenn es um Erklärung geht, auch zugrunde liegende körperliche Steuerprozesse. So sind beide Zugangswege, der physiologische und der psychologische, je eigenständig, ergänzen einander aber wechselseitig und greifen zum Teil auf gemeinsame Methoden zurück.“ (Pawlik 2006, S.11) In dieser Begriffsbestimmung wird der Zusammenhang von Physiologie und Psychologie erklärt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle Definitionen sehr ähnlich sind. Meine Begriffsdefinition würde lauten, dass sich die Physiologie mit den physikalischen bzw. biochemischen und informationverarbeitenden Funktionen von Lebewesen befasst. Weiters sei zu erwähnen, dass die Physiologie viele unterschiedliche Teilbereiche umfasst, welche sich von Bewegungsphysiologie bis hin zu Verhaltensphysiologie erstrecken.

Verwendete Literatur

Hildebrandt H. (Hrsg.) (1998). Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. Physiologie (S.1243). Berlin, NewYork: Walter de Gruyter.

In Brockhaus (1971). Wörterbuch und Lexikon. Physiologie (S.184). Wiesbaden: Brockhaus.

Immelmann K. (Hrsg.) (1982). Wörterbuch der Verhaltensforschung. Physiologie (S.93). Zürich, München: Kindler.

Pawlik K. (Hrsg.) (2006). Handbuch Psychologie. Wissenschaft-Anwendung-Berufsfelder. Psychologie und andere Verhaltenswissenschaften (S.11-12). Berlin: Springer.

Hehlmann W. (Hrsg.) (1965). Wörterbuch der Pädagogik. Physiologie (S.412). Stuttgart: Kröner.


Siehe auch das
Lexikon für Psychologie und Pädagogik

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