Entwicklungspsychologie 2006

Familiäre Unterstützungsbeziehungen und Familientypen

Quellen

Schauerte, C.A., Branje S. J. T. & van Aken, M. A.G. (2003). Familien mit Jugendlichen: Familiäre Unterstützungsbeziehungen und Familientypen. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 50, S. 129-142.

Familie als System

Schon seit längerer Zeit wird auf die Komplexität des Systems Familie hingewiesen, wobei die Betrachtung von mehreren Beziehungen, respektive die des Beziehungsgeflechts besonders wichtig ist. Mit Hilfe der statistischen Clusteranalyse können häufig auftretende Typen von Beziehungen ermittelt und hinsichtlich deren Bedeutungen für einzelne Familienmitglieder untersucht werden (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 130). „Ein besonders häufig untersuchtes Qualitätsmerkmal von Beziehungen, mit dessen Hilfe sich unterschiedlichste Beziehungen beschreiben lassen, ist die wahrgenommene Unterstützung“ (Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 130). Unterstützungsbeziehungen von Eltern beziehen sich laut Jackson häufig nur auf die Partner und Freunde der Eltern und werden erst auf erwachsene Kinder – sobald die Eltern auf ihre Hilfe angewiesen sind – erweitert. Im Gegensatz zu Gräbe, der Unterstützung als Leistung

bzw. Belastung sieht, sind Van Lieshout und van Aken der Meinung, Unterstützung lasse sich auf vier Modalitäten, etwa der emotionalen Unterstützung in einer Zweierbeziehung (affektive Modalität) oder der Unterstützung hinsichtlich der Qualität der Information, welche in der Beziehung ausgetauscht wird (kognitive Modalität), unterscheiden (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 130 f). „Bei der wahrgenommen Unterstützung handelt es sich also um ein Konstrukt, mit dem die Qualität einer Beziehung umfassend beschrieben werden kann“ (Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 131).

Neben der von Familienmitgliedern direkt erfahrenen Unterstützung kann auch die Beziehung zu anderen, etwa zu Freunden oder Nachbarn, von positiver als auch von negativer Bedeutung für das psychische Wohlbefinden und somit für das Funktionieren als Elternteil, sein (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 131). „Ein für die Entwicklung besonders ungünstiges Familienklima ist in Familien mit mehreren konfliktreichen Beziehungen zu erwarten. Familien, die weitgehend frei von belastenden Spannungen sind, stellen dagegen ein Umfeld dar, das eine positive Entwicklung aller Familienmitglieder begünstigt“ (Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 131). Das Ergebnis dieser Studie zeigt, wie stark unterstützt sich ein einzelnes Familienmitglied fühlt. Dies wurde durch die gleichzeitige Erfassung der wahrgenommenen Unterstützung bei allen Familienmitgliedern möglich (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 131 f).

Methode

Stichprobe

In dieser Studie, die ein Teil eines größeren Forschungsobjektes aus den Niederlanden ist, wurden die Zusammenhänge zwischen sozialen Beziehungen von Familienmitgliedern und verschiedensten Eigenschaften der einzelnen Mitglieder untersucht. Hierfür wurden wie bereit erwähnt 288 Familien mit jeweils zwei Jugendlichen, die mindestens zwischen elf und fünfzehn Jahren alt waren und beide Elternteile vorhanden waren, untersucht (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S.132).

Ablauf und Instrumente

Es wurde jedem Mitglied der Familie ein Fragenkatalog vorgelegt. Es wurden besonders die wahrgenommene Unterstützung, das Problemverhalten und das Wohlbefinden der Familienmitglieder erfasst (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 132-134).

Wahrgenommene Unterstützung

Die Bewertung erfolgte mit Hilfe von 27 Items. Auf einer 5 stufigen Skala sollte die Unterstützung festgehalten werden (1 = trifft sehr zu, 5 = trifft überhaupt nicht zu). Vier dieser Skalen bezogen sich auf vier Modalitäten der Unterstützung in Beziehungen, eine weitere bezog sich auf die in Beziehungen erfahrene Akzeptanz. Die höchsten Interkorrelationen fanden sich zwischen der Skala „Akzeptanz“ und der Skala „emotionale Unterstützung“, am Niedrigsten war diese bei „Respekt vor Autonomie“ und „Qualität der Informationen“. 

Problemverhalten und Wohlbefinden

Diese Bewertung erfolgte ebenfalls in einer fünfstufigen Skala mit 30 Items. Für die Internalisierungsproblematiken wurde die Skala „Zurückgezogenheit“ und die Skala „Ängstlichkeit/Depressivität“ verwendet. Bei den Externalisierungsproblematiken wurden die Skalen „Deliquentes und Aggressives Verhalten“ erfasst. Zusätzlich wurden die Skalen „soziale Verhaltensschwierigkeiten“ und „Aufmerksamkeitsschwierigkeiten“ verwendet. Der Fragenkatalog enthielt außerdem eine Einschätzung des allgemeinen Wohlbefindens aller Familienmitglieder, dies geschah anhand einer zehnstufigen Skala.

Auswertung

Mit Hilfe einer Faktorenanalyse wurden zuerst die Variablen auf vier Faktoren reduziert. Danach wurde eine Clusteranalyse durchgeführt und es wurde in sechs Cluster aufgeteilt. Im Anschluss daran wurden einfaktorielle Varianzanalysen durchgeführt. Die Varianzanalysen ergaben signifikante Mittelwertsunterschiede zwischen den Clustern. Um herauszufinden, ob dies auffällig ist, wurde der Mittelwert dieser Variable in jedem Familientyp mit dem Mittelwert derselben Variablen in der restlichen Stichprobe verglichen. Dieser Vergleich geschah mit Hilfe von t-Tests für zwei unabhängige Gruppen (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 134).

Die Ergebnisse – Die Familientypen

Es werden hier sechs Familientypen anhand von Mittelwerten unterschieden, wo die wahrgenommene Unterstützung der vier Familienglieder (jüngeres Kind, älteres Kind, Vater, Mutter) dargestellt wird (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 135-136).

Familientyp I:

In diesem Typ nehmen Mütter und ältere Kinder mehr/positive Unterstützung wahr, im Vergleich zu den weiterfolgenden Familientypen. Hingegen Väter und jüngste Kinder erhalten weniger/negative Unterstützung (hierzu zählen 47 Familien, d.h. 18% der Stichprobe).

Familientyp II:

Sehr auffallend in diesem Typ ist das negative Unterstützungsniveau der Mutter im Gegensatz zur positiven Unterstützung der restlichen Familienmitglieder. Er nennt sich daher auch „zurückstehende Mutter“ (darunter fallen ein Drittel der Familien, d.h. 88,34% der Stichprobe).

Familientyp III:

Hier kann man ein einheitliches positives Unterstützungsniveau aller Familienmitglieder erkennen, wobei die Mütter hier die größte Ausprägung aufweist (dazu zählen 37 Familien, d.h.14% der Stichprobe).

Familientyp IV:

In diesem Typ zeigt sich ein positives Unterstützungsverhältnis der Eltern, jedoch ein negatives Verhältnis der Kinder (dies trifft bei 29 Familien zu, d.h. bei 11% der Stichprobe).

Familientyp V:

Auch „zurückstehender Vater“ genannt, der hier nur der Vater ein dementsprechendes negatives Unterstützungsverhältnis aufweist. Wobei sich hier jedoch das jüngste Kind sehr positiv unterstützt fühlt. Für Mütter und ältere Kinder nehmen eine durchschnittliche Unterstützung wahr. (36 Familien gehören diesem Typ an, d.h. 14% der Stichprobe).

Familientyp VI:

Dieser Typ bildet hier eine einheitliches negatives Unterstützungsniveaus, im Gegensatz zu Familientyp III (dazu zählen 26 Familien, d.h. 10% der Stichprobe)

Familientypen – Problemverhalten und Wohlbefinden der einzelnen Familienglieder

Die Ergebnisse zeigten, dass im Typ III versus VI auffällig Wohlbefinden versus Problemverhalten bewertet wurde. Im Typ III liegt, aufgrund des einheitlich positiven Verhaltens, das Problemverhalten dementsprechend niedriger und das Wohlbefinden umso höher. Wobei dies im Familientyp VI jedoch genau umgekehrt vorliegt; hier waren wesentlich ungünstigere Beurteilungen zu finden. Anders ist jedoch zu bewerten, wenn nun allein das wahrgenommene Unterstützungsniveau der eigenen Person für Problemverhalten und Wohlbefinden ausschlaggebend ist. Hierbei müssten bei extremeren und gleichwertigen Ausprägungen auch entsprechende Auffälligkeiten beschrieben werden. Herausgefunden wurde jedoch, dass extreme und gleichwertige Ausprägungen der einzelnen Familienmitglieder in den restlichen Familientypen nicht mit Auffälligkeiten der Familienmitglieder verbunden sind (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S.136-138).

Beim Vergleich der Familientypen II („zurückstehende Mutter“) und V („zurückstehenden Vater“) zeigt sich hinsichtlich dem positiven Unterstützungsniveau des jüngsten Kindes und dem Problemverhalten und Wohlbefinden des jüngsten Sprösslings kein Zusammenhang. Bei näherer Betrachtungsweise des positiven Unterstützungsniveau des ältesten Kindes in FamilientypI („positive Unterstützungsniveaus der Mutter und des ältesten Kindes versus negative Unterstützungsniveaus des Vaters und des jüngsten Kindes“) und II („zurückstehende Mutter“) und das negative Unterstützungsniveau in Familientyp IV („positives Unterstützungsniveaus der Eltern versus negative Unterstützungsniveaus der Kinder“) lässt sich ebenfalls keine Besonderheit im Verhalten des ältesten Kindes feststellen. (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 139)

Zusammenfassend lässt sich folgende Aussage treffen: Alle Abbildungen zeigen genau genommen dasselbe Muster. Während die Werte der Familientypen I, II, IV und V keine Abweichungen vom Mittelwert der restlichen Stichproben zeigen, tauchen bei den Familientypen III und VI extreme Werte auf (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 139). „Im Hinblick auf einerseits Problemverhalten und andererseits Wohlbefinden der vier Familienmitglieder zeigten sich zwei Familientypen von besonderer Relevanz“ (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 140). Es handelt sich hierbei um jene Familientypen bei denen alle Familienmitglieder fast gleich hoch oder gering unterstützt wurden. Bei den anderen Familientypen ließen sich keine besonderen Auffälligkeiten hinsichtlich dieser Thematiken erkennen. (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 140).

Sehr interessant fanden wir zu erfahren, dass Familien, bei denen ein einheitliches negatives Unterstützungsniveau vorliegt, ein aggressiveres Familienklima, das für die Entwicklung ein sehr ungünstiges Umfeld darstellt, herrscht, während bei einheitlichem positiven Unterstützungsniveau, positive Entwicklungen begünstigt werden (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 141).

Aus der durchgeführten Studie resultiert nicht nur, dass sich die Aufmerksamkeit nicht nur auf einzelne Beziehungen des auffälligen Familienmitgliedes richten sollte, sondern auch, (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 141) „dass in den meisten Fällen die wahrgenommene Unterstützung in außerfamiliären Beziehungen der wahrgenommenen Unterstützung durch die Familie ähnelt“ (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S.141).

Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass die Einteilung der Familientypen theoretisch nicht verankert sein muss und dass die tatsächliche Unterstützung nicht mit der wahrgenommenen Unterstützung übereinstimmen muss. Zusätzlich ist noch anzumerken, dass noch nicht geklärt wurde, ob die wahrgenommene Unterstützung der Familienmitglieder die Entwicklung der einzelnen Personen beeinflusst (vgl. Schauerte, Branje & Aken 2003, S. 141).

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