Entwicklungspsychologie 2006

Lückekinder

1. Definition Lückekinder

Liest man in einer allgemeinen Enzyklopädie nach, so findet man grundsätzlich eine Unterscheidung zwischen der Kindheit in den einzelnen Entwicklungsstufen und der direkt darauf folgenden Jugendzeit. (vgl. Brockhaus 1955, S. 109, 373-374) Als Kind bezeichnet man einen Menschen ab der Geburt bis zum 14. Lebensjahr. (vgl. Brockhaus 1955, S.373) In dieser Arbeit beschäftigen wir uns hauptsächlich mit Kindern der Altersstufe der 10 -14 Jährigen. In dieser Phase befinden sich die Kinder in einer Stufe, in der die Entwicklung des Kindes einen Höhepunkt erreicht. (vgl. Brockhaus 1955, S.373) Die Altersgruppe der Lücke – Kinder befindet sich zwischen diesen Großgruppen der Kinder und Jugendlichen.

2. Soziale und Politische Entwicklung

Die soziale Kognition bezieht sich vor allem auf das Verständnis von innerpsychischen Prozessen des Gegenübers (wie z.B. seine Absichten, Einstellungen, Gefühle, Ideen, usw.), bestimmt die Qualität von Beziehungen wie Freundschaft, Liebe oder Macht und schreibt die Befähigung von Selbstbestimmung und Umweltrepräsentation den Menschen zu.

Bei der Personenwahrnehmung geht es darum Jugendliche das Verhalten anderer durch eigene Motive, Überzeugungen, usw. anstatt durch äußere Beeinflussungen und Gepflogenheiten verstehen. Die Vorstellung von Personen und Interaktionen ändern sich über die Kindheit (vgl. Silbereisen & Ahnert 2002, S. 596)

Der wichtigste Ansatz von Piaget ist die Perspektivenübernahme. Perspektivenübernahme beschreibt den Versuch das Denken, Fühlen oder Wollen einer anderen Person zu verstehen, indem eben die Situationsgebundenheit des Handelns erkannt und entsprechende Schlussfolgerungen gezogen werden (vgl. Silbereisen et al. 2002, S. 597).

Die Einstellungen zur Politik unter den Jugendlichen ist in den verschiedenen Alterklassen vollkommen gegensätzlich. Außerdem verändern sich die politischen Einstellungen und Handlungsbereitschaften laufend im Entwicklungsablauf. Aus diesem Grund werden auch unsere Lückekinder bereits in ihrer Alterklasse mit politischen Einstellungen und Meinungen konfrontiert werden und ihre Haltungsweise gegenüber den diversen Meinungen laufend ändern (vgl. Preiser 2002, S. 881).

3. Umwelt der Lückenkinder

Im Alter zwischen neun und vierzehn Jahre erfolgt eine ganz klare Abnabelung von den Eltern. Die Heranwachsenden entfernen sich vermehrt von den Eltern um ihren eigenen Lebensweg zu finden. Diese Ablösung von den Eltern wird ganz bewusst vollzogen und auch nach außen gezeigt, weil sie dadurch ihre persönliche Unabhängigkeit demonstrieren wollen(vgl. Schurian 1989, S. 115ff).

Während Kinder im Volksschulalter noch sehr stark die Autorität der LehrerInnen anerkennen und ihre LehrerInnen oft geradezu verehren, setzen sich Kinder zwischen neun und vierzehn Jahren immer kritischen mit den Ansichten und Aussagen ihrer Pädagogen auseinander. Die vorgegeben Ideale werden nicht mehr bedingungslos übernommen.

Um diese Unsicherheit umgehen zu können, legen die Heranwachsenden zwischen neun und vierzehn Jahren besonders viel Wert auf den Umgang mit Gleichaltrigen in so genannten Peer Groups, die sich für Ähnliches interessieren. Durch die Identifikation mit der Gruppe können die Kinder leichter ihre Unsicherheit kompensieren( vgl. Friedrich 1989, S. 116).

Die spezielle Umwelt in der Stadt hat auf die Entwicklung von Personen zwischen 9 und 14 Jahren einen bedeutenden Einfluss. In diesem Lebensraum beginnen sie, ihre ersten eigenen Erfahrungen zu machen, indem sie ihren Intellekt einsetzen. Durch diese Erfahrungen verändert sich die Einstellung der Heranwachsenden zu ihrer Umgebung maßgeblich. Vor allem auch die häusliche Umwelt ihres Elternhauses bzw. deren Wohnung fließt in den Reifungs- und Sozialisationsprozess stark ein.

4.  Untersuchungsgrund

Im Zuge unsere Befragung haben wir 100 Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren, von denen 55 männlich und 45 weiblich waren, befragt.Wir hatten ursprünglich vor herauszufinden, warum so viele Jugendliche im Alter zwischen 10 und 14 Jahren ihre Freizeit in etwaigen Fast Food Ketten verbringen. Diese Annahme trafen wir aufgrund eigener Beobachtungen, die wir in Linz vor allem vor der Fast Food Kette Mc Donald’s anstellten. Wir waren zu Beginn dieser Befragung wirklich davon überzeugt, dass ein Großteil der Lückekinder ihre Freizeit dort verbringt, jedoch wurde wir wie die obigen Kreuztabellen zeigen vom Gegenteil überzeugt. Nur 11 von 100 Jugendlichen verbringen derzeit ihre Freizeit in Fast Food Restaurants.

5. Interpretation der Befragung

Frage 3 des Fragebogens: Wo würdest Du deine Freizeit lieber verbringen?

 

Die Antworten auf diese Frage waren für uns die wichtigsten und für die Lösungsansätze die entscheidendsten. Durch diese Frage konnten wir erst herausfinden für welche Zielgruppe ein Änderung der Freizeitsituation wünschenswert ist.

Die Mehrheit der Jugendlichen möchte ihre Freizeit mit ihren Freunden verbringen, vor allem im zunehmenden Alter nehmen die Freunde immer einen höheren Stellenwert ein. Gefolgt wird das von dem Wunsch die Freizeit zu Hause, im Einkaufszentrum oder am Skateplatz zu verbringen.

Frage 4: Mit wem verbringst Du deine Freizeit?

 

Hiermit wollten wir eben herausfinden welche Freizeitpartner für die Jugendlichen derzeit eine Rolle spielen. Die Mehrheit verbringt ihre Freizeit im Kreise der Familie, gefolgt von den Freunden, vor allem zu zweit. Die Mitschüler spielen auch eine wichtige Rolle.

Frage 5: Mit wem würdest Du am liebsten deine Freizeit verbringen?

Grundsätzlich haben wir hier festgestellt, dass die Istsituation von der Wunschsituation kaum abweicht. Der einzige auffallende Unterschied besteht in der Freizeitgestaltung mit mehr als 5 Freunden. Während nur 14 Personen heute ihre Freizeit mit mehr als 5 Freunden verbringen, ist der Wunsch von 25 Schülern/Innen gegeben.

Ist – Situation: Relation zwischen Freizeitgestaltung im Einkaufszentrum und im Park 

Wie bereits oben dargestellt, verbringt der Großteil der Befragten ihre Freizeit entweder mit der Familie oder mit Freunden. Jedoch rund 40% der Befragten verbringen ihre Freizeit im Einkaufszentrum oder im Park. Während es absolut wünschenswert ist, dass die Heranwachsenden Zeit mit der Familien und mit Gleichaltrigen verbringen, ist es der positiven Entwicklung nicht dienlich, wenn die Lückekinder im Park bzw. im Einkaufszentrum herumhängen. Aus diesem Grund haben sich diese Personen als Zielgruppe ergeben, für die die Entwicklung eines Lösungskonzeptes erstrebenswert erscheint.

6. Lösungsansätze

Aufgrund der Ergebnisse liegt der erwartete Schluss nahe, dass die Lückekinder eine Lücke in ihrer Freizeitgestaltung haben, vor allem diejenigen, die sich im Einkaufszentrum bzw. im Park aufhalten. Um diese Lücke zu schließen, sollte es neben den familiären Strukturen auch öffentliche Anlaufstellen geben, die eine Freizeitgestaltung speziell für Kinder von 10-14 Jahren ermöglicht. Die Tendenz mehr Freizeit außerfamiliär zu verbringen, wird in unseren Ergebnissen gut wiedergegeben. Es reicht auf keinen Fall aus für diese Lückekinder alleine eine Einrichtung zu schaffen, sondern es besonders darauf acht gegeben werden, dass dieses JUGEND-/KINDERZENTRUM auch dementsprechend beworben wird. Auch sämtliche Wünsche und Bedürfnisse der Zielgruppe müssen berücksichtigt werden. Weiters spielt die Aufsicht der Jugendlichen eine entscheidende Rolle bezüglich der späteren Akzeptanz der neuen Einrichtung. Die Akzeptanz für die Aufsichtsperson muss gegeben sein, damit die Einrichtung von den Jugendlichen überhaupt frequentiert wird.

Es sollte nicht nur ein einseitiges Freizeitangebot vorherrschen, sondern eine Vielzahl von verschiedenen Möglichkeiten, an denen die Jugendlichen teilnehmen können. Beispiele dafür wären: musikalische Workshops, künstlerische Entfaltung, eigene Räume für Treffen mit Freunden, usw. Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt, welcher bei diesem JUGEND-/KINDERZENTRUM berücksichtigt werden muss, ist das Alter. Es ist nicht möglich die Interessen, Wünsche und Bedürfnisse von 10 und 14-jährigen Kindern auf einen Nenner zu bringen. Aus diesem Grund sollte man sich für eine Altersgruppierung von 10-12 Jahren und 13-14 Jahren stützen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Altersgruppe zwischen 10 und 14 Jahren eine sehr kritische ist. Nur wenn alle Faktoren die für die Jugendlichen wichtig sind, erfüllt sind, dann kann dieses JUGEND-/KINDERZENTRUM langfristig erfolgreich sein. Als potenzieller Träger solch einer Einrichtung kommt die Stadt Linz und Vereine, wie z.B. die Kinderfreunde in Frage. Außerdem müssen dementsprechende Pädagogen und Sozialarbeiten, die mit dieser Altersklasse umgehen können, zur Verfügung stehen. Der Sinn und Zweck des JUGEND-/KINDERZENTRUMS liegt darin, die Jugendlichen vor Kriminalität, Alkohol- und Drogenkonsum und Gewalt zu schützen. Außerdem ist es wichtig, die Lückekinder von der Straße weg zu bekommen.

Verwendete Literatur

Brockhaus (1955). Der große Brockhaus sechster Band J-Kz (S.109; 373-374). Wiesbaden: Stalling

Friedrich, P., Lukas, H., Burchat, R., Denzin-von Broich-Oppert, U., Fahring, A., Landau, G., Schipper, M. (1984 und erweiterte Ausgabe 1989). Die „Lücke“- Kinder - Zur Freizeit-situation von 9 – 14 jährigen. Weinheim und Basel: Beltz

Preiser, S. (2002). Jugend und Politik - Anpassung – Partizipation – Extremismus. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 874-884). Weinheim, Basel, Berlin: Beltz

Silbereisen, R. K. & Ahnert, L. (2002). Soziale Kognition – Entwicklung von Sozialem Wissen und Verstehen. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 590-618). Weihnheim, Basel, Berling: Beltz.

Stone, L. J. & Church, J. (1978). Kindheit und Jugend - Einführung in die Entwicklungspsychologie Band 2. In P. Potthoff & H.P. Rosemeier (Hrsg.)

(S. 210 – 215). Stuttgart: Georg Thieme.

Urbach, J. P. (2005). Wissen.de – online Lexikon.

WWW: http://www.wissen.de/c/cachehome.html (05-10-20)

Sora Politikforschung (2003-2005). Institut for Social Research and Analysis (2005). EUYOUPART

WWW: http://www.sora.at/de/start.asp?ID=308&nobackbut=&mh=0,3,12&showmenu

(05-11-17)

Schurian, W. (1989). Psychologie des Jugendalters - Eine Einführung. Opladen: Westdeutscher Verlag


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Entwicklungspsychologie WS 2005/06


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