Entwicklungspsychologie 2006

Die moralische Entwicklung von Jugendlichen

Quellen:

Colby, Ann & Kohlberg, Lawrence (1986). Das moralische Urteil: Der kognitionszentrierte entwicklungspsychologische Ansatz. In H. Bertram (Hrsg.), Gesellschaftlicher Zwang und moralische Autonomie (S. 130-162). Frankfurt/M.: Suhrkamp. 

Kohlberg, L (1996) Stufentheorie des moralischen Verhaltens. Online im Internet: WWW: Link (06-11-28)

Lind, G. (2003). Moral ist lehrbar – Handbuch zur Theorie und Praxis demokratischer Bildung. München: Oldenburg Schulbuchverlag GmbH

Mietzel, G. (2002). Wege in die Entwicklungspsychologie Kindheit und Jugend. Weinheim: Psychologie Verlags Union

Montada, Leo (1998). Moralische Entwicklung und moralische Sozialisation. In R. Oerter (Hrsg.), L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 862-889). Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Stangl, W. (2006) Tabellarische Übersicht: Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung. Online im Internet: WWW: Link (06-11-28)

Stangl, W. (2006) Vergleich der Modelle Kohlbergs und Piagets zur Entwicklung des Denkens und der Moral. Online im Internet: WWW: Link (06-11-28)

In jeder Gesellschaft sind Normen verankert, die kulturellen oder religiösen Traditionen entstammen oder durch Gesetze und Regelungen eingeführt wurden. Die in einer Gemeinschaft gültigen Normen werden jedoch nicht von all ihren Mitgliedern akzeptiert. Insbesondere Jugendliche stellen deren Legitimität in Frage (vgl. Montada, 1993, S.862). Bekannte Philosophen, wie Sokrates und Aristoteles, beschäftigten sich sehr intensiv mit abnormalen Verhalten von Jugendlichen. Aristoteles (384 – 382 v. Chr.) Aussage: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere heutige Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen“ deckt sich Heute noch mit der Meinung vieler älterer Menschen. In den Köpfen dieser Personen wird häufig nicht berücksichtigt, dass Menschen von der Kindheit an in ihrer moralischen Entwicklung verschiedene Stufen durchwandern (vgl. Colby & Kohlberg 1986).

Laut Piaget entwickelt sich ein Kind vom einfachen moralischen Realismus im Kleinkindalter über die fremdbestimmte Moral im Vor- und Volksschulalter bis hin zur selbstbestimmten Moral im Grundschulalter. Im ersten Stadion ist für das Kind noch alles erlaubt, was nicht bestraft wird. Nach der Überwindung des Egozentrismus befindet sich der Sprössling in der zweiten Stufe. Hier orientiert er sich bei seinen Handlungen an anderen Menschen. Alles was diese für gut heißen wird als erlaubt eingestuft. In der letzten Phase, der selbstbestimmten Moral, entwickeln Jugendliche erstmals unabhängig von erwachsenen Bezugspersonen ihr Pflichtgefühl und können selbst Verhalten beurteilen. Der Jugendliche akzeptiert aus eigener Einsicht die Notwendigkeit von Regeln und ist für sein Verhalten selbst verantwortlich. Diese Form von Moral entspricht dem Eigeninteresse des Menschen und wird nicht von außen auferlegt (vgl. Colby & Kohlberg 1986).

Lawrence Kohlberg entwickelte ein auf Piagets Moralstufen aufbauendes Modell. Das Stufenmodell nach Kohlberg gliedert sich in drei Hauptniveaus und sechs Stadien moralischen Verhaltens, die in relativ invarianter Reihenfolge durchlaufen werden. Nach Kohlberg ist es jedoch nicht jedermann möglich alle Stufen des Modells zu durchwandern. Die letzte Stufe, der universalen und ethischen Prinzipien, kann nur noch von Führergestalten wie Gandhi oder Martin Luther King erreicht werden (vgl. Colby & Kohlberg 1986).

Bei der Frage nach den Indikatoren von Moral wird versucht zu erklären, wie es zur Anerkennung von Normen kommt, sodass diese Normen die Handlungen bestimmter Menschen regeln. In der psychologischen Forschung gelten die vier Kategorien 1) Wissen über geltende Normen, 2) Urteile über das was moralisch geboten ist, 3) normentsprechendes und -abweichendes Verhalten und 4) moralische Gefühle, als Indikatoren für moralisches Handeln (vgl. Montada, 1993, S.865). Diese vier Kategorien geben jedoch noch keine Auskunft darüber, wie soziale Normvorgaben internalisiert werden. Unter Internalisierung wird verstanden, dass vorgegebene Normen verinnerlicht und als die der eigenen Person angenommen werden. Somit führen die Einhaltung von Normen zu Selbstbestätigung und die Nichteinhaltung zu Schuldgefühlen (vgl. Montada, 1993, S. 866). Richtig verinnerlicht sind Normen erst dann, wenn sie selbst in Situationen, wo die Person den Wunsch verspürt die Normen zu missachten eingehalten werden. Entscheidend ist hierbei, dass die Person nicht durch Sanktionen zur Einhaltung gestimmt wurde. Bei Untersuchungen hinsichtlich des moralischen Handelns von Individuen muss stets berücksichtigt werden, dass jeweils die Persönlichkeit sowie die aktuelle Situation erheblichen Einfluss auf das Verhalten haben. Moralisches Handeln wird dadurch immer als Resultat mehrerer Einflussfaktoren gesehen (vgl. Colby & Kohlberg 1986).

Zusammenfassend kann man drei Kriterien für moralisches Verhalten anführen:

Erst wenn diese drei Kriterien erfüllt sind, liegt moralisches Handeln vor (vgl. Colby & Kohlberg 1986).

Lawrence Kohlberg Stufenmodell handelt von Personen, welche in einer Konfliktsituation bzw. sich in einem moralischen Dilemma befinden. Damit eine Person in eine Stufe kommt, muss sie mit einer Problematik konfrontiert werden, die sie auf dieser Stufe nicht bewältigen kann. Schafft diese Person jedoch die Lösung dieses Problems steigt sie eine Stufe weiter. Dieses Modell besagt theoretisch, dass eine Stufe nicht übersprungen oder ausgelassen werden kann.

Dilemmata

Was versteht man eigentlich unter Moral und wie kann man sie fördern? Seit zirka zwei Tausend Jahren wird versucht eine Antwort auf diese Frage zu finden. Erst wenn wir auf ein moralisches Dilemma stoßen beziehungsweise wenn unsere moralischen Prinzipien oder Ideale in Konflikt geraten zeigt sich was moralische Fähigkeiten sind und wozu wir sie brauchen. Unter Konflikten versteht man, wenn Personen mit unterschiedlichen Interessen, Ansichten und moralischen Prinzipien aufeinander treffen. Dilemmas und Konflikte sind im Alltag oft nicht zu trennen. Früher glaubte man Moral und Demokratie sei eine Frage der Einstellung und Werthaltung, doch seit dem 19. Jahrhundert gibt es Hinweise, dass Moral vielmehr eine Frage der Fähigkeit ist (vgl. Lind 2003, S. 16ff). „Das zentrale Problem der Heranwachsenden ist vor allem ein Mangel der Fähigkeit moralische Werte und Prinzipien im Alltag richtig anzuwenden“ (Kohlberg & Lind, zit. nach Lind 2003, S. 19). „Die Fähigkeit, moralische Dilemmas zu lösen, stellt daher in fast allen Lebensbereichen eine Schlüsselqualifikation dar, der eine ebenso hohe Bedeutung zu kommen muss wie dem Lesen, Schreiben und Rechnen“ (Lind 2003, S. 19). Wie mit solchen Dilemmas umgegangen wird, hat eine besondere Bedeutung für unser Verhalten in allen Lebensbereichen. Diese Fähigkeit ist in weiterer Folge aber auch für die Einhaltung von Gesetzen und Regeln bedeutsam (vgl. Lind 2003, S. 19).

Dilemmas können in jeder Lebensphase auftreten und wir möchten in diesem Zusammenhang auf ein mögliches Dilemma aus der Lebenswelt Jugendlicher näher eingehen: Zwei junge Mädchen im Alter von fünfzehn Jahren, die die besten Freundinnen sind, lernen auf einer Party einen süßen Jungen kennen und verlieben sich in ihn. Der Junge zeigt jedoch nur Interesse an Lara. Lara jedoch weiß von ihrer Freundin, dass sie sich ebenfalls in den Jungen verliebt hat. Der Junge möchte mit Lara eine Beziehung beginnen. Nun steckt Lara in der Zwickmühle. Sie weiß, dass ihre Freundin ziemlich enttäuscht und wütend wäre, wenn sie sich auf den Jungen einlässt. Jedoch hat sich Lara ebenfalls in den Jungen verliebt und wäre bereit eine Beziehung einzugehen. Susi verlangt von Lara keine Beziehung zu dem Jungen einzugehen, da sie sonst die Freundschaft aufs Spiel setzen würde. Ist Susis Handhabung bzw. Lösungsvorschlag für dieses Problem richtig?

Hier stellt sich nun die Frage, wie man in solchen bzw. ähnlichen Dilemmasituationen „richtig“ handeln sollte. Im Mittelpunkt steht hier sicherlich die Urteilsfähigkeit, also die „Fähigkeit, das eigene Denken an moralischen Idealen oder Prinzipien auszurichten und auf der Grundlage dieses Denkens zu handeln und zwar auch im realen Leben, wenn man gleichzeitig unter dem Druck (Mehrheitsmeinungen, Vorurteile) steht, sich anderen Zwängen zu unterwerfen“ (Lind 2003, S. 74). Um zu einer geeigneten Lösung zu kommen, ist die moralische Diskursfähigkeit notwendig. Die offene Argumentation, in der zum Beispiel alle die gleichen Rechte besitzen, stellt so einen Diskurs da. Bei einem Dilemma ist es wichtig, sich auch die Meinungen der anderen anzuhören und darüber nachzudenken. Dadurch soll die eigene Meinung überdacht und eventuell revidiert werden (vgl. Lind 2003, S. 74f).

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