Entwicklungspsychologie 2006

Christoph Helm, Ulrike Kaut, Sabine Röhlich

Die Peergroup

oder der Spagat zwischen Entwicklungsraum und Elternersatz

Begriffsdefinition „Peergroup“

Um den englischen Begriff „Peergroup“ genauer zu definieren, reicht eine Übersetzung ins Deutsche nicht aus. Auf Deutsch übersetzt würde der Begriff dem Wort „Gleichaltrigengruppe“ entsprechen. Naudascher (1977, S. 13) weißt jedoch darauf hin, dass es mehr braucht, als nur gleichaltrig zu sein, um unter den Begriff „Peergroup“ zu fallen. „Peer“ bedeutet auch gleich sein bezüglich des Rangs und Status. Folglich ist das Alter nur ein Kriterium neben dem des Status.

Weiters verweist Naudascher (1977, S. 13f), dass diese beiden Kriterien weit auseinander fallen können. Die „Peergroup“ eines 40jährigen Studenten kann beispielsweise eine Generation jünger sein und dennoch den selben Status haben. In den meisten Fällen aber werden Status und Alter der Peergroup gleich sein, da sie meist ähnliche Entwicklungsphasen durchlaufen.

In unserer Untersuchung haben wir 5 Hypothesen festgelegt, die wir im Folgenden hauptsächlich an Hand der Literatur behandeln werden.

Hypothese 1: Die Art und Weise sich zu kleiden hängt von in der Peergroup formell oder informell festgelegten Richtlinien ab.

Naudascher (1978, Seite 125ff) verweist darauf, dass eine positiv gelingende Loslösung vom Elternhaus nur unter der Voraussetzung, dass die Jugendlichen den Bezug zu Eltern und Peers gleichzeitig und im ähnlichen Ausmaße vollziehen. Jene, die nur Elternbezogen oder Peer-orientiert sind haben größer Probleme im Loslösungsprozess.

Hypothese 2: Bei außerschulischen Aktivitäten und der Freizeitgestaltung gibt die Peergroup Trends vor, die von Jugendlichen eher aufgegriffen werden, als diesbezügliche Angebote der Eltern

Das Österreichische Institut für Jugendkunde weist bereits 1985 auf die hohe Bedeutung der außerfamiliären und außerschulischen Freizeit im Freundeskreis für die Ich-Findung und personale Stärkung der Jugendlichen hin. Die Tendenz zur „sprachlosen Gesellung“ via Fernseher führt zu einer Einweg-Kommunikation, die zunehmend Probleme in wechselseitiger Kommunikation mit anderen hervorruft (Österreichische Institut für Jugendkunde, 1985, S. 41). Daher sind Familie als auch die Jugendlichen gefordert die Möglichkeiten im Sozialisationsfeld zu nützen.

Bezüglich des konkreten Freizeitverhaltens der Jugendlichen kam Naudascher (1978, S. 37f) in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Hälfte der Jugendlichen ihre Freizeit am liebsten mit den Freunden verbringen würden und nur ein drittel mit den Eltern. Weiters finden viele Jugendliche in der Peergroup die Möglichkeit zum Gespräch. Sie geben aber gleichzeitig an, in ihrer Freizeit am liebsten alleine sein zu wollen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Jugendlichen ihre Ferien lieber mit Freunden verbringen, die Freizeit aber zwischen Eltern und Freunden aufteilen (Naudascher, 1978, S. 37f). Tippelt et al (1986, S. 168) hingegen kommen mit ihrer Studie zum Freizeitverhalten der Jugendlichen zu folgendem Schluss: „Das Zusammensein in der Freizeit mit mehreren Freunden und Freundinnen genießt bei 14-19jährigen Jugendlichen ... absolute Priorität.“ Weiters wird auch darauf hingewiesen, dass auch so genannte starke traditionelle Familienbindungen die mit FreundenInnen verbrachte Freizeit nicht einschränken. Ebenfalls besteht kaum eine geschlechterspezifischer Unterschied bezüglich des Zusammenseins mit Freunden in der Freizeit (Tippelt et al, 1986, S. 168).

Hypothese 3: Die Peergroup beeinflusst die schulischen Leistungen von Jugendlichen negativ.

Die Bedeutung, die ein Schüler seinem Status in der Gleichaltrigengruppe beimisst, entscheidet in vielen Fällen über eine akademischen Leistungen. Das heißt: Wenn ein Schüler in seiner Peergroup nicht beliebt ist, so wird er sehr viel mehr Zeit darauf verwenden, sein Image zu pflegen, als für die Schule zu arbeiten (vgl. Naudascher, 1977, S. 74).

Obwohl in unserer Untersuchung kein negativer Einfluss der Peergroup auf den einzelnen Probanden sichtbar war, gehören laut Naudascher (1977, S. 74) gute Noten nicht zu der Liste der zu erstrebenden Qualitäten.

Hypothese 4: Die Peergroup beeinflusst die außerschulischen Leistungen von Jugendlichen positiv.

Im Bezug auf außerschulischen Leistungen werden die Probanden von ihrer Peergroup motiviert, wobei hier besonders die sportlichen Leistungen, wie Fussball, Laufen, Volleyball, Leichtathletik usw. herausstechen. Hier wirkt die Peergroup motivierend und anspornend. Die Freunde in der Peergroup sind bei einigen Probanden auch in Bezug auf Einstellungen und Meinungen ein Vorbild. Ein Proband will sich zum Beispiel auch im Umgang mit anderen Menschen verbessern, wie zum Beispiel die Konfliktlösung.

Hypothese 5: Der Einfluss der Eltern ist in Bezug auf die Schul- und Berufswahl von Jugendlichen größer als jener der Peergroup.

In der Literatur gehen die Meinungen über den Einfluss der Eltern und Peers in der Adoleszenz auseinander. In der Theorie der ‚autonomen Jugendkultur’ wird der Peergruppe die weitaus größere Bedeutung beigemessen. Die Jugendlichen würden sich den Normen innerhalb der Peergruppe wesentlich konformer verhalten als gegenüber den Normen ihrer Eltern. Auf der anderen Seite vertreten Befürworter der ‚Situationshypothese’ die Ansicht, „dass der soziale Einfluss von Eltern oder peers nach dem Handlungsbereich schwankt, in dem er wirksam wird.“ (Tippelt/Krauß/Baron 1986, S. 194) Das heißt nichts anderes, als dass in Situationen, die in den Augen der Jugendlichen als besonders problematisch, schwierig oder auf lange Sicht sehr wichtig sind, die Bedeutung und der Einfluss der Eltern wesentlich größer sind, als jener der Peergroup.

Peer Education

Die Peergroup Education nutzt die Tatsache, dass für Jugendliche neben den Eltern immer mehr der gleichaltrige Freundeskreis an Bedeutung gewinnt. Die in jeder Peergroup anzutreffenden Peer Leader, die besondere Aufmerksamkeit genießen, sollen Schnittstelle zu den übrigen gleichaltrigen Peergroup-Mitgliedern sein. Ziel ist es Jugendliche durch Gleichaltrige zu informieren und die in diesem Lebensabschnitt brisanten Themen wie AIDS, Suchtverhalten, Konflikte, altersrelevante Probleme etc. zu thematisieren.

Peer Mediation

An österreichischen Schulen wird in den letzten verstärkt das Thema der Peer Mediation in den Vordergrund gerückt. Hier stehen besonders Möglichkeiten der Gewaltprävention und Konfliktregelung im Vordergrund – oder anders ausgedrückt Peer Mediation ist nichts anderes als die Konfliktregelung zwischen Jugendlichen durch jugendliche Mediatoren. Peer Mediation gilt als ein Erfolg versprechender Ansatz der konstruktiven Konfliktbewältigung. Leitender Gedanke ist dabei, dass Jugendliche selbst Experten ihres Alltags sind und über die Bedürfnisse, Erwartungen, Probleme und Interessen der heutigen Jugend Bescheid wissen. SchülerInnen werden zu Peer MediatorInnen ausgebildet, die bei Konflikten zwischen Schülern vermittelnd eingreifen und zur Entwicklung eigenverantwortlicher Lösungen beitragen.

Literatur

Naudascher, Brigitte (1977). Die Gleichaltrigen als Erzieher. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn

Naudascher, Brigitte (1978). Jugend und Peer Group. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn

Österreichisches Institut für Jugendkunde (Hrsg., 1985). Jugend in Verbänden und offenen Gruppen. Jugend und Volk Verlagsgesellschaft m. b. H.

Tippelt, Rudolf et al (1986). Jugend und Umwelt. Beltz Verlag, Weinheim und Basel


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