Entwicklungspsychologie 2006

Körperliche Entwicklung und Sexualität von Jugendlichen

Quelle

Mietzel, Gerd (2002). Wege in die Entwicklungspsychologie. Kindheit und Jugend. Weinheim: BeltzPVU.

Zu den körperlichen Veränderungen in der Pubertät zählen der Wachstumsschub, Gewichtszunahme, usw. Weiters kommt es zur Ausschüttung von Hormonen und es kommt zu Körperbehaarung im Bereich der Genitalien und den Achselhöhlen. Bei Jungen beginnt der Bartwuchs und auch die Brustbehaarung. Außerdem entwickeln sich die Brüste der Mädchen und die Hoden des Jungen. (S. 351f).

Es wurde beobachtet, dass es eine rasante Beschleunigung des Wachstums zwischen dem 11. und 14. Lebensjahr gibt. Leider konnte man diese Daten nicht vergleichen, da aus dieser Zeit nur diese eine Beobachtung vorliegt, und im Verlaufe der vergangenen Jahrzehnte erfolgte eine sogenannte  Entwicklungsbeschleunigung.  Diese Wachstumsbeschleunigung (=säkulare Akzeleration) zeigt auf, dass die Durchschnittswerte für Gewicht und Größe in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat. Deutlich wird die Beschleunigung auch beim Auftreten der ersten Regelblutung und des Samenergusses. Ein möglicher Erklärungsansatz ist die bessere Ernährung und die medizinische Versorgung der Bevölkerung. Offen bleibt weiterhin, ob es auch Zusammenhänge zwischen der Industrialisierung und Verstädterung gibt. Die Beschleunigung des Körperwachstums ist seit den 70er Jahren allerdings zum Stillstand gekommen, ausgenommen in Japan.  (S. 353)

Die Pubertät beginnt bei Mädchen zwischen 9,5 und 14,5 Jahren, bei Jungen etwas später, zwischen 10,5 und 16 Jahren. Das Körperwachstum tritt dabei zeitversetzt ein, was bedeutet dass zu Beginn der Kopf, Hände und Füße wachsen und anschließend Rumpf und Oberkörper. Dies kann dazu führen, dass der Körper der Jugenlichen dabei oft etwas unförmig/unharmonisch wirkt.

Ebenso ist die Entwicklung und das Wachstum bei Burschen und Mädchen unterschiedlich. (Burschen: breite Schultern, schmale Hüften und Beine; Mädchen: schmale Schultern, breitere Hüfte und Beine). (S. 354)

Entscheidend für den Beginn der Adoleszenz ist der Eintritt der erste Regelblutung bei Mädchen. Dafür ist zunächst ein kräftiger Körper von Bedeutung – als Voraussetzung für eine mögliche Empfängnis. Bei Jungen setzt der erste Samenerguss ein und wird, wie die erste Regelblutung oft als ein dramatisches Ereignis gesehen.

Weshalb die Pubertät bei jungen Leuten in einem unterschiedlichen Alter eintritt liegt zum einen an den genetischen Einflüssen (Gene), aber auch an den Umwelteinflüssen. Eine ausgewogene und reichhaltige Ernährung lässt die Pubertät früher einsetzen, während hingegen häusliche Konflikte, Stress und Kindesmisshandlung dazu führen, dass die Adoleszenz später beginnt. Ein späterer Regeleintritt kann aber auch mit den Einkommensverhältnissen der Eltern zusammenhängen, was wiederum auf eine schlechtere Ernährung hindeuten kann. Ebenso spielen die Hormone eine entscheidende Rolle. Bei Mädchen ist hierzu hauptsächlich das Östrogen verantwortlich, bei Burschen sind es Androgen und Testosteron. Sobald sich die Hormonkonzentration im Blut erhöht und eine gewisse Grenze erreicht hat, tritt die Menarche oder Spermarche ein. (S. 354ff)

Während der Pubertät wird das äußere Erscheinungsbild immer wichtiger für die Jugendlichen. Auch Holodynski ist der Meinung, dass Burschen und Mädchen im Jugendalter dem guten Aussehen und coolem, aufreizendem Auftreten vermehrt Bedeutung beimessen.(S. 579) Beeinflusst wird das starke Interesse auch durch Probleme mit der Hormoneinwirkung, zB Pickel, unreine Haut etc.

Sehr oft orientieren sich Jugendliche an einem Schönheitsideal, welches ihnen von der Gesellschaft vorgelebt wird. Dadurch entsteht eine gewisse Problematik, welche sich in Unzufriedenheit, aber auch in Krankheiten wie zB Magersucht äußern kann. (S. 356)

Außerdem üben Gleichaltrige hohen Druck auf die Jugendlichen aus. Diese sind oft nicht in der Lage zwischen Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden. Auch Krampen weist darauf hin, dass Jugendliche große Probleme haben mit ihrer Identitätsfindung einerseits und der Rollendiffusion andererseits.

Ebenso ist nachgewiesen, dass nicht nur in diesem Alter gutaussehenden Personen oftmals günstigere Persönlichkeitseigenschaften zugeschrieben werden, wodurch sich auch ihr Ansehen und ihre sozialen Chancen erhöhen. (S. 360)

Am besten für einen Jugendlichen ist es, wenn sich die Veränderungen zur gleichen Zeit und in gleicher Weise wie bei seinen Altersgenossen vollzieht, dadurch glaubt der Jugendliche er sei „normal“. Für Spätentwickler entsteht das Problem, dass sie ein geringeres Selbstwertgefühl haben, dadurch weniger Freunde haben und schließlich gezielt zu Alkohol, Zigaretten und ungeschütztem Sex greifen um aufzuzeigen, dass sie schon so erwachsen sind.

Ein ähnliches Problem ist auffällig bei frühentwickelnden Mädchen, welche wiederum verstärkt die Aufmerksamkeit bei älteren Jungen finden und haben dadurch leichteren Zugang zu Alkohol, Zigaretten und Drogen. (S. 361).

Entwicklung der Sexualität

Die Entwicklung der Sexualität wird von verschiedenen kulturellen Bedingungen beeinflusst, welche wiederum von gesellschaftlichen Bedingungen mitbestimmt werden. Hauptziel liegt in der Nachwuchserzeugung, jedoch bestimmt die Gesellschaft, ab welchem Alter dies als normal angesehen wird.

Zwei gegensätzliche Kulturen werden unterschieden. Zum einen gibt es die restriktive Kultur, die genaue Vorschriften darüber darlegt, was man „darf“ und was nicht. Sex gibt es hierbei erst nach der Eheschließung. Im Gegensatz dazu gibt es die permissive Kultur, welche sehr offen mit dem Thema Sex umgeht. Den Kindern ist zB ein ungehindertes sexuelles Spielen gestattet, und es wird allgemein sehr freizügig mit Sexualität umgegangen. (S. 367).

Es ist jedoch erwiesen, dass auch in Europa früher anders mit dem Thema Sexualität umgegangen wurde, als heute. Das Mittelalter hatte eine sehr offene und freie Einstellung dazu. Allein die damaligen Wohnverhältnisse zwangen die Menschen (ein Schlafzimmer für die ganze Familie). Allerdings erfolgte durch die veränderten Lebensbedingungen allmählich auch ein Einstellungswandel. In den späten 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erfolgte die sogenannte sexuelle Revolution, welche zur Folge hatte, dass sich die Beziehung der Geschlechter zueinander wandeln konnte. (S. 371)

Laut Statistik kann man sagen, dass die meisten Jungen und Mädchen im Alter von 17 Jahren ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammeln, wobei jedoch der Umgang mit Verhütungsmethoden sehr besorgniserregend ist.  Hier herrschen nach wie vor beträchtliche Wissenslücken.

Der erste heterosexuelle Kontakt ist stark von Neugier und sozialem Druck von Gleichaltrigen geprägt. Viele Jugendliche berichten, sie wollten das erste Mal „endlich hinter sich bringen“. Dabei kann man keineswegs von sexueller Reife sprechen. Erst wenn die kognitiven Voraussetzungen vorhanden sind, spricht man von sexueller Reife. Ab diesem Zeitpunkt kann gewährleistet werden, dass der bestmögliche Partner gefunden wird. (S. 376)

Wovon ist es nun abhängig, ob man früher oder später die ersten sexuellen Kontakte knüpft? Abhängig ist es sehr oft von den Peer-Groups, von Freunden von dem Umfeld in dem sich der Jugendliche befindet, das heißt, ob sie gleich alt sind, welchen Entwicklungsstand haben sie, welchen sozialen Rang usw. Oft reicht es schon aus, wenn die Jugendlichen den Eindruck gewonnen haben, dass ein Freund schon das erste Mal hatte, dadurch entsteht ein gewisser Druck. Auch Holdynski behauptet, dass der Mensch stets eine Leistung anstrebt um eine höhere Fähigkeit zu demonstrieren (in diesem Fall „Scheinsex“). Der Kreis der Erfahrenden innerhalb der Peer-Group wächst somit sehr schnell. (S. 376)      

Ebenso ist der Einfluss der Familie entscheidend. Sobald die Mutter die Gespräche mit Tochter oder Sohn führt, entsteht eher eine geringere Sexualität des Jugendlichen. Wohingegen, ein Gespräch zwischen Vater und Sohn meist zu einer häufigeren Sexualität führt. Das wird auf die Ermutigung durch den Vater zurückgeführt, selbst Erfahrungen zu sammeln. Allgemein kann man sagen, dass die Einstellung der Eltern Einfluss auf die Sexualität der Kinder hat.

Dies kann auch zu einem Motivkonflikt bei den Jugendlichen führen. Ihre Eltern wollen womöglich Sex nach der Ehe, die Peer-Group drängt auf sofortigen Sex (S. 581)   Beide Motive sind jedoch nicht erfüllbar. Die Erfüllung des einen Motivs führt also zur Unerfüllbarkeit des anderen.

Entwicklungspsychologie 2006


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