Entwicklungspsychologie

Die Bedeutung der Medien für die Entwicklung von Jugendlichen

Quelle

Hoppe-Graff, Siegfried & Kim, Hye-On (2002). Die Bedeutung der Medien für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. In Oerter, Rolf & Montada, Leo (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 907 -922). Weinheim: Beltz.

Quantitative Betrachtung der Mediennutzung durch Jugendliche

Einer Studie über die Fernsehnutzung von Kindern und Jugendlichen zufolge, gehört das Fernsehen heute in weiten Teilen des Westens und Ostasiens zur täglichen Erfahrung. Demnach ist Kindheit heutzutage Fernsehkindheit. Diese Untersuchung zeigt auch, dass Erwachsene in den USA und Südkorea das Fernsehen im Allgemeinen als weniger gefährlich ansehen als Erwachsene in Deutschland. Sind aber die Befürchtungen geringer, so können sich unter Umständen mehr Fernsehgewohnheiten für Kinder ergeben (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 908).

Eine weitere Untersuchung prüft die wöchentliche Computernutzung von Jugendlichen. Derzufolge gehört der Computer heutzutage für die Mehrheit der Jugendlichen zu den regelmäßig genutzten Medien. Die Nutzungen von Radio und andere Hörmedien sind bei den Jugendlichen ebenfalls selbstverständlich und sehr beliebt. Besonders das Radio und Musikprogramme liegen bei den Jugendlichen ganz vorn (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 908f.)

Qualitative Betrachtung der Mediennutzung durch Jugendliche

Während die obigen Ausführungen die quantitative Mediennutzung durch Jugendliche beschreiben, geht die folgende Auflistung auf die qualitative Darstellung ein (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 909.):

Die Bedeutung der Medien aus verschiedenen Sichten

Aus Sicht der Entwicklungspsychologie

Im Alltagsverständnis wird oft von „der Macht der Medien“ gesprochen. Darunter versteht man u. a. auch, dass Gewalt im Fernsehen die Ursache für wachsende Jugendkriminalität ist oder Fernsehen Konzentrationsmängel verursacht. Die folgenden Ausführungen versuchen dieses verbreitete Bild ins richtige Licht zu rücken. Denn die Interpretation von Medienerfahrungen ist entwicklungsabhängig, denn gleiche Medienerfahrungen werden je nach Entwicklungsstand des Kindes oder des Jugendlichen unterschiedlich interpretiert. Während Kleinkinder noch vermuten, dass die Personen im Fernseher im Gerät sind, können Jugendliche durch ihre Fähigkeit zum rationalen Denken ihre Medienerfahrungen bewerten. Diesen Medienerfahrungen kommen bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben wichtige Funktionen zu (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 910f.)

Für das Jugendalter heißt das, dass Entwicklungsaufgaben wie zB die emotionale Loslösung von den Eltern oder die Pubertät bewältigt werden müssen. Auch die Entwicklung einer so genannten Medienkompetenz, also die Entwicklung von Fähigkeiten für den Umgang mit Medien, ist eine derartige Entwicklungsaufgabe. Demnach sind junge Menschen den Medien nicht ausgeliefert, sondern eignen sich den Umgang mit ihnen aktiv an (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 911).

Besonders bei der Entwicklungsaufgabe „Umgang mit Sexualität“ wird die Rolle der Medien offensichtlich. Medien bzw. Fernsehsendungen wie zB „Bravo“ können hier einen Druck auf die Jugendlichen ausüben. Dieser Druck kann nachhaltige Konsequenzen für die Jugendlichen haben. Denn Sexualität kann im frühen Erwachsenenalter eine andere Lernerfahrung darstellen als im späteren Erwachsenenalter (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 911).

Aus Sicht der Auswirkung von Gewaltdarstellungen in Medien

Gewalt im Fernsehen: Im Folgenden wird dargestellt, ob und wie sich Gewaltdarstellungen im Fernsehen und in Videospielen auf das Aggressionspotential Jugendlicher auswirken. Dazu muss zuerst untersucht werden, wie verbreitet Gewaltdarstellung im Fernsehen ist. Das kommt allerdings auf die Definition von Fernsehgewalt an. Geht man von einer engen Gewaltdefinition aus, so macht Gewalt 3,7 % des deutschen Programmangebotes aus. Wichtig zu erwähnen ist auch, dass unrealistische Gewaltdarstellungen wie zB in Zeichentrickfilmen von Kindern nicht als gewaltsam erlebt werden. Gewaltdarstellungen werden dann als gewalttätig erlebt, wenn sie als realistisch eingeschätzt werden (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 912).

Zur Wirkung von Mediengewalt wurden bereits unzählige Untersuchungen durchgeführt. Die Kernaussage daraus ist, dass die Rezeption von Fernsehgewalt mit hoher Wahrscheinlichkeit einen kausalen Einfluss auf das aggressive Verhalten hat. Besonders bei Burschen ließ sich aufgrund der Vorliebe für Fernsehgewalt im Kindesalter die Aggressionsneigung im Jugend- und Erwachsenenalter vorhersagen. Man spricht hierbei auch von einem sich selbst verstärkenden Prozess (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 912f).

Verstärkter Konsum von Fernsehgewalt führt zu verstärkt auftretendem Aggressionsverhalten. Dies steigert wiederum die Zuwendung zu gewaltvollen Medien und so weiter. Ganz entscheidend für die Auswirkung von Mediengewalt auf Jugendliche ist allerdings die familiäre Situation. Ist die Familie intakt, sind sie sehr viel weniger anfällig für diesen sich selbst verstärkenden Prozess. Auch die Realitätsnähe der Gewaltdarstellung beeinflusst wie bereits oben erwähnt die Wirkung auf die Jugendlichen (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 913).

Nachdem eine Sendung, die für real gehalten wird, gründlicher verarbeitet wird als zB Zeichentrickfilme, haben sie auch eine nachhaltigere Wirkung. Das so genannte Reality-TV gibt diesem Aspekt zusätzliches Gewicht. Schulkinder halten derartige TV-Sendungen für nachrichtenähnlicher als die Nachrichten selbst. Spätestens im Jugendalter kann allerdings zwischen Faktizität und Fiktion unterschieden werden (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 915).

Aus Sicht der Auswirkung auf das Spielverhalten

Viele Pädagogen und Eltern haben die Befürchtung, dass sich verstärkte Mediennutzung negativ auf das Spielverhalten ihrer Kinder auswirkt. Deshalb stellt man sich in der Wissenschaft die Frage, ob Fernsehen das Spiel reduziert oder simuliert. Die Simulationshypothese ist dem gegenüber positiv eingestellt: Diese besagt, dass Fernsehsendungen die Kinder anregen bzw. sogar Ideen für das Spiel liefern (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 916f).

Die Reduktionshypothese geht hingegen von der oben erwähnten Befürchtung aus. Sie wird sehr unterschiedlich begründet und unterscheidet daher fünf Varianten:

Ob Fernsehen das Spiel einschränkt hängt davon ab, was das Kind sieht. Gewaltvolle Sendungen können wie bereits oben erwähnt negativen Einfluss auf die Jugendlichen haben. So geht aus einer Studie hervor, dass Kinder die in erheblichem Maße Action- oder Abenteuerprogramme bzw. Gewaltdarstellungen sehen, weniger an Phantasiespielen Anteil nehmen (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 917f).

„Gute“ Kindersendungen wie zB Sesamstrasse wirken sich Untersuchungen zufolge nicht negativ auf das Spielverhalten aus. Sie schaden nicht, sind aber auch nicht förderlich. Eine Welt ohne Medien ist für Kinder und Jugendliche heutzutage allerdings kaum mehr denkbar. Medien sind ein Teil unserer Kultur. Daher sollen Eltern und Pädagogen gezielt Einfluss auf die Programmauswahl der Kinder nehmen. Die Kinder sollen aber nicht durch Verbote gelenkt werden, sondern in ihrer eigenständigen Programmauswahl und –bewertung bestärkt werden (vgl. Hoppe-Graff & Kim 2002, S. 918f).

Entwicklungspsychologie 2006


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