Entwicklungspsychologie 2006

Monika Hons

Elterliche Ungleichbehandlung in Kindheit und Jugend aus der Perspektive des mittleren Erwachsenenalters

Zusammenfassung eines Artikels von Dieter Ferring, Thomas Boll & Sigrun-Heide Filipp in der Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 2003, (S. 83-97)

Der vorliegende Arikel setzt sich mit der Fragestellung auseinander, inwieweit sich die Ungleichbehandlung von Seiten der Eltern gegenüber ihren Kindern im frühen Erwachsenenalter der Kinder auswirkt. Außerdem soll aufgezeigt werden, inwieweit eine subjektiv wahrgenommene Benachteiligung die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme für die Eltern reduziert, bzw. eine wahrgenommene Bevorzugung die Bereitschaft erhöht und ob auch Auswirkungen auf die Qualität der Geschwisterbeziehung im früheren Erwachsenenalter festzustellen sind. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 83)

Zur elterlichen Ungleichbehandlung liegen relativ wenige Arbeiten vor. So haben sich etwa Ross und Milgramm (1982) mit dieser Fragestellung auseinandergesetzt. Ihre Untersuchung führte zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte der Personen, die über Geschwisterrivalität berichteten, die elterliche Bevorzugung eines Geschwisters als Grund dafür anführte. Diese Untersuchung lässt sich aber aufgrund der Altersverteilung der Stichprobe nicht unmittelbar auf das frühe Erwachsenenalter beziehen. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 84)

Eine weitere Studie, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzt, liegt von Belford (1992) vor. Hierin gaben etwa 40 % der Befragten eine Benachteiligung gegenüber ihren Geschwistern an. Die Personen gaben auch an, dass sich die wahrgenommene Benachteiligung auch aktuell auf die Beziehung zu ihren Eltern im Sinne von mehr Konflikten auswirkt. Mit dieser Studie wurde auch lediglich die eigene subjektiv wahrgenommene Benachteiligung erfasst, nicht jedoch die Bevorzugung. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 84)

Zur weiteren Erforschung elterlicher Ungleichbehandlung erscheint es zunächst wichtig, festzustellen, wie diese begrifflich gefasst wird. Im Folgenden wird die wahrgenommene Ungleichbehandlung nach Akteuren, Bereichen und Richtungen differenziert. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 84)

Beide Eltern sind an der Erziehung der Kinder beteiligt und zeigen ein anderes Verhalten gegenüber den Kindern, daher erscheint es wichtig, dass je nach Elternperson das Verhalten untersucht wird. Außerdem sollen auch die verschiedenen Bereiche des elterlichen Verhaltens (Zuneigung versus Kontrolle) betrachtet werden. Die Richtung der elterlichen Ungleichbehandlung kann sich einerseits in der Benachteiligung und andererseits in der Bevorzugung ausdrücken. Informationen, die an eine wahrgenommene Bevorzugung erinnern, sind vor allem im Zusammenhang mit der Frage wichtig, inwieweit sich diese auf eine schlechtere Qualität der Beziehung zu den Geschwistern auswirkt bzw. ob eine verbesserte Beziehung zu den Eltern damit verbunden ist. Zu prüfen wäre auch, ob eine elterliche Benachteiligung von Seiten einer Elternperson durch Bevorzugung oder Gleichbehandlung seitens der anderen Elternperson gedämpft wird. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 84f)

Bei der Untersuchung ist aber auch zu berücksichtigen, dass die Sicht des mittleren Erwachsenenalters auf die Kinder- bzw. Jugendzeit zwangsläufig Rekonstruktionen darstellt und Personen seit Kindheit und Jugendalter eine Vielzahl von Erfahrungen innerhalb und außerhalb ihrer Herkunftsfamilie gemacht haben. Diese können sich mit dem Verhalten in Kindheit und Jugend überlagern. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 85)

Die aktuelle Studie soll nun aufzeigen, welcher Zusammenhang mit der unterschiedlichen Rolle, die Vater und Mutter spielen, zu Struktur, Ausmaß und Richtung der erinnerten elterlichen Ungleichbehandlung besteht. Weiters soll eine Klassifikation der Personen im mittleren Erwachsenenalter nach Maßgabe ihrer retrospektiven Beurteilung der elterlichen Ungleichbehandlung erfolgen d. h. inwieweit sich Gruppen mit „Bevorzugung“, „Benachteiligung“ und „Gleichbehandlung“ im Hinblick auf die aktuelle Beziehungsqualität zum Geschwister bzw. zu den Eltern unterscheiden. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 85)

Im Rahmen des Projektes „Struktur und Folgen wahrgenommener elterlicher Ungleichbehandlung bei Geschwistern im mittleren Erwachsenenalter“ wurden insgesamt 1208 Personen im Alter zwischen 40 und 54 Jahren befragt, die unterschiedlichen Substichproben zugeteilt wurden. Diese definierten sich durch die Art der Geschwisterdyade und der Altersrelation. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 86)

Im Ergebnis zeigt sich, dass in erster Linie eine Gleichbehandlung zwischen den Geschwistern vorliegt, da sich 83,2 % von den befragen Personen gleichbehandelt mit ihren Geschwistern fühlten. Das Ausmaß der Ungleichbehandlung durch die Mutter wurde signifikant höher eingeschätzt, als das durch den Vater, dies galt sowohl für die differentielle Unterstützung als auch für die differentielle Strenge. Es zeigen sich auch keine Unterschiede in der Beurteilung des elterlichen Verhaltens zwischen dem, ob die Elternperson noch lebt oder bereits verstorben ist. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 89)

Weiters wurde auch untersucht, inwieweit die Skalenwerte zur unterschiedlichen Unterstützung und Strenge in Abhängigkeit von der Geschwisterdyade und der Geschlechtskomposition variieren. Im Hinblick auf die mütterliche Strenge ergeben sich keine signifikanten Differenzen. Bei der mütterlichen Unterstützung kann man allerdings Unterschiede erkennen. So ist für die Schwester-Bruder-Dyade eine signifikant höher wahrgenommene Benachteiligung in mütterlicher Unterstützung ermittelt worden als in allen anderen Dyaden. Frauen, die im Vergleich zu ihrem Bruder eine Bewertung des elterlichen Verhaltens trafen, fühlten sich viel stärker benachteiligt als Frauen, die dies im Vergleich zu einer Schwester taten. Bei den männlichen Befragten hingegen ergab sich hier keine signifikante Differenzierung nach dem Geschlecht des Geschwisters. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 90)

Bei der väterlichen Unterstützung hat sich gezeigt, dass ältere Geschwister im Vergleich zu ihren jüngeren Geschwistern eher eine Benachteiligung erfahren haben als jüngere Geschwister im Vergleich zum älteren. Dieser Effekt zeigt sich auch auf die wahrgenommene Strenge. Weiters berichten Söhne von mehr väterlicher Benachteiligung als Töchter. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 90)

Der Überlebensstatus der Eltern spielt eine geringe Rolle, so wird nur eine Verbundenheit gegenüber der Mutter dann höher eingeschätzt, wenn diese bereits verstorben ist. Die Studie zeigt auch, dass die erwartete Verbundenheit der Personen, die sich benachteiligt fühlen, gegenüber dem Geschwister geringer war als derjenigen Personen, die eine Gleichbehandlung erfuhren. Außerdem bestätigt sich auch, dass die Verbundenheit gegenüber dem Vater niedriger ist, bei Personen die sich benachteiligt fühlen. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 91)

Bei der Befragung der Unterstützungsbereitschaft stellt sich heraus, dass die Personen, die vom Vater benachteiligt wurden, auch gegenüber dem Geschwister und gegenüber der Mutter eine signifikant geringere Unterstützungsbereitschaft angaben. Die Gruppe der vom Vater Bevorzugten hingegen zeigt eine signifikant geringere Unterstützungsbereitschaft gegenüber der Mutter. Personen, die sich durch die Mutter benachteiligt fühlen, weisen auch eine signifikant geringere Unterstützungsbereitschaft gegenüber allen drei Personen auf. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 92)

In der Studie ist die Art der elterlichen Behandlung in der Kindheit als globales Urteil repräsentiert, das zwar die Differenzierung nach Akteuren sowie nach der Richtung beinhaltet, nicht aber die einzelnen Bereiche des elterlichen Verhaltens. Eine detaillierte Angabe über die elterliche Behandlung dürfte auch nach so einem langen Zeitraum nicht mehr so leicht verfügbar sein. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 93)

Das Ausmaß der Personen, die eine Ungleichbehandlung im Kindes- bzw. Jungendalter angeben, scheint auch geringer zu sein, als das Ausmaß der Ungleichbehandlung wie es von Kindern, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen erlebt wird. So berichten in dieser Studie nur etwa 17,7 % von einer Ungleichbehandlung, während Untersuchungen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 35 % und 43,5 % liegen. Dies kann durch die Unmittelbarkeit der Erfahrung, die ja im mittleren Erwachsenenalter nicht mehr gegeben ist, erklärt werden. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 93)

Interessant ist auch, dass mit Blick auf die Mutter von einer größeren Benachteiligung berichtet wurde, dass ja dem traditionellen Klischee der fürsorglichen und milden Mutter widersprechen würde. Es muss aber berücksichtigt werden, dass in der vorliegenden Stichprobe die Mutter die hauptsächliche Erziehungsperson war. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 93)

Das elterliche Verhalten wird vor allem im Vergleich zwischen Bruder und Schwester unterschiedlich bewertet. Töchter werden im Vergleich zu Brüdern von der Mutter eher benachteiligt, während Söhne im Vergleich zu Töchtern sich vom Vater benachteiligt fühlen. Dies zeigt sich auch im Zusammenhang mit Strenge und Unterstützung durch die Eltern. So fühlen sich Töchter weniger durch die Mutter unterstützt, während Söhne vergleichsweise eine größere väterliche Strenge erleben. Keiner der Befragten gab an, sich im Hinblick auf die Analyse des mütterlichen Verhaltens gegenüber ihrem Geschwister bevorzugt gefühlt zu haben. Dies könnte damit erklärt werden, dass an die Beziehung zur Mutter aufgrund ihrer höheren Präsenz im Erziehungsgeschehen höhere Erwartungen im Hinblick einer Gleichbehandlung gestellt werden, sodass es eher zur Wahrnehmung einer Benachteiligung als zur Wahrnehmung einer Bevorzugung der eigenen Person kommt. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 94)

Hier muss aber auch gesagt werden, dass sich differentielles elterliches Verhalten teilweise sicherlich als Reaktion auf real existierende zugeschriebene Persönlichkeits- und bzw. oder Temperamentsunterschiede zwischen Kindern ergibt. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 94)

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass eine erinnerte Benachteiligung mit behavioralen und emotionalen Indikatoren der Beziehungsqualität zu Eltern und Geschwistern verbunden ist, wobei aber in dieser Studie lediglich die Ungleichbehandlung aus der Perspektive der erwachsenen Kinder und nur aus der Sicht eines Kindes betrachtet wurde. Die Sicht der Geschwister und der Eltern ist nicht einbezogen worden. (vgl. Ferring, Boll & Filipp, 2003, S. 95)

Literatur

Ferring, Dieter, Boll, Thomas & Filipp, Sigrun-Heide (2003). Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie. S. 83-97.


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