Entwicklungspsychologie 2006

Gabriele Krumphuber, Doris Penninger & Christa Schmolmüller

Wie wirkt sich der Einfluss von Vorbildern und Teenidolen auf die Persönlichkeit Jugendlicher aus?

1. Selbstfindung im Jugendalter

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psychologisch- pädagogischer Begriffe
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Sie beschreibt somit einen in der Pubertät beginnenden Prozess, durch den ein Mensch versucht, sich in seinen Eigenheiten und Zielen zu definieren, vor allem in Abgrenzung von der Gesellschaft und ihren Einflüssen. Der Prozess der Selbstfindung wird jedoch erst durch die Fähigkeiten der Reflexion, des Nachdenkens über sich selbst sowie durch das kritische Abstandnehmen von sich selbst, welche die Menschen erst im Jugendalter entwickeln, möglich gemacht. Im Mittelpunkt der Selbstfindung stehen nach Schenk-Danzinger (1993, S.) drei zentrale Fragen der:

1.2 Ablauf der Selbstfindung

1. Kritische Betrachtung des Äußeren

Das Äußere spielt in diesem Lebensalter eine große Rolle da dieses einen Teil der Identität darstellt und die individuelle Persönlichkeit repräsentieren soll. Viele Jugendliche haben in dieser Zeit aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes, Angst nicht akzeptiert, verspottet oder vom anderen Geschlecht missachtet zu werden. Auf Grund dessen werden oft Vorbilder oder Teenidole als Maßstab für die Persönlichkeitsentwicklung herangezogen um so sein eigenes Selbst zu finden. Die ersten Schritte der Veränderung durch die Frisur und die Art wie man sich kleidet um zum Ausdruck zu bringen welchem Kulturmuster man angehört.

2. Verlagerung der Identitätssuche nach Innen

Allmählich verändert sich jedoch die Suche nach dem eigenen Ich vom Äußeren zum Inneren. Nicht mehr das optische Erscheinungsbild steht im Vordergrund sondern Eigenschaften, Fähigkeiten und Einstellungen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Eine Kluft zwischen der subjektiven und optativen Identität entsteht und erzeugt beachtliche Spannungen. Die Größe der Diskrepanz zwischen diesen Identitäten kann signifikante Fehlhaltungen mit sich bringen (vgl. Schenk-Danzinger 1993).

1.3 Identifikation

Bei diesem, von Freud eingeführten Begriff, handelt es sich um die Introjektion, also die Hereinnahme von Verhaltens- und Denkweisen anderer Personen die vom Individuum als vorbildlich akzeptiert werden. Somit kann unter Identifikation ein Bestreben, einem anderen Menschen, den man als Vorbild ansieht, möglichst ähnlich und gleich zu sein, ansehen. Ein solches Verhalten finden bereits im Kindesalter durch die Identifikation mit den Eltern statt und setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort (vgl. Pauls 1990).

1.4 Zusammenhang von Selbstfindung und Vorbildern sowie Teenidole

Jugendliche neigen in verschiedenen Stadien auf der Suche nach deren Persönlichkeit dazu, sich an Vorbildern oder Teenidole zu orientieren, diese nachzuahmen und deren Persönlichkeit zu übernehmen. Selbstfindung kann sich ohne Vorbilder auch nicht vollziehen. (vgl. Schenk-Danzinger 1993, S**.). Speziell auf der akzeptaktiven Ebene versuchen junge Menschen ihre Schwächen und Unsicherheiten durch die Nachahmung von Vorbildern und/oder Teenidolen auszugleichen. Massenmedien unterstützen die Jugendlichen darin, indem sie Menschen hervorheben, diese hochleben lassen und ihnen vermitteln, dass diese „Stars“ perfekt sind. Jene Stars werden mehr und mehr umjubelt und zu Idolen- in diesem Kontext Teenidolen- ernannt. Viele Heranwachsende wollen also so sein wie ihr Teenidol und eifern diesen nach ohne teilweise Grenzen zu kennen (vgl. Haubner 1985).

2. Historische Entwicklung von Vorbildern und Teenidolen

Kinder und Jugendliche brauchen Vorbilder. Das ist nicht nur heute so, sondern man kann dieses Phänomen bis weit in die Vergangenheit verfolgen. Anders ist das mit dem Teenidol. Dieses Phänomen kann man erst seit jener Zeit beobachten, in der Massenmedien wie Radio und Fernsehen für die breite Masse zugänglich wurden. Berühmtheiten konnten auf diese Art weit verbreitet gesendet werden, und erlangten dadurch hohen Bekanntheitsgrad. Seit dieser Zeit hat das Teenidol an Bedeutung gewonnen, und ist heute kaum noch aus der Lebenswelt der Jugendlichen wegzudenken.

2.1 Idoltypen

Seit mehr als 40 Jahren tauchen immer wieder verschiedene Idole in der Jugendkultur auf. Man kann die verschiedenen Idole zu verschiedenen Typen zuordnen: Dabei gibt vier Idoltypen: tragische, konservative, rebellische und posthumane Helden. Diese Idole stammen vorwiegend aus dem Bereich der Freizeitkultur. Der Schwerpunkt liegt bei Jugendidolen seit mehr als 50er Jahren vor allem bei Leinwand- und Popstars

Typ 1, das tragische Idol:

Dieses Idol steht für das Scheitern an den Erfordernissen der zweckorientierten Erwachsenenwelt, das Zerbrechen von Individualität, die im Suizid enden kann. Das Scheitern wird beim tragischen Idol zum Kult. Beispiele für dieses Idol sind Kurt Cobain von „Nirvana“ sowie auch James Dean in den 50er Jahren.

Typ 2, das konservative Idol:

Dieses Idol steht für Konformität und schnellen Aufstieg in der Erwachsenenwelt und den Umgang mit deren Werten. Dieses Idol hat es geschafft, sich zu integrieren und anzupassen. Beispiele für diese Idole sind leistungsorientierte Sportidole wie Franzi van Almsick und Boris Becker. Sportliche Leistungen und deren Vermarktung stehen im Mittelpunkt. Einen eigen Stil zu haben spielt bei diese Idolen weniger Rolle, jedoch umgeben sie sich gerne mit Statussymbolen. Im großen und ganzen haben sie einen normalen Lebenswandel, und verlangen diesen auch von den Fans.

Typ 3, das rebellische Idol:

Dieses Idol charakterisiert das ziellose und aggressive Ablehnen von Normen und Tabus. Sie leben ein Leben ohne Rücksicht auf Sanktionen, und nehmen sich Freiräume, die normalen Jugendlichen versagt bleiben.

Typ 4, das Idol:

Diese Stars zeigen verschiedene, multiple und künstlich hergestellte Identitäten und Körper. Der Star „konstruiert“ sein Image, und schlüpft dabei in eine Rolle. Der Type 4 ist in den 80er Jahren dazugekommen, und vor allem im Bereich der Popstars angesiedelt. Das wohl bekannteste Beispiel für das Rollenspiel ist Madonna, die sich immer wieder neu erfindet. Aber auch Stars wie „Prince“ leben diesen Stil.

Man kann also sagen, dass sich im Gegensatz zu früher einiges verändert hat. Seit der Nachkriegszeit hat der unmittelbare „Nahraum zum Idol“ fast völlig an Bedeutung verloren. „Local Heroes“ wurden durch internationale mediale Jugendidole ersetzt, da durch die virtuelle Bildwelt die globalen Bezugsräume kleiner geworden sind (vgl. Krüger & Richard 1997, S. 30f).

3. Stars, Idole, Vorbilder – was unterscheidet sie?

Jugendliche sind auf der Suche nach Lebensstil, politischer Haltung, letztlich nach sich selbst. Bei dieser Suche sind Stars, Idole und Vorbilder hilfreich, sie bieten Orientierungs- und Identifikationsmöglichkeiten – auf sehr unterschiedliche Weise. Mit Vorbildern, Stars und Idolen definieren die Jugendlichen aber nicht nur sich selbst, sondern demonstrieren auch Haltung nach außen. Die Namen von Popmusikern oder Sportlern sind nämlich Platzhalter für die Prozesse der Cliquenbildungen und Abgrenzungen bei Jugendlichen. Der Diskurs über Grundhaltungen läuft hier nicht über Argumentationen, sondern über diese Platzhalter (vgl. Janke 1997, S. 18).

3.1 Die Vorbilder

Vorbilder sind Personen, denen man nacheifert. Diese können sowohl Menschen aus dem Familien- oder Bekanntenkreis als auch Prominente oder historische Personen sein Vorbilder müssen nicht, wie etwa Idole, als ganze Personen allumfassend erklärt werden – ihre Vorbildfunktion kann sich auf bestimmte Eigenschaften konzentrieren. Verglichen mit Stars und Idolen haben Vorbilder eindeutig den besseren Ruf. Sie haben Leitbildfunktionen, die sich auf konkrete, nachprüfbare Faktoren stützt. Dass Jugendliche eine Lehrer oder eine Lehrerin als Vorbild betrachten, kommt kaum vor. Viele aber entdecken Eigenschaften an ihnen, die sie übernehmen möchten (vgl. Janke 1997, S. 18f)).

3.2 Die Inflation der Stars

Während die Vorbilder immer rarer werden, haben die Stars Hochkonjunktur. Es gehört immer weniger dazu, ein Star zu sein: Man muss lediglich in weiten Kreisen der Bevölkerung bekannt und beliebt sein. Warum und mit welchen Verdiensten man zu Star geworden ist, spielt keine so große Rolle. Stars können gleichzeitig auch Vorbilder sein, müssen es aber nicht. Sich für einen Star zu begeistern heißt noch lange nicht, auch seine Eigenschaften zu schätzen.

Stars sind Ausdruck unserer Sehnsüchte. Während Vorbilder eher Projektionsoberfläche unserer ganz realistischen Anstrengungen um bestimmte Eigenschaften sind, kristallisieren sich in den Stars unsere irrationalen, unerreichbaren Vorstellungen. Stars haben diese unerreichbare Ausstrahlung. Der offensive Sex einer Madonna, die Härte eines Arnold Schwarzeneggers oder die jungenhafte Ausstrahlung eines Boris Becker (vgl. Janke 1997, S.20).

3.3 Vom Star zum Idol

Wer ein Star ist, hat es schon weit gebracht – er kann es aber noch weiter bringen: Er kann ein Idol werden .Meyer Neues Lexikon beschreibt ein Idol als „(falsches) Leitbild, Trugbild; jemand oder etwas als Gegenstand übermäßiger Verehrung“. Wichtig bei Idolen ist, dass diese Verehrung ins Irrationale, ins Mystische gleitet. Anders als Stars haben sie wieder mehr Vorbildcharakter. Der ist aber diffus, verklärt und verwachsen. Einen Star kann man lieben, aber dabei man selbst bleiben. Idole rufen zur Gefolgschaft auf. Ein Idol ist kein Mensch aus Fleisch und Blut mehr, es ist unsterblich. Idol kann vor allem werden, wer eine der folgenden Eigenschaften aufweist:

Anhänger von Idolen weisen erstaunliche Parallelen zu religiösen Eiferern auf. Sie sammeln sich in sektenähnlichen Fanclubs. Die Zukunftsaussichten für den Berufsstand „Idol“ sind nicht so rosig. Was schon für die Stars galt, gilt für Idole umso mehr. Die Differenzierung der Gesellschaft in immer kleinere Gruppen erschwert das Aufkommen großer, verbindender Idole zunehmend. Idole brauchen nämlich Masse: Die Ekstase der Vielen zieht weitere Personen an – eine Art „Rattenfänger – Syndrom“. Die Mobilisierung von Massen für neue Idole, gelingt fast nur noch auf dem Gebiet der Teen-Idole. Wirklich neue Idole aus den Bereichen Politik, Film oder Sport gibt es kaum. Sie bleiben meistens auf dem Starstatus hängen.

Wie hält man Vorbilder, Stars und Idole am einfachsten auseinander? Indem man sich ansieht, welche Ebenen bei ihren Anhängern angesprochen werden. Wo das Vorbild an intellektuelle und moralische Vorstellungen appelliert, der Star an Gefühle und Leidenschaften, da offenbart das Idol irrationale Energien, die es zum rätselhaftesten der drei besprochenen Phänomene macht (vgl. Janke 1997, S. 20f).

Siehe auch Religion, Schuldgefühle und Angst

Literatur

HAUBNER, E. (1985). Vor- und Leitbilder von 15-jährigen Gymnasiasten. Universität Linz: Diplomarbeit.

JANKE, K. (1997). Stars – Idole – Vorbilder. Schüler `97, 18 – 21.

KRÜGER, H. & RICHARD. B. (1997). Alte Muster und neue Namen. Schüler`97, 30 –33.

PAULS, M. (1990). Identitätsbildung und Selbst-bewußt-Werdung. Sankt Augustin: Academia Verlag.

SCHENK-DANZINGER, L. (1993). Entwicklungspsychologie. Wien: Österreichischer Bundesverlag.


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