Entwicklungspsychologie 2006

Raphael Baumberger, Doris Desl & Thomas Stöbich

Jugend und Politik

Definition von politischem Interesse

Politisches Interesse bedeutet Neugier, Zuwendung, Aufmerksamkeit und Wachheit gegenüber politischen Angelegenheiten (Schmid, 2004).

Das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen wird wesentlich durch die Politik mitgestaltet. Für van Deth (1999) steht deshalb außer Frage, dass sich Menschen als Mitglieder der Gesellschaft für Politik interessieren sollten. Nicht die Anwesenheit, sondern die Abwesenheit von Politikinteresse sei erklärungsbedürftig. Es können drei grundlegende Faktoren für politisches Desinteresse verantwortlich gemacht werden:

In der 14. Shell-Jugendstudie, die 2002 veröffentlicht wurde, stellt man fest, dass Jugendliche kaum politisch engagiert sind und dass ebenfalls kaum politisches Interesse unter ihnen existiert – zumindest nicht im klassischen Sinne. (Albert, 2004)

Es lässt sich schon länger ein Trend zu einem politischen Desinteresse bei Jugendlichen feststellen. Dahinter wird oftmals „Politikverdrossenheit“ vermutet, die spezieller als „Politiker- und Parteienverdrossenheit“ gesehen werden kann. Denn es sind nicht bestimmte Parteien, denen die Jugendlichen ihr Vertrauen entziehen, sondern „fehlende Lösungskompetenzen“ von Parteien und Politikern bilden die Ursache für das entzogene Vertrauen (Albert, 2004).

Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten werden die Begriffe „Politikverdrossenheit bzw. Parteienverdrossenheit“ eher kritisch gesehen. Wissenschaftler äußern sich zu diesem Thema eher uneinheitlich, zurückhaltend und differenziert, bis hin zu dem Eingeständnis, trotz der Fülle an Daten und der Intensität an Erklärungsbemühungen recht wenig darüber zu wissen. Es gibt „keine einheitliche Erklärung für das Zustandekommen der individuellen Wahlentscheidung“. Weiters herrscht auch kein Einverständnis, ob es überhaupt eine Politikverdrossenheit gibt. Die Schwierigkeit bei der empirischen Erfassung von Parteienverdrossenheit ist, dass es kein allgemein akzeptiertes Messinstrument dafür gibt (Weinacht, 1994).

Weiters lassen sich auch Unterschiede am politischen Interesse bei den Geschlechtern feststellen. Frauen zeigen eindeutig weniger Interesse am politischen Geschehen, doch wie lässt sich das erklären. Ein unterschiedliches Bildungsniveau, wie es vor Jahrzehnten nahe gelegen wäre, kann nicht ausschlaggebend sein, da Mädchen schon längst gleichgezogen sind bzw. die Jungen schon überholt haben. Auch eine „naturalistische“ Erklärung, die auf das Geschlecht als biologische Tatsache abstellt, vermag die soziale Tatsache nicht zu erklären. Plausibler ist die Erklärung sozialer Tatsachen durch eine soziale Struktur. Denn wie wir alle wissen, existieren in unserer Gesellschaft bestimmte Arbeits- und Rollenverteilungen zwischen den Geschlechtern. Somit führt dieser Gedanke dazu, dass Frauen eher distanziert zu staatlichen Institutionen und Prozessen des Machterwerbs und der Machtausübung stehen – auch wenn sich Frauen sehr stark in sozialen Bewegungen engagieren. Man findet auch bei weitem nicht so viele Politikerinnen wie Politiker (Download: 29. Dez. 2005; http://www.bpb.de/publikationen/ZDBDQ8,2,0,
Politische_Orientierungen_Jugendlicher.html
).

Die Lösung für das Problem des mangelnden politischen Interesses bei Jugendlichen könnte folgendermaßen aussehen:

Die politischen Parteien, aber auch staatliche Institutionen und private politische Interessensverbände sollen den Jugendlichen die Möglichkeit geben sich problembezogen, projektförmig zu engagieren. Denn genau in diesem Feld der problembezogenen Projekte sind Jugendliche bereit sich in höchstem Maße zu engagieren. Die traditionelle Form der langfristigen Einbindung in eine Organisation entspricht nicht den Wünschen der Jugend. Es wird jedoch schwierig sein eine solche versprechende Beteiligungsform einzurichten bzw. regelmäßig anzubieten. Sie widerspricht im Ansatz weitgehend der Logik parteipolitischer Konkurrenz und der dauerhaften Bindung von Anhängern Albert (2004). 

Verwendete Literatur

Albert, Mathias - 2004; Konzeption und Koordination der 14. Shell Jugendstudie. Download: 2005-12-29; http://www.familienhandbuch.de/cmain/
f_Fachbeitrag/a_Jugendforschung/s_1336.html

Schmid, Christine – Politisches Interesse von Jugendlichen, Eine Längsschnittuntersuchung zum Einfluss von Eltern, Gleichaltrigen, Massenmedien und Schulunterricht

Weinacht, Paul-Ludwig - Wege aus der Parteienverdrossenheit; Ergon Verlag, Würzburg 1994 .Download: 2005-12-29;

http://www.bpb.de/publikationen/
ZDBDQ8,2,0,Politische_Orientierungen_Jugendlicher.html


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Entwicklungspsychologie WS 2005/06


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