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	<description>Fragmente einer Beziehung</description>
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		<title>Prolog</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jul 2008 15:28:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Ich liebe dich.“ Und er f&#252;gte hinzu, z&#246;gerlich, leiser: „Noch“. Oder war es ein „Doch“? Er wird sich auch lange danach nicht mehr erinnern k&#246;nnen, welches Adverb er nachgeschoben hatte. Und er wird sie nie danach fragen. Er presste sie mit seinem rechten Arm gegen sich, k&#252;sste ihren Kopf durch die dichten, blonden Haare hindurch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Ich liebe dich.“ Und er f&#252;gte hinzu, z&#246;gerlich, leiser: „Noch“. Oder war es ein „Doch“? Er wird sich auch lange danach nicht mehr erinnern k&#246;nnen, welches Adverb er nachgeschoben hatte. Und er wird sie nie danach fragen. Er presste sie mit seinem rechten Arm gegen sich, k&#252;sste ihren Kopf durch die dichten, blonden Haare hindurch und wandte sich nach links ab, um seine Schlafposition einzunehmen. Sie wandte sich wie &#252;blich in den rechten Teil des zwei Meter breiten Ehebetts ab. Auch sie nahm ihre &#252;bliche Schlafposition ein. Beide verzichteten auf das &#252;bliche „Gute Nacht“.<br />
Sie werden in dieser Nacht vielleicht wieder einmal Ruhe finden, ein wenig mehr, als die von ihrer Physis eingeforderten Unterbrechungen des Kampfes. Er wird mindestens einmal im Verlaufe der  Nacht aufstehen, um Wasser zu lassen. Wenn sie tief schlief, merkte sie es nicht. War ihr Schlaf flach, dann nahm sie einen Schluck Wasser aus dem Glas, das neben ihrem Bett stand. Der alte Parkettfu&#223;boden im Schlafzimmer wird bei seiner R&#252;ckkehr knarren, die Zimmert&#252;r wird begleitet von einem leisen Quietschen vorsichtig geschlossen werden. Er wird versuchen, weiter zu schlafen. Manchmal gelang es ihn, manchmal blieb er ruhig liegen und lauschte ihrem Atmen. Schlief sie? So lag er manchmal drei oder vier Stunden, bis der Radiowecker mit klassischer Musik beide ans Aufstehen erinnerte.<br />
Das Leben nahm wieder sein Tempo und seinen Rhythmus auf. Nach den zwei Wochen.</p>
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		<title>I Ton.F&#228;lle</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jul 2008 15:27:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Er sa&#223; in seinem Arbeitszimmer vor dem Computer und entwickelte ein Konzept f&#252;r eine Lehrveranstaltung des kommenden Wintersemesters, die er zum wievieltenmaleigentlich an der Universit&#228;t Graz halten sollte. Da erinnerte er sich, dass er mit ihr, die wie immer am Samstag im Wohnzimmer sa&#223; und vermutlich Zeitung las, ins nahe gelegene Cafe Meier gehen wollte. Er stand auf, nahm das geleerte Glas, das er &#252;blicherweise  mit Mineralwasser und Orangenjuice gef&#252;llt bei seinem Computer stehen hatte, und machte sich auf, durch das Esszimmer, in welchem sie heute Morgen gemeinsam gefr&#252;hst&#252;ckt hatten, durch das langgestreckte Vorzimmer in die K&#252;che zu gehen. Wie immer an einem Samstag hatte er das Fr&#252;hst&#252;ck zubereitet – Espresso mit einer jener klassischen italienischen Espressomaschinen, f&#252;r sie manuell aufgesch&#228;umte Milch, f&#252;r sie frisch gepressten Orangensaft mit ein wenig Zitronensaft &#8211; w&#228;hrend sie unterdessen frisches Geb&#228;ck vom nahen B&#228;cker geholt hatte.<br />
Als er an der geschlossenen Wohnzimmert&#252;r vorbeikam, h&#246;rte er, dass sie telefonierte. Es musste auf ihrem Mobiltelefon sein, denn das Festnetz in der gemeinsamen Wohnung, die sie seit 27 Jahren bewohnten, war entweder im Vorzimmer oder im Arbeitszimmer zu ben&#252;tzen, aus dem er eben gekommen war. Er blieb stehen, da er das Gespr&#228;ch nicht unterbrechen wollte. Vermutlich eine ihrer Freundinnen, dachte er – sie hatte ihren, seit einer mehrere Jahre zur&#252;ckliegenden, einj&#228;hrigen beruflichen T&#228;tigkeit in Strasbourg, allj&#228;hrlichen Besuch in Strasbourg Ende des Monats geplant. Hier gab es einigen Koordinierungsbedarf, zumal das &#252;bliche Quartier nur zeitweise verf&#252;gbar war und eine &#220;bersiedlung f&#252;r zwei Tage in ein anderes Zimmer notwendig war, was mit Hilfe einer Freundin vor Ort organisiert werden musste. In diesem Ausweichzimmer wird sie sehr schlecht schlafen werden, denn es liegt an einer belebten Hauptstra&#223;e im Zentrum von La Petite France. Sie hatte damals w&#228;hrend ihrer Arbeit f&#252;r das Europ&#228;ische Parlament im fr&#252;heren Gerberviertel am Ufer der Ill gewohnt, das von mehreren Kan&#228;len durchzogen wird und mit seinen malerischen Fachwerkh&#228;usern, kleinen Gassen und den typischen Dachgauben eine Touristenattraktion ersten Ranges ist. Er hatte sie damals zwar mehrmals besucht und diese Kleinstadt zwischen zwei Kulturen auch sch&#228;tzen gelernt, sie verbat sich allerdings bei den allj&#228;hrlichen Reminiszenzreisen seine Begleitung, da sie es als „ihr“ Strasbourg empfand, das alleine ihr geh&#246;ren sollte. W&#228;hrend der kommenden zwei Wochen wird er allerdings entdecken, dass auch andere Gr&#252;nde daf&#252;r ausschlaggebend gewesen sein k&#246;nnten.<br />
Sie sprach noch immer. Er wandte sich ab, da es nicht seine Art war, sie zu belauschen. Er ging durch das Vorzimmer in die K&#252;che, und stellte das Glas in die Abwasch und sp&#252;lte es kurz aus.<br />
Da er nichts mehr h&#246;rte, dachte er, das Gespr&#228;ch w&#228;re nun zu Ende und ging durch das Vorzimmer zu der anderen T&#252;re, die von hier ins Wohnzimmer f&#252;hrte. Sie war nur angelehnt. Sie telefonierte immer noch. Er z&#246;gerte kurz, blieb stehen. Da fiel ihm ein seltsamer, fremder Tonfall auf, den sie sonst nie beim Telefonieren hatte. Sie war darin ge&#252;bt, denn ihr Beruf erforderte lange konzentrierte Telefonate. F&#252;r diese hatte sie einen sehr sachlichen Ton entwickelt, den sie auch in Privatgespr&#228;chen verwendete. Auch mit ihm.<br />
Er verstand nur wenige Worte wie „Du“, „aber nein“. Sie alle waren mit einer solchen Eindringlichkeit gesprochen, die er schon lange nicht mehr in ihrer Stimme – auch nicht im pers&#246;nlichen, vertrauten Gespr&#228;ch &#8211;  geh&#246;rt hatte. Hatte er jemals ihre Stimme so geh&#246;rt? Er war irritiert. Da es schon sp&#228;t war, klopfte er nach einer Weile des Lauschens kurz an die halb ge&#246;ffnete T&#252;r und trat ins Wohnzimmer. Sie – die zuvor auf dem Zweiersofa gelegen hatte &#8211; richtete sich abrupt auf und sagte in ihr Mobiltelefon, das er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte: „Gut, das k&#246;nnen wir dann sp&#228;ter besprechen!“ Ihre Stimme war bei seinem Eintreten schlagartig in den &#252;blichen Tonfall zur&#252;ckgekehrt. „Mit wem hast du telefoniert?“ „Mit einer Juristin!“ Die Antwort kam spontan, die Stimme klang aber unsicher. Wie wenn man ein Kind bei einer verbotenen T&#228;tigkeit ertappt hatte.<br />
&#8220;Fabian hat mich wegen eines Mietvertrags etwas gefragt“, erg&#228;nzte sie, um seinen Fragen zuvor zu kommen.<br />
Fabian war ihr gemeinsamer Sohn, der seit drei Jahren in Wien studierte. Er erinnerte sich, dass sie sich gestern am Freitag mit einer Kollegin – dieser Juristin? &#8211;  hatte treffen hatte wollen, und dass sie, als er via Email nachgefragt hatte, wo, dieses Treffen stattf&#228;nde, dieses wegen einer Tennispartie mit Freundinnen abgesagt, und sich mit ihm wie jeden Freitag um die &#252;bliche Uhrzeit – 13:30 &#8211; im Cafe Meier getroffen. F&#252;r die Absage bestand eigentlich keine Notwendigkeit, denn zwischen dem geplanten Treffen zum Mittagessen mit der Kollegin und dem Beginn der Tennispartie lagen vier Stunden. Es h&#228;tte ihm nichts ausgemacht, alleine Essen zu gehen, wie er das an Montagen und Freitagen h&#228;ufig tat. Schlie&#223;lich war er nicht nur ein Jahr lang w&#228;hrend ihres Aufenthalts in Strasbourg Selbstversorger gewesen, sondern auch w&#228;hrend der beinahe direkt anschlie&#223;enden zwei Jahre, die sie in Wien f&#252;r das Au&#223;enministerium t&#228;tig gewesen war.<br />
Der Nachmittag im Cafe verlief wie sonst immer – er wollte sprechen und sie las die Zeitung. Der Tonfall des belauschten Telefonats ging ihm auch im Cafe nicht mehr aus dem Sinn. Dabei blickte er sie wohl l&#228;ngere Zeit an.<br />
„Was starrst du mich so an? Ich mag das nicht!“<br />
Ihr Tonfall klang ver&#228;rgert, obwohl es doch keinen aktuellen Grund gab. Sie hatten in den letzten Monaten im Vergleich zum Fr&#252;hjahr eine sehr harmonische Beziehung gelebt. Vor allem ein gemeinsamer Urlaub in &#214;sterreich hatte ihn glauben machen, dass ihre in den letzten Jahren etwas angespannte Ehe wieder ins Lot gekommen war. Er war gl&#252;cklich dar&#252;ber, denn er erlebte auch bei ihr eine gr&#246;&#223;ere Zufriedenheit mit der gemeinsamen Lebensf&#252;hrung. Dieser Tonfall ihrer Stimme … Er kannte sie gut und wusste, dass sie spontan w&#228;hrend eines Gespr&#228;ches einen Stimmungsumschwung hatte, der nicht nur ihn sondern auch andere Personen in ihrer Gegenwart irritierte. Ihren Sohn und ihre Mutter, aber auch eine Kollegin, mit der sie in einer Bar gewesen waren.<br />
Er war mit einem Mal argw&#246;hnisch geworden.<br />
Als er sp&#228;ter am Nachmittag mit seinem Sohn Fabian telefonierte und er ihn nach dem Problem mit dem Mietvertrag fragte, erfuhr er, dass das nicht ihn betr&#228;fe sondern einen Freund, dass das aber schon l&#228;nger zur&#252;ckl&#228;ge und eigentlich nicht so wichtig bzw. schon mehr oder minder gekl&#228;rt w&#228;re.<br />
Da ihre Antwort auf seine Frage so rasch und spontan gekommen war, musst sie darauf vorbereitet gewesen sein, wird er sp&#228;ter schlie&#223;en.<br />
Sie war professionell.<br />
Auch beim L&#252;gen musste man professionell sein.<br />
Vor allem beim L&#252;gen.</p>
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		<title>II Bruch.Linien</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jul 2008 15:27:30 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Er f&#252;hlte bei dem f&#252;r ihren Sonntag &#252;blichen, gemeinsamen Fr&#252;hst&#252;ck, dass sie ihn beobachtete, sein Schweigen belauerte. Hatte er gestern etwas gemerkt? Hatte sie sich verraten? Verraten durch die Gesch&#228;ftigkeit, mit der sie nach dem ersten Telefonat, das er zuf&#228;llig mitgeh&#246;rt hatte, ein weiteres mit ihrem Sohn zum Mietvertrag gef&#252;hrt hatte. Entgegen ihrer Angewohnheit, sich beim Telefonieren zur&#252;ckzuziehen oder zumindest leise zu sprechen, hatte sie die T&#252;r zum Nebenraum offen gelassen und so betont deutlich gesprochen, dass er jedes Wort verstehen musste. War das zu offensichtlich gewesen? Ihr Blick schien zu fragen: Verbirgt er vor mir, dass er etwas gemerkt hat? Verbarg sie nun vor ihm, dass sie gemerkt hatte, dass er irritiert und misstrauisch geworden war?<br />
Sie ging nach dem Fr&#252;hst&#252;ck wie jeden Sonntag, an dem es das Wetter zulie&#223;, in den Murpark joggen.<br />
M&#252;de von der schlaflosen Nacht und mit dem Wunsch, endlich Gewissheit zu haben, holte er aus ihrer Handtasche, die wie immer im Vorzimmer auf einem Stuhl lag, ihr Mobiltelefon, mit dem sie das von ihm gestern belauschte Gespr&#228;ch gef&#252;hrt hatte. Er suchte &#8211; behindert durch die ihm fremden Begriffe im franz&#246;sischen Men&#252; &#8211; das hatte sie seit Strasbourg auf allen ihren Telefonen eingestellt und aus nostalgischen Gr&#252;nden beibehalten &#8211; die Liste der letzten Anrufe. Er hoffte, die Nummer des gestrigen Anrufers zu erfahren, den sie auf seine Frage hin beil&#228;ufig als „befreundete Juristin“ bezeichnet hatte. Er landete bei seiner Suche auf ihrem Handy schlie&#223;lich in der Mailbox mit zwei noch abzurufenden Nachrichten.<br />
Er dr&#252;ckte auf die Wahltaste und hielt das Handy ans Ohr. Eine Frauenstimme buchstabierte zun&#228;chst eine Telefonnummer. Er wollte die Nummer notieren, die gleichzeitig auf dem Display aufschien, und ging mit dem aufgeklappten Mobiltelefon noch am Ohr in sein Arbeitszimmer. Auf dem Weg dorthin folgte nach einer kurzen Pause die Nachricht, die in der Mailbox gespeichert war. Er war &#252;berrascht und verstand kaum die Worte, die nun eine m&#228;nnliche Stimme sprach, er registrierte nur den Tonfall, jenen sanften, eindringlichen Tonfall, den er gestern auch in ihrer Stimme beim Telefonieren geh&#246;rt hatte. Dieser Tonfall war es, der ihn gestern schon irritiert hatte, sodass ihn die Erkl&#228;rung „befreundete Juristin“ misstrauisch machte.<br />
Er war benommen. Er blieb stehen. Ging ein, zwei Schritte. Blieb stehen.<br />
Er wollte schreien, doch nur ein „Nein!“, mehr gefl&#252;stert als gebr&#252;llt, brachte er zustande.<br />
Die Nachricht sprach von einem „sp&#228;ter nochmals versuchen wollen“ und endete mit einem Klick.<br />
Und schon sprach die Frauenstimme erneut eine Nummer. Dieselbe Nummer wie bei der ersten Nachricht erschien auf dem Display. Er stand schon in seinem Arbeitszimmer, als die zweite Nachricht ablief. Auch sie verstand er unter dem Brausen des Blutes in seinem Kopf und in seinen Ohren kaum. Es war ihm, als wollte sein K&#246;rper damit das H&#246;ren &#252;bert&#246;nen. Nur wenige Worte wird er sp&#228;ter erinnern: „Schatzi“, „Bussi“, „bis Montag“ und „Vielleicht inzwischen ein Brieflein“. Sp&#228;ter wird er mehr sp&#252;ren als erinnern, dass diese Stimme in einer tieferen Tonlage noch Intimeres angesprochen hatte, aber das hatte er im Sturm der Gef&#252;hle nicht mehr geh&#246;rt.<br />
Er reagierte wie ein Automat, ging langsam zur&#252;ck ins Vorzimmer, legte das Mobiltelefon in die noch offene Handtasche zur&#252;ck. Schloss diese, damit sie nichts merkt.<br />
Er lief minutenlang in der Wohnung umher, schwer atmend, er war einer Ohnmacht nahe. Er ging in die K&#252;che, trank ein Glas Wasser, ein zweites, ein drittes.<br />
Nun schrie er – konnte endlich schreien: „Nein! Nein! Nein!“<br />
Er hielt sich an der Abwasch in der K&#252;che fest.<br />
Wieder lief er durch die Wohnung, w&#228;hrend sie wohl arglos das Joggen genoss. Er lief durch alle R&#228;ume der Wohnung, auch in das Zimmer ihres Sohnes und legte die von dessen Besuch am letzten Wochenende noch zusammengekn&#252;llte Tuchent sorgf&#228;ltig zusammen. Er klopfte die Polster aus und strich sie glatt. Aus der K&#252;che trug er das schon abgewaschene Geschirr und stellte es in den Geschirrschrank im Esszimmer.<br />
Noch immer dieses Pochen in seinen Schl&#228;fen. Diese Schl&#228;ge. Er zwang sich zur Ruhe. Immer wieder auf und ablaufen, wobei er alle T&#252;ren leise und sorgf&#228;ltig, wie es seine Art war, hinter sich schloss. Es liefen die Routinen des Alltags. Sie beruhigten seine Gedanken.<br />
Er suchte nach Erkl&#228;rungen. Harmlosen. Vielleicht war es der behinderte Kollege, mit dem sie in letzter Zeit sehr vertraut geworden war, und der sie so absch&#228;tzig „Schatzi“ nannte. Nein, dessen Stimme kannte er. Die Stimme aus der Mailbox hatte viel &#228;lter geklungen. Weit &#252;ber f&#252;nfzig, sechzig sogar.<br />
Hatte die Stimme eine Dialektf&#228;rbung gehabt? Hatte er diese Stimme schon geh&#246;rt? Da schoss es ihm in den Kopf. Der Klang, der Tonfall war es, der ihn erinnerte. Es war ein aus seiner Jugend gel&#228;ufiger Tonfall. So klang manchmal die Stimme seines Vaters, der im Vorjahr verstorben war. Nicht die Stimme aus den letzten Jahren, die sich mit der k&#246;rperlichen Gebrechlichkeit ver&#228;ndert hatte, sondern die Stimme des Vaters seiner Kindheit.<br />
Er sp&#252;rte mit den Erinnerungen zugleich Wut und Angst. Er wollte nochmals das Mobiltelefon holen, nochmals die beiden Nachrichten abrufen. Er vermochte es nicht, denn trotz allem f&#252;hlte er Scham. Er wog kurz die Scham des Vertrauensbruches gegen ihre Scham des offensichtlichen Betruges.<br />
Nach den zwei Wochen wird er denken, dass es sein musste. Wie hatte sie diese Beziehungen leben k&#246;nnen, ohne innerlich gespalten zu sein? Ohne st&#228;ndig auf der Hut zu sein? Hatte sie sich nie eingestanden, dass die zahlreichen Spannungen aus ihrer abweisenden Verteidigungs- und Vertuschungshaltung herr&#252;hrten, die sie an manchen Tagen gegen&#252;ber allem einnahm, was er sagte und tat? War sie davor mit ihm beisammen gewesen? Hatte sie ihm gegen&#252;ber ein schlechtes Gewissen? Hatte sie &#252;berhaupt ein Gewissen?<br />
Er h&#246;rte die Nachrichten auf ihrem Mobiltelefon nicht noch einmal ab, weil er es nicht ertragen h&#228;tte. Vor allem ein Wort rotierte in seinem Kopf: „Schatzi“. „Bussi“ war beil&#228;ufig gesprochen. Fast nebenher. Aber „Schatzi“. Sie hatte sich schon am Beginn ihrer nun dreiunddrei&#223;igj&#228;hrigen Beziehung alle Kosenamen verboten und wollte nur mit ihrem Vornamen angesprochen werden. Auch bei Z&#228;rtlichkeiten und beim Beischlaf nannte er nur ihren Namen. Ihren vollst&#228;ndigen Namen. Keine Koseform. Nichts Intimes. Nichts Schmutziges. Wann hatte sie ihn das letzte Mal mit seinem Namen angesprochen? Es wurde ihm bewusst, dass sie das wohl schon seit vielen Jahren nicht mehr getan hatte. Nicht einmal, wenn sie ihn rief. Hatte sie ihn nie gerufen?<br />
Namen waren ihr wichtig, das erkannte er auch aus ihren Texten, die sie in den letzten Jahren verfasst hatte. Sie f&#252;hlte sich zur Schriftstellerin berufen und hatte drei schon in Strasbourg und Wien begonnene Erz&#228;hlungen zu einem Roman zusammengefasst. Ihre Frauentrilogie, wie sie diese zun&#228;chst genannt hatte. Sie hatte die Namen aller Personen mit Bedacht und Sorgfalt gew&#228;hlt. Und jetzt ein „Schatzi“, ein Wort, das ihm aus seiner Kindheit und Jugend vertraut war, als er &#8211; halbw&#252;chsig schon &#8211; von Huren am Strich angesprochen wurde: „Schatzi, mach ma was?“„Schatzi“ nannten auch die Zuh&#228;lter ihre „Pferdchen“. Er war in Meidling, einem Wiener Vorstadtbezirk, aufgewachsen, der einige anr&#252;chige Viertel besa&#223;. Sein Schulweg ins Gymnasium f&#252;hrte entlang des auch heute noch belebten Gaudenzdorfer Strichs. Jedes Kosewort h&#228;tte er ihr gegeben, dieses aber w&#228;re das Letzte gewesen. „Schatzi“ war das Letzte. Sein Vater, dem er einmal heimlich an der Hand der Mutter gefolgt war, hatte die Huren so genannt, zu denen er ging. Er versuchte das Wort auszusprechen, es kam nicht &#252;ber seine Lippen. Ihn ekelte vor diesem Wort. Er f&#252;hlte nur mehr Schmutz, der alle seine Gedanken versch&#252;ttete.<br />
Als sie vom Joggen zur&#252;ckkam, &#246;ffnete er wortlos die T&#252;r, und ging,  w&#228;hrend sie sich wie immer zum Duschen ins Bad begab, in sein Arbeitszimmer und setzte sich an den Computer.</p>
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		<title>III Be.Trug.Schl&#252;sse</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jul 2008 15:27:09 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Er erledigte Routinearbeiten wie Mailabruf, Statistikkontrolle, Wetterprognose f&#252;r heute Mittag, um zu wissen, ob sie in ihrem Stammlokal einen Tisch im Freien oder drinnen reservieren sollten. Er erledigte Aufgaben, die man tun konnte, ohne dabei zu denken. Er l&#246;schte die Spam-Mails, leitete eine Mail an einen Kollegen weiter. Warf einen Blick auf die Schlagzeilen der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Er erledigte Routinearbeiten wie Mailabruf, Statistikkontrolle, Wetterprognose f&#252;r heute Mittag, um zu wissen, ob sie in ihrem Stammlokal einen Tisch im Freien oder drinnen reservieren sollten. Er erledigte Aufgaben, die man tun konnte, ohne dabei zu denken. Er l&#246;schte die Spam-Mails, leitete eine Mail an einen Kollegen weiter. Warf einen Blick auf die Schlagzeilen der ORF-News, bl&#228;tterte kurz im Sportteil. Registrierte die Kritik einer Opernpremiere am Landestheater. Daran wird er sich nach Monaten noch erinnern. Sogar an den Namen der in der Kritik hervorgehobenen S&#228;ngerin der Titelpartie. Und dass sein Fu&#223;ballverein am Vortag wieder einmal verloren hatte, 0:2.</p>
<p>Gezielte, auf das f&#252;r ihn unfassbare, undenkbare Geschehen bezogene Reaktionen, werden noch einige Zeit auf sich warten lassen. Manche erst nach Wochen und Monaten auftauchen. Gedanken der Sinnlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit, der Angst, Selbstmordgedanken und Verlust des Interesses an sonst in seinem Leben interessanten Dingen. Er wird in den kommenden zwei Wochen nicht mehr den Fernsehapparat einschalten, nicht einmal f&#252;r die Nachrichtensendungen, die er sonst t&#228;glich gesehen hatte. Neben Schlafst&#246;rungen, &#196;ngsten und depressiven Symptomen wird er “Flashbacks” erleben, in denen diese Minuten der Entdeckung ihres Betruges wie in einem inneren Film und in sich gewaltsam aufdr&#228;ngenden Bildern ablaufen, Stimmen und Gedanken sich qu&#228;lend wiederholen. Dieser innere Film wird ihn auch nach Jahren noch begleiten, irrealer und absurder vielleicht, wird er ihm dann erscheinen. Fremder. Nicht auf ihn bezogen. Aus einer anderen Welt. Manchmal.</p>
<p>Eine gewichtige Rolle spielte in seinem Leben die ihm eigene Treue. Hatte er einmal zu etwas eine tiefere Beziehung aufgebaut &#8211; waren es nun Gegenst&#228;nde oder Menschen -, so hielt er an ihnen fest. Hielt an ihnen fest mit einer ihm ebenso zuzuschreibenden Beharrlichkeit und Sturheit, die ihn auch dann treu sein lie&#223;en, wenn ihm dies zum Schaden gereichte. Ein Freund riet ihm, sich eine andere Wohnung zu suchen, seine t&#228;glichen Abl&#228;ufe und Gewohnheiten zu &#228;ndern, Neues zu versuchen. Doch er zog es vor, die erst in den Jahren der beruflich bedingten Trennung begonnen t&#228;glichen Spazierg&#228;nge am Murufer weiter zu f&#252;hren und dabei den Gedanken und Sehns&#252;chten von damals nachzuh&#228;ngen, die ihm anfangs Tr&#228;nen in die Augen getrieben hatten. Selbstmitleid? Wahrscheinlich. Gewiss. Er litt mit sich selber und genoss es in einem erheblichen Ausma&#223;. Er blieb sich auch darin treu.</p>
<p>In den Routinearbeiten an seinem Computer kam er doch allm&#228;hlich zur Ruhe &#8211; er reservierte einen Tisch in ihrem Stammlokal in Urfahr, das sie bei sch&#246;nem Wetter jeden Sonntag besuchten. Seine ersten Gedanken galten der &#220;berlegung, ob er zun&#228;chst alles f&#252;r sich behalten sollte oder ob er sie damit konfrontieren sollte. Der Entschluss war rasch getroffen, denn letztlich blieb ihm keine Wahl. Er wollte ihr eine Chance geben und es indirekt versuchen. Er h&#246;rte den F&#246;hn im Bad laufen. Sie hatte also ihre Haare gewaschen und das F&#246;hnen dauerte bei ihren langen Haaren immer sehr lang. Es blieb ihm noch Zeit.</p>
<p>Er tippte die Telefonnummer &#8211; die hatte sich durch die Ansage der Frauenstimme in der Mailbox und durch das Aufleuchten am Display in seinem Gehirn menetekelgleich eingebrannt, w&#228;hrend er ihre Mobiltelefonnummer bis zu diesem Tag nicht behalten hatte – in sein eigenes Handy. Er dr&#252;ckte nach einem Durchatmen die Ruftaste. Erst nach einigen Sekunden l&#228;utete es. Einmal. Zweimal. Er unterbrach die Verbindung. Hatte er Angst? Er dr&#252;ckte die Rufwiederholung. Dieses Mal lie&#223; er es f&#252;nfmal l&#228;uten, dann eine Frauenstimme: „Diese Nummer ist zur Zeit nicht erreichbar. Bitte … “ Er dr&#252;ckte abermals die Rufunterbrechung. Was h&#228;tte er sagen sollen? Wollte er denn &#252;berhaupt wissen, mit wem sie es trieb, w&#228;hrend sie sich ihm schon seit Monaten verweigerte? Sie schliefen wohl miteinander. Eher, sie lie&#223; es geschehen, dass er mit ihr schlief. Das war alles. Eheliche Pflichterf&#252;llung. Nun fiel ihm auch ein, dass er sie in letzter Zeit h&#228;ufig telefonisch nicht an ihrem Arbeitsplatz erreicht hatte, sondern sie sich nach Auskunft der Sekret&#228;rin einen Urlaubstag genommen hatte. Da sie das fr&#252;her auch schon einige Male getan hatte, war er nicht wirklich argw&#246;hnisch geworden, denn meist berichtete sie selber davon. Wegen des sch&#246;nen Wetters w&#228;re sie spontan nach Wien in eine Ausstellung gefahren. Oder nach Salzburg.</p>
<p>In seiner aktuellen Stimmung begann er von seinem wissenschaftlich geschulten, akribisch denkenden und analysierenden Verstand angetrieben, Vieles in der Vergangenheit neu zu interpretieren. Es musste neu interpretiert werden. Vor allem ihre Beziehung. Als sie nach dem Duschen aus dem Badezimmer kam, schlug er ihr vor, einen kleinen Spaziergang noch vor dem Essen zu machen. Sie willigte nur z&#246;gernd ein, h&#228;tte den Spaziergang lieber nach dem Essen gemacht. Nein, das wollte er nicht. Er f&#252;rchtete, keinen Bissen hinunterzubringen. Und in diesem Lokal, in das sie drei&#223;ig Jahre fast jeden Sonntag gegangen waren – hatte er da seine Treue ihrem gemeinsamen Alltag aufgezwungen? &#8211; , h&#228;tte er nie die Sprache darauf bringen k&#246;nnen. Es musste vorher geschehen. Es gelang ihm, sie zu &#252;berreden.</p>
<p>Gleich nach dem Verlassen des Hauses suchte er ein Gespr&#228;ch &#252;ber ihre Beziehung, dass er sich sorge, Gedanken mache. Sie blockte wie immer solche Gespr&#228;che im Ansatz ab. H&#228;ufig endeten diese Gespr&#228;che im Streit, denn sie warf ihm vor, er h&#228;tte so wenig Verst&#228;ndnis daf&#252;r, dass sie mehr Distanz br&#228;uchte. Besonders seit sie nach dem Jahr in Strasbourg und den beiden Jahren in Wien es wieder gewohnt war, die meiste Zeit alleine zu leben. Er m&#252;sse das verstehen. Sie br&#228;uchte es.</p>
<p>Sie gingen bei ihrem Weg zum Mittagessen im Murpark wortlos nebeneinander her. Sie &#252;berquerten auf der Eisenbahnbr&#252;cke die Mur. Danach fragte er unvermittelt, ob sie diese Telefonnummer kenne. Er zeigte ihr auf seinem Handy die Telefonnummer. Sie warf nur kurz einen Blick darauf und sch&#252;ttelte spontan den Kopf. Er bemerkte in ihrem Gesicht kein Erstaunen, keine Betroffenheit, obwohl sie diese Telefonnummer doch kennen musste. Das irritierte ihn. Hatte sie diese Frage erwartet? War sie darauf vorbereitet gewesen? H&#228;tte sie nicht wenigstens fragen m&#252;ssen, was es mit dieser Nummer auf sich hat? Welchen Grund h&#228;tte er, sie mit dieser Nummer zu konfrontieren? Sie ging nur neben ihm weiter, als h&#228;tte es diese Frage nicht gegeben. Ihr Schritt beschleunigte sich nicht, blieb stetig und ruhig wie ihr Blick, der seinen vermied. Wie meist, wenn er in ihrem Gesicht lesen wollte. Sie hatte nach ihrer Reifepr&#252;fung Schauspielerin werden wollen und hatte auch mehrere Jahre Schauspielschulen in Salzburg und Wien besucht, auch dann noch, als sie schon mit dem Studium der Psychologie begonnen hatte. War sie so gut in der Verstellung, oder kannte sie diese Nummer nicht? Ihre Ruhe irritiere ihn. Oder war es Gleichg&#252;ltigkeit?</p>
<p>Er las ihr nochmals die Nummer vom Display seines Handys vor. Nein, sie k&#246;nne damit nichts anfangen.</p>
<p>„Ich kann mir doch nicht alle Nummern merken!“</p>
<p>Sollte sie die Nummer nicht wenigstens in ihrem Telefonverzeichnis pr&#252;fen?</p>
<p>„Wozu?“ Sie sah ihm dabei offen ins Gesicht. Nicht ein Z&#246;gern, nur ein Anflug von &#196;rger. Einen &#196;rger, den er kannte, den sie auf seine Fragen hin oft an den Tag gelegt hatte, obwohl es bei den Fragen nur um Allt&#228;gliches ging. Sie hasste es, gefragt zu werden. Vor allem zweimal. Er schwieg und steckte sein Handy wieder ein.</p>
<p>Das Mittagessen verlief wie sonst.</p>
<p>Er spielte Vertrauen.</p>
<p>Am Nachmittag sandte er an das „riesige Arschloch“ mit dieser Telefonnummer eine SMS-Botschaft, in der er diesem empfahl, „sich ins Knie zu ficken“. Und an die Mobilnummer seiner Frau sandte er eine Mail, dass es mit dem „Bussi, Schatzi und den Brieflein“ jetzt vorbei w&#228;re.</p>
<p>Sp&#228;ter wird ihm diese Reaktion l&#228;cherlich, kindisch erscheinen.</p>
<p>Betrogene machen sich selbst zu Narren.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.stangl.eu/zwei-wochen/wp-content/der_betrueger.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-87" title="der_betrueger" src="http://www.stangl.eu/zwei-wochen/wp-content/der_betrueger.jpg" alt="" /></a><br />
[Fritz Aigner: Der Betr&#252;ger]</p>
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		<title>IV St&#246;r.Fallen</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jul 2008 15:26:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Die n&#228;chste Nacht verbrachte sie wie &#252;blich im Wohnzimmer, wo sie zwei alten Matratzen aufeinander liegend zu einem bequemen Bett f&#252;r G&#228;ste eingerichtet hatten. Da er an Montagen nicht an seinem Arbeitsplatz an der Universit&#228;t arbeiten musste, schlief sie dort, lie&#223; sie ihn morgens schlafen und nahm das Fr&#252;hst&#252;ck in einer nahe gelegenen B&#228;ckerei. Seine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die n&#228;chste Nacht verbrachte sie wie &#252;blich im Wohnzimmer, wo sie zwei alten Matratzen aufeinander liegend zu einem bequemen Bett f&#252;r G&#228;ste eingerichtet hatten. Da er an Montagen nicht an seinem Arbeitsplatz an der Universit&#228;t arbeiten musste, schlief sie dort, lie&#223; sie ihn morgens schlafen und nahm das Fr&#252;hst&#252;ck in einer nahe gelegenen B&#228;ckerei.<br />
Seine Nacht war schlaflos.<br />
Er z&#228;hlte alle Viertelstunden die Schl&#228;ge der Repetieruhr im Esszimmer.<br />
Eins, zwei &#8211; eins, zwei &#8211; halb vier.<br />
Eins, zwei &#8211; eins, zwei, drei &#8211; dreiviertel vier.<br />
Er stand auf und ging ins Wohnzimmer. Er setzte sich neben sie auf den Boden.<br />
Um vier Uhr vermutete er durch ihr unregelm&#228;&#223;iges Atmen und mehrere Bewegungen ein Wachsein und fl&#252;sterte nach einigen Minuten des Abwartens, ob er etwas sagen k&#246;nne.<br />
Er wusste zwar nicht, was er h&#228;tte sprechen sollen, aber er wollte aus dem Karussell seiner Vermutungen, Ahnungen, Bef&#252;rchtungen ausbrechen.<br />
Ein Wort von ihr h&#228;tte vielleicht gen&#252;gt. Sie stellte sich schlafend, davon war er &#252;berzeugt &#8211; wie so oft in letzter Zeit, wenn sie gemeinsam im Ehebett schliefen. Da er meist einmal in der Nacht Wasser lassen musste und er dabei h&#246;rte, wie sie wach war oder wurde und einen Schluck aus dem Glas nahm, das neben ihrem Bett stand, wusste er, dass sie nicht schlief.<br />
Wenn das nahe der Aufstehenszeit war, machte er ihr dann manchmal den Vorschlag zum Kuscheln &#8211; meist lehnte sie ab, aber einmal war sie vor einiger Zeit doch in seinem Arm eingeschlafen.<br />
Jetzt hoffte er an ihrem Bett sitzend auf eine Reaktion. Vielleicht k&#246;nnte er seine Gedanken durch eine Ber&#252;hrung zum Verstummen bringen. Er legte die Hand auf ihren R&#252;cken. Sie reagierte nicht.<br />
Sie schwieg wie immer. Wollte schweigen. Verschlossen.<br />
Er konnte sie nicht fragen.<br />
Nach einer halben Stunde erhob er sich und ging leise, um ihren Schlaf nicht zu st&#246;ren &#8211; der Schlaf war ihr in den letzten Jahren immer heiliger geworden &#8211; zur&#252;ck ins Schlafzimmer.<br />
Da waren sie wieder, alle die Gedanken, die Stimmen.<br />
Er stand noch vor ihrer &#252;blichen Weckzeit auf und wusch in der K&#252;che das Geschirr vom Vortag. Als sie dann ins Bad kam, er&#246;ffnete er ihr, dass er heute ausnahmsweise nicht liegen bleiben wollte, da er einen Kaffee brauche und sie praktischerweise gleich mittrinken k&#246;nne.<br />
Er war &#252;berhaupt sehr praktisch veranlagt. Auch etwas, das sie an ihm allm&#228;hlich zu hassen begonnen hatte. Er organisierte alles, perfektionierte die Abl&#228;ufe und verlangte von ihr, das auch zu tun. Indirekt gab er ihr manchmal zu verstehen, dass man f&#252;r den Abwasch am Sonntag Vormittag nicht eine halbe Stunde braucht, sondern dass das in f&#252;nf Minuten zu erledigen w&#228;re. Und er erledigte es in drei. Manchmal hatte er das Gef&#252;hl, dass sie sich absichtlich so lange Zeit lie&#223;, sich in der K&#252;che einfach auf den Stuhl setzte und Radio h&#246;rte. Sie t&#228;uschte Haushaltsarbeit vor.<br />
Um nicht mit ihm zusammenzutreffen?<br />
In der ersten Zeit ihres Zusammenlebens hatte er sie morgendlich mit klassischer Musik und seinen Kenntnissen dazu beinahe vergewaltigt &#8211; sie empfand es zumindest so. Ihr widerstrebte es, beim Musikh&#246;ren gepr&#252;ft zu werden. Sie wusste, dass die klassische Musik aus seiner Zeit mit seiner ersten Liebe stammte. Seit ihrer Zeit in Strasbourg n&#252;tzte sie die Musik, um ein Gespr&#228;ch zu vermeiden. Eine ihrer ersten Handlungen am Morgen war das Einschalten der Musik. Sie duschte mit Musik. Sie schrieb ihre Erz&#228;hlungen bei Musik. Sie verwendete Musik als Schutzschild gegen seine Stimme. Gegen ihn.<br />
Schon vor den zwei Wochen hatte er begonnen, selber am Morgen die Musik in der K&#252;che und im Esszimmer, in dem sie gemeinsam das Fr&#252;hst&#252;ck einnahmen, anzuschalten. Klassische Musik, die sie in Wien durch Radio Stephansdom lieben gelernt hatte. In Strasbourg war es noch die U-Musik aus ihrer Jugendzeit gewesen &#8211; Radio Nostalgie.<br />
Er hoffte, durch das Aufdrehen der Musik, die sie sch&#228;tzte, ihr wieder n&#228;her zu kommen. Musik war doch jetzt etwas, das sie verband.<br />
Nachdem sie die Wohnung verlassen hatte, erledigte er seine &#252;bliche Computerarbeit. Routinet&#228;tigkeiten gingen ihm leicht von der Hand.<br />
Heute w&#252;rde er es tun, w&#252;rde er die Konfrontation suchen. „Bis Montag“ hatte die Stimme gesagt. Heute war Montag. Sie w&#252;rde wissen, dass er heute hinter ihr hinterher spionieren w&#252;rde. Sie w&#252;rde ein geplantes Treffen mit „ihm“ in der Mittagspause absagen.<br />
Sie wusste, dass er wusste. Sie hatte es in seinem Blick gesehen. In seinem Blick, der ihr in all den Jahren immer mehr Angst gemacht hatte, den sie bedrohlich fand. Auch dann, wenn er liebevoll war. Seine Liebe war eine Bedrohung. Eine Bedrohung f&#252;r das, was sie in den letzten Jahren erk&#228;mpft hatte &#8211; hatte sie es erk&#228;mpft oder war es einfach geschehen? War ihr die Beziehung mit dem anderen Mann nicht auch nur einfach passiert?<br />
Als er um halb zw&#246;lf mit Blumen an ihrem Arbeitsplatz auftauchte &#8211; fr&#252;her, als sie noch in der N&#228;he der Wohnung in der Altstadt gearbeitet hatte, brachte er ihr einmal in der Woche Blumen vorbei, oft nur an die Klinke gesteckt. Wie ein Briefbote war er wieder verschwunden.<br />
Auch in der letzten Zeit vor diesen zwei Wochen und nach ihrer Auszeit im Fr&#252;hjahr &#8211; sie war nach einem Streit f&#252;r einen Monat in ein Kloster gegangen &#8211; hatte er diesen Brauch wieder aufgenommen.<br />
Heute hatte sie damit gerechnet.<br />
Als er eintrat &#8211; er lauschte nicht an der T&#252;r &#8211; hatte sie mit „ihm“ telefoniert, brach aber das Gespr&#228;ch genauso sachlich ab wie jenes von vor zwei Tagen. Sie hatte Routine.<br />
Sie musste diese Gespr&#228;che nicht nur vor ihm verbergen, sondern auch bei der Arbeit.<br />
Er schlug ihr vor, gemeinsam Mittagessen zu gehen.<br />
Sie wusste, sie konnte nicht ablehnen.<br />
Er setzte sich nach gequ&#228;ltem Smalltalk an den Tisch einer Kollegin, die hier mit ihr das B&#252;ro teilte und heute wie fast jeden Montag auf Au&#223;endienst war.<br />
Nach kurzer Zeit klingelte das Telefon und als sie z&#246;gernd abhob, h&#246;rte er deutlich seine Stimme „Geht es jetzt?“<br />
Er h&#228;tte schreien m&#246;gen: „Nein! Er ist noch da!“<br />
Aber ihm versagte die Stimme, es wurde schwarz vor seinen Augen und sein Puls raste, er atmete schwer wie gestern, als er die Stimme in der Mailbox geh&#246;rt hatte.<br />
Sie blieb k&#252;hl und antworte &#8211; was h&#246;rte er nicht mehr.<br />
Der Puls dr&#246;hnte in seinen Ohren.<br />
Sp&#228;ter konnte er sich nur noch daran erinnern, dass die ihm zweimal Wasser brachte. Und dass er sie anflehte &#8211; ohne Tr&#228;nen, denn in ihm war auch der Schmerz gestorben -, mit dem anderen Schluss zu machen.<br />
Erst sp&#228;ter erinnerte er sich daran, dass sie ihm gesagt hatte, dass sie ihn nicht so betrogen h&#228;tte, wie er d&#228;chte.<br />
In den zwei Wochen w&#252;rde sie es abermals bekr&#228;ftigen.<br />
Wollte sie „ihn“ sch&#252;tzen?<br />
Wollte sie ihn schonen?<br />
Wollte sie sich sch&#252;tzen?<br />
Sie, die ihn bisher immer ohne Schuldgef&#252;hle belogen hatte, sollte darin die Wahrheit sagen? Er betete abends &#8211; das hatte er seit seiner Kindheit nicht aufgegeben &#8211; , dass er ihr wieder vertrauen k&#246;nne. Wie sollte das Leben sonst weitergehen.<br />
Das Mittagessen gemeinsam war schweigend.<br />
Das war kein Thema, mit dem man in der &#214;ffentlichkeit, und war es auch nur ein Schanigarten, auftrat. Hereinspaziert, hier wird ihnen etwas geboten! Hier erleben Sie die tragische Geschichte einer Frau, die nicht lieben kann und eines Mannes, der nichts als Liebe will. Beide lebten gl&#252;cklich zusammen, bis ein Nebenbuhler auf den Plan trat. Sie werden ein Gemetzel erleben, in dem kein St&#252;ckchen Fleisch auf den Knochen zur&#252;ckbleibt.<br />
Am Nachmittag rief er die Nummer, die noch immer in seinem Gehirn eingebrannt war, an, denn er wollte mit „ihm“ reden. Er wollte mit ihm eine L&#246;sung finden. Aber „er“ hatte sein Mobiltelefon auf Mailbox umgestellt. „Er“ kannte wohl die Nummer. Er bot ein Gespr&#228;ch an, auch eines unter Beisein der Betr&#252;ger und der Betrogenen. Er nahm an, dass auch „er“ verheiratet war. Welche Quartett w&#252;rde das ergeben. Eintritt sollte man wohl verlangen d&#252;rfen.<br />
Sp&#228;ter w&#252;rde er erfahren, dass dieser Telefonanschluss dem gr&#246;&#223;eren Netz einer IT-Firma zuzuordnen war, wobei die Nummern nicht alle fest einzelnen Personen zugeordnet werden. Der Liebhaber seiner Frau w&#252;rde danach die Nummer wechseln und bei einem Anruf der Nummer eine Sekret&#228;rin abheben.<br />
Via Email informierte er sie im B&#252;ro von diesem Anruf. Aus Fairness, wie er sagte. Er tat es aber auch, um ihr klar zu machen, dass jetzt eine Entscheidung fallen m&#252;sse. Sie m&#252;sse sich entscheiden. Diese L&#252;gen m&#252;ssten ein Ende haben. Und er war sich dessen ganz k&#252;hl bewusst, dass er es auch f&#252;r sie tat. Nicht aus Liebe.<br />
Weil er pl&#246;tzlich erkannte, wie sehr sie in den letzten Jahren gelitten haben musste, um diese Flucht zu versuchen. Diese Flucht vor ihm und seiner qu&#228;lenden Einengung. Seiner Gegenwart.<br />
Nach diesem Anruf tat sich vor ihm eine Leere auf, wie er sie noch niemals zuvor gesp&#252;rt hatte.<br />
Es war ihm, als w&#228;re er &#252;berhaupt nicht vorhanden.<br />
Und er konnte sich bei dieser Nichtexistenz beobachten.<br />
Leere, einfach Leere.</p>
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		<pubDate>Mon, 28 Jul 2008 15:26:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Er hatte in der Nacht danach zum ersten Mal wieder Schlaf gefunden. Keinen tr&#246;stlichen, keinen der die Gedanken beruhigt h&#228;tte. Die Gedanken waren auf seltsame Weise eingeschlafen und g&#246;nnten seinem K&#246;rper Ruhe. Als er – in Routinen war er gut, die beherrschte er auch in Krisenzeiten – am Morgen das Fr&#252;hst&#252;ck bereitete w&#228;hrend sie im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Er hatte in der Nacht danach zum ersten Mal wieder Schlaf gefunden. Keinen tr&#246;stlichen, keinen der die Gedanken beruhigt h&#228;tte. Die Gedanken waren auf seltsame Weise eingeschlafen und g&#246;nnten seinem K&#246;rper Ruhe.<br />
Als er – in Routinen war er gut, die beherrschte er auch in Krisenzeiten – am Morgen das Fr&#252;hst&#252;ck bereitete w&#228;hrend sie im Bad war, f&#252;hlte er, dass jetzt alles zu Ende war.<br />
Er wird sp&#228;ter keine Erinnerung mehr an das Fr&#252;hst&#252;ck haben, was sie gegessen haben, was sie gesprochen haben.<br />
Er wird sich nicht mehr erinnern, dass sie sagte, eine schreckliche Nacht gehabt zu haben. Und dass sie sich entschieden habe, zur&#252;ckzukehren und die Aff&#228;re zu beenden.<br />
Sie hatte es sicher nicht so genannt, denn sie f&#252;hlte sich auf eine gewisse Weise nicht schuldig. Er wird sich sp&#228;ter unscharf daran erinnern, dass sie anf&#252;gte, dass sie jetzt nicht wisse, ob es die richtige Entscheidung war, eine Entscheidung f&#252;r die tristere Alternative.<br />
Sie wusste in diesem Augenblick, dass es noch nicht vorbei war. Dass es noch Szenen geben w&#252;rde, dass sie erneut drohen w&#252;rde, ihn zu verlassen, wie sie es in der Auszeit schon einmal getan hatte.<br />
Wie sie es ganz fr&#252;h in ihrer Beziehung mehrmals getan hatte, einmal als er gegen ihren Willen zu einem Fu&#223;ballspiel seines Wiener Vereins, f&#252;r den er in seiner Jugend selber gespielt hatte, hier in Graz gegangen war. Damals war er nach dem Spiel nach Hause gekommen und hatte die gemeinsam eingerichtete Wohnung verlassen vorgefunden. Sie hatte damals noch studiert und schrieb an ihrer Dissertation, die er methodisch unterst&#252;tzte, indem er ihre Daten auswertete.<br />
Heute w&#252;rde sie sagen, er hat auch das an sich gerissen.<br />
Er hatte sich an jenem Abend sofort ins Auto gesetzt und war mit allem, was der Wagen hergab, und das waren an die 190 km/h – damals gab es keine Geschwindigkeitsbeschr&#228;nkungen.<br />
Er war zu ihrer Studentenwohnung in der Burggasse gefahren und fand sie auch dort nicht vor. In dieser Wohnung hatten sie ihre ersten Liebesn&#228;chte verbracht. Jeden Tag kam er am Abend zu ihr und blieb bis nach Mitternacht. Gemeinsam h&#246;rten sie „Musik zum Tr&#228;umen“, wenn sie nach dem Geschlechtsverkehr ermattet und gl&#252;cklich im Messingbett lagen. War die Kennmelodie „Last Date“ von Duane Eddy, die ihre gemeinsamen Abende beschloss, ein schicksalhafter Titel? Er wird nach Strasbourg auf ihrer Homepage eine Seite einrichten, auf der &#252;ber YouTube diese Kennmelodie in verschiedenen Varianten zu h&#246;ren ist. Er w&#252;rde sie am 26. Oktober, am Tag ihrer Verlobung vor dreiunddrei&#223;ig Jahren bitten, den Laptop einzuschalten und auf ihre Homepage zu gehen. Im Lebenslauf soll sie auf den Link „Wien“ klicken. Wird sie in der Erinnerung an diese Zeit – in der Beschw&#246;rung, denkt er &#8211; bereit sein, sich noch einmal auf einen gemeinsamen Weg zu machen?<br />
Sie wird am Verlobungstag nach den zwei Wochen wegen des verl&#228;ngerten Wochenendes einen Trip nach Mallorca machen. Sp&#228;ter auf ihrem Amtscomputer werden die YouTube-Videos gesperrt sein. Sie wird die Signation nie mehr h&#246;ren.<br />
Bei der Schlusssignation der Sendung zog er sich damals in der Anfangszeit an und lie&#223; sich von ihr bis zur T&#252;re begleiten. In dieser Garconniere hatten sie sich verlobt, auf sein Dr&#228;ngen hin. Am Nationalfeiertag, damit sie stets an diesem Tag nicht in die Arbeit mussten. Ein Kalk&#252;l, das auch f&#252;r den Hochzeitstag galt: 1. Mai.<br />
Sie lie&#223; es r&#252;ckblickend aus Liebe mit sich geschehen. War die telegrafische Reaktion ihres Vaters – beide hatten an jenem Abend vom Westbahnhof aus ein Telegramm an die beiden Familien geschickt – Programm, denn er schrieb, dass sie endlich zur Ruhe kommen k&#246;nne. Sie waren die Nacht beisammen geblieben, nicht zum ersten Mal. Als seine Mutter es einmal gemerkt hatte, dass er erst am fr&#252;hen Morgen zur&#252;ckkam, warf sie ihm vor, „ein Verh&#228;ltnis zu haben“. Hier reagierte sein Vater nicht wie fr&#252;her, als er sich meist die Vorw&#252;rfe verst&#228;rkend auf ihre Seite geschlagen hatte, sondern lapidar. „Er ist alt genug“.<br />
Ja, er war mit siebenundzwanzig Jahren alt genug.<br />
Alt genug f&#252;r ein Verh&#228;ltnis.<br />
Da ihre Wohnung im Verbund mit anderen Studentenwohnungen im ersten Stock eines Gr&#252;nderzeithauses oberhalb einer Fleischhauerei lag – der Besitzer war &#252;brigens der Vermieter, dem sie einmal im Monat die Miete in Bar bringen musste; heute befindet sich dort eine Pizzeria -, gelang es ihm, in die Wohneinheit zu gelangen, da die T&#252;r nur langsam ins Schloss fiel, als einer der Studenten seine Wohnung verlie&#223; – war es der Chinese?<br />
Er sa&#223; an die zwei Stunden vor ihrer Zimmert&#252;r und wartete. Sie kam nicht. Er schrieb eine Nachricht und setzte sich in das Auto und fuhr nach Graz zur&#252;ck.<br />
Er h&#228;tte beinahe einen Unfall gehabt, da er f&#252;r einen Fuchs, der mitten auf der Fahrbahn sa&#223;, bei hundertneunzig Stundenkilometer den Wagen verriss und ihn erst am Pannenstreifen wieder unter Kontrolle brachte, knapp bevor dieser wegen eines engen Br&#252;cke endete.<br />
Es war nicht das erste Mal, dass sie nach Wien gefl&#252;chtet war. Das erste Mal war er mit dem Wagen sogar vor ihr bei ihrer Wohnung. Beim ersten Mal nahm er sie mit und sie lie&#223; es geschehen.<br />
Beim zweiten Mal kam sie freiwillig zur&#252;ck. Sp&#228;ter hat sie sich oft daran erinnert und n&#228;hrte ihre Zweifel, ob sie damals die richtige Entscheidung getroffen hatte. So wie an diesem Tag in den zwei Wochen.<br />
Sie wird auch nach Strasbourg zweifeln und in seinem Bem&#252;hen, alles richtig zu machen, jene alten Muster erkennen, die sie so verabscheute. Wie oft hatte er sie in seinem Leben wegen eines konkreten Verhaltens kritisiert und zurechtgewiesen, oft auch ungerechtfertigt. Oft empfand sie schon eine einfache Frage wie „War das Mineralwasser schon leer?“, w&#228;hrend sie gerade eine Flasche aus der K&#252;che in den Abstellraum trug, als Provokation.<br />
Wenn er aber sah, wie sie nach einer solchen Lappalie unter seiner „Zurechtweisung“ litt und wie verletzt sie war, entschuldigte er sich f&#252;r gew&#246;hnlich bei ihr. Dieses Muster – sie nannte es „Erst hinpecken und dann entschuldigen“ – w&#252;rde sie sich ab nun &#8211; nach Strasbourg &#8211; nicht mehr gefallen l&#228;nger lassen. Sie begann permanent damit zu drohen, ihn sofort zu verlassen.<br />
Dieses kritisierte Verhaltenmuster hatte allerdings ein Komplement: Da er sich f&#252;r Kritik entschuldigte, die seiner Meinung nach gerecht war – er hatte sie seiner Erinnerung nach nie bewusst aus Bosheit kritisiert -, blieb das Dilemma, einen Fehler begangen zu haben, an ihm h&#228;ngen, sodass im Zur&#252;cknehmen seine Kritik zur&#252;ckgewiesen oder noch verst&#228;rkt wurde und er erneut einen Anlauf nahm, um seine Frustration &#252;ber ihr Verhalten los zu werden.<br />
H&#228;tte er sich nicht entschuldigt, w&#228;ren diese Situationen vermutlich nicht eskaliert. Es h&#228;tte zwar eine Verstimmung gegeben, aber es w&#228;re vorbei gewesen und es w&#228;re nicht der Rest geblieben, der dann zu einer Eskalation f&#252;hren musste.<br />
Besonders irritierte ihn in dieser letzten Zeit, dass sie nach einer Kritik an seinem Verhalten ein Ende der Diskussion postulierte, sich die von ihm geforderte Erkl&#228;rung zwar anh&#246;rte, aber nicht darauf reagierte. Es w&#228;re wohl kein Problem gewesen, wenn sie diese Erkl&#228;rung als f&#252;r sie nicht zutreffend zur&#252;ckgewiesen h&#228;tte, aber sie schwieg. Sie war wie ein tiefer Brunnen, in den man einen Stein fallen lie&#223;, man aber das Auftreffen auf der Wasseroberfl&#228;che nicht h&#246;rte und so im Ungewissen war, ob man getroffen hatte.<br />
Konnte er nach den zwei Wochen aus dieser nun n&#252;chternen Analyse eine Lehre ziehen und sein Verhalten &#228;ndern? Er zweifelte wie immer, wollte es aber versuchen. Wie oft hatte er schon versucht … Zuletzt doch nach ihrer R&#252;ckkehr aus Wien, in die sich ein anderer gedr&#228;ngt hatte. Wie konnte er etwas richtig machen, wenn der andere von vorneherein schon richtiger war?<br />
Wie der stieg in ihm der Zweifel an die M&#246;glichkeit, doch einen gemeinsamen Weg zu finden hoch. Der Zweifel machte Angst.<br />
Und die Angst lie&#223; ihn zweifeln.<br />
Es war ein Teufelskreis.<br />
Der Zweifel war auch der Begleiter ihres Lebens.<br />
Daher suchte sie rastlos nach immer Neuem.<br />
Stets auf der Suche nach einer Gewissheit.<br />
Noch etwas, woran sie sich festhalten konnte.<br />
Aber was sie auch suchte, sie fand immer nur sich selbst, ihre Sehnsucht und ihre Angst.<br />
Warum konnten sie beide ihre &#196;ngste nicht in einem gemeinsamen Gef&#228;&#223; des Vertrauens einschlie&#223;en?</p>
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		<title>VI</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jul 2008 15:26:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Ihr Leben sollte leicht sein, nicht so schwer wie seines. Immer, wenn er in den ersten Tagen dieser Zwei Wochen das Gespr&#228;ch suchte und dabei Tr&#228;nen in den Augen hatte, wurde sie darob w&#252;tend. „Bei dir ist alles so elendiglich schwer!“ Warum verschloss sie sich der immer wieder erlebten Realit&#228;t, dass „einfach zu Leben“ nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ihr Leben sollte leicht sein, nicht so schwer wie seines. Immer, wenn er in den ersten Tagen dieser Zwei Wochen das Gespr&#228;ch suchte und dabei Tr&#228;nen in den Augen hatte, wurde sie darob w&#252;tend. „Bei dir ist alles so elendiglich schwer!“<br />
Warum verschloss sie sich der immer wieder erlebten Realit&#228;t, dass „einfach zu Leben“ nicht zu haben war, jenes Leben, das sie sich ertr&#228;umt hatte. Tr&#228;ume, die zu Illusionen werden, sind ein st&#228;rkerer Ballast als die Erinnerung an Entt&#228;uschungen.<br />
Es war das Leben, wie es sich ein Teenager vorstellt, nicht wie es eine erwachsene Frau erleben k&#246;nnte. Vielleicht war das der Zauber der ewigen Kindheit, der manchmal in ihrem L&#228;cheln lag. Heute seltener als am Beginn. Dieses Kind hatte er auch noch an ihr erlebt, als sie eine reife Frau geworden war. Sie war erwachsen geworden und wollte doch ein Kind bleiben.<br />
Ihm war es in vielen Dingen gelungen, ein Kind zu bleiben. Sie war absolut und ausschlie&#223;lich erwachsen geworden, denn sie definierte sich &#252;ber ihren Beruf, oder wie sie sagte, sie liebte ihre Arbeit &#252;ber alles.<br />
Er liebte Zeit seines Lebens das Spiel, auch die Arbeit war ihm immer mehr zum Spiel geworden. Wer das Spiel liebt, bleibt darin ein Kind, darf es zumindest in diesen Momenten wieder sein. Das hatte er auch seinem Sohn vermittelt.<br />
Sie sch&#252;ttelte innerlich den Kopf, wenn die beiden M&#228;nner – ihr Sohn war zu ihrem Bedauern auch ein Mann geworden – auch jetzt noch mit Stofftieren sprachen und einander damit auch ihre Zuneigung ausdr&#252;ckten. Sie hatte ihrem Sohn aus Kalk&#252;l fr&#252;h eine Puppe geschenkt, eine mit Schlafaugen, eine, wie sie sie damals als Kind bekommen hatte. Die Puppe liegt heute noch unber&#252;hrt – jungfr&#228;ulich? – in einem Kinderw&#228;gelchen bei anderem Spielzeug in einem Abstellraum. Es funktioniert nur mehr ein Auge, aber das war eher ein Produktionsfehler als Folge des Spiels mit ihr. Die Puppe fand nie den Weg in das Bett der M&#228;nner. Wollte sie mit der Puppe ihre Kindheit in ihm fortsetzen? Sie w&#228;hlte Geschenke mit Bedacht, verlieh den Gegenst&#228;nden Bedeutung. Welche Bedeutung hatte diese Puppe?<br />
Auch im Schenken hatte sie versagt.<br />
Das Leben f&#228;llt nicht in den Scho&#223;, sondern will erk&#228;mpft sein. Auch gegen sich selber, gegen das Faulbett der nachgetragenen Liebe. Hatte er es ihr auch zu leicht gemacht? Von Anfang an?<br />
Warum war sie immer zu ihm zur&#252;ckgekehrt, trotz immer schw&#228;cher werdender Liebe. Warum hatte sie sich jetzt doch wieder f&#252;r ihn entschieden, auch wenn ihr Begehren tot und die Gef&#252;hle f&#252;r ihn zerst&#246;rt waren? F&#252;r ihn, den sie f&#252;r all ihr Ungl&#252;ck verantwortlich machte, f&#252;r das, was ihr widerfahren war und das, das noch auf sie wartete.<br />
Auch als sie seinen Ring ablegte und den Mann verlie&#223;, den sie dreiunddrei&#223;ig Jahre begleitet hatte, blieb sie bei ihm, wenn auch als Gast. Wenn sie ihn doch nicht mehr liebte.<br />
So sehr er auch jetzt noch an eine gemeinsame Zukunft glaubte, so sehr er aus ihrem blo&#223;en Hiersein immer wieder Hoffnung sch&#246;pfte, so sehr schmerzte ihn die bei ihr erlebte Desillusionierung, die sie nichts mehr erwarten lie&#223;. Sie begann erst jetzt, ihre Illusionen zu zerst&#246;ren, das, woran sie bisher geglaubt hatte. In ihren Augen lag in diesen Tagen soviel M&#252;digkeit, dass er ihr wieder seine Schulter zum Ausruhen geboten h&#228;tte, wenn sie es gewollt h&#228;tte.<br />
Er erlebte es, als ob sie in einem tiefen, dunklen See vers&#228;nke und er mit ihr.<br />
Schweigen kann schmerzen.<br />
Warum schrie sie nicht um ihr Leben, warum bettelte sie nie um Liebe?<br />
Warum &#246;ffnete sie nicht ihren Schmerz. Schrie ihren Schmerz hinaus. Er h&#228;tte ihn geh&#246;rt.<br />
Warum waren es stets nur Wut und Zorn?<br />
Fr&#252;her hatte sie noch weinen k&#246;nnen, wenn er sie verletzt hatte. Jetzt verletzte er sie nicht mehr, denn er k&#246;nne sie nicht verletzen. Trotzig schleuderte sie ihm diesen ihren Triumph entgegen.<br />
Er hatte in den ersten Tagen nach der Entdeckung niemanden, mit dem er dar&#252;ber sprechen konnte. Der gemeinsame Sohn, der w&#228;hrend ein paar Tagen in ihre zwei Wochen eingedrungen war, bemerkte die Stimmung, die ihm aus den letzten Jahren vertraut war, die er fl&#252;chtete, da er mit beiden litt.<br />
Wie weh tat es ihr, dass sie in den letzten Jahren immer mehr erkennen musste, dass sich ihr Sohn, den sie doch auch gewollt hatte und &#252;ber alles liebte, immer weiter von ihr entfernte. Sie hatte ihm doch niemals weh getan, ihn vor seinem manchmal all zu strengen Vater gesch&#252;tzt.<br />
Manchmal hatte er in der Kindheit des Sohnes das Gef&#252;hl, dass sie versuchte, das Kind seinem Vater zu entfremden. Es tat ihm weh, denn er liebte seinen Sohn inniglich. Und er liebte sie. Sie warf ihm Eifersucht vor und bem&#252;hte sich noch mehr, das Kind an sich zu binden. Er hatte ihrem Werben nichts entgegenzusetzen, vor allem, da er das Kind nicht als Unterpfand ihrer verl&#246;schenden Liebe missbrauchen wollte. Er k&#228;mpfte nicht um das Kind, denn er f&#252;hlte, dass es ihn trotz seiner allzu oft seelisch schmerzhaften und auch verletzenden Erziehung liebte. Sie sah nie, dass die manchmal f&#252;r sie so offensichtlichen Dem&#252;tigungen des Kindes auch stets die Entschuldigung und Vers&#246;hnung zur Folge hatten.<br />
Auch er litt unter den Verletzungen seines Sohnes &#8211; auch er erhielt Schl&#228;ge, die sie nicht sah, und auch er musste lernen, mit diesen umzugehen. Sie sah nicht die realen und gef&#252;hlten Umarmungen, die die beiden aneinander banden. Die beiden lebten wohl jene symbiotische Beziehung, die sie so sehr ersehnte und an die sie in manchen Augenblicken mit ihrem Sohn auch geglaubt hatte.<br />
Sie glaubte manchmal, jetzt zu besitzen, f&#252;r immer zu besitzen.<br />
Sie wusste nicht, dass er die Radausfl&#252;ge, die sie mit dem Sohn unternahmen, bewusst nicht durch seine Begleitung st&#246;ren wollte. Er h&#228;tte sie mit dem Auto begleiten k&#246;nnen, h&#228;tte ihr Quartiermacher sein k&#246;nnen.<br />
Er konnte warten.<br />
Sie erlebte jede dieser Verletzungen des Kindes durch ihn als ihren Triumph. Innerlich f&#252;hlte sie sich in solchen Situationen ihrem Sohn so nahe wie noch nie einem Menschen zuvor.<br />
Wie gl&#252;cklich war sie damals gewesen, als sie sah, dass er eher ihr nachgeriet als dem Vater. Wie stolz war sie auf alles was er tat, zuletzt auf sein erfolgreich verlaufendes Studium.<br />
Warum hatte sie ihn dennoch verloren? Sie suchte nach rationalen Erkl&#228;rungen &#8211; wie immer. Als sie nach Strasbourg gegangen war, lebten die beiden M&#228;nner beinahe ein Jahr zusammen, haben gemeinsam die Wohnung seiner Eltern in Wien &#8211; seine Mutter war schon lange tot, der Vater im Vorjahr gestorben &#8211; f&#252;r die erste Studienzeit vorbereitet. Er hatte sich dabei einen Bandscheibenvorfall beim Versiegeln des Fu&#223;bodens zugezogen. Daf&#252;r liebt man seinen Vater. War es in dieser Zeit geschehen? Als er ihr einmal erz&#228;hlte, dass sich ihr Sohn vor Jahren, als sie nach Strasbourg gegangen war, zum einsamen, weinenden Vater ans Bett gesetzt und ihn wortlos aber inniglich getr&#246;stet hatte, empfand sie nur Zynismus. „Wie sch&#246;n f&#252;r Dich!“<br />
Hass, Zorn und Wut brauchen keinen Trost.<br />
Besonders nach der Zeit in Strasbourg schmerzte es sie, wenn sie die Vertrautheit der Gespr&#228;che der beiden M&#228;nner f&#252;hlte &#8211; sie hatten so viele gemeinsame Themen. Welche Themen hatte sie mit ihm?<br />
Nicht die bedingungslose Liebe band die beiden M&#228;nner aneinander, sondern der Kampf, der erlebte Schmerz, die gegenseitigen Verletzungen, die Vers&#246;hnungen, das aus Entt&#228;uschungen wieder erstandene Vertrauen.<br />
Einmal warf sie ihm vor, dass sie doch nichts von ihrem Sohn w&#252;sste. Er f&#252;hlte, wie weh es ihr tat. Sein Trost half nichts. Seine Worte erreichten sie nicht, denn sie lebte in einem Schneckenhaus oder der Vorstellung davon, das keine Verletzungen zulie&#223;, in das man jederzeit fl&#252;chten konnte.<br />
Wie viele Jahre hatte sie schon dieses Schneckenhaus nicht mehr verlassen? Am Beginn ihrer Beziehung hatte er ihre Verschlossenheit &#8211; wieder diese Symbolik eines Namens: ihr Name bedeutete aber nicht nur „Verschlossene“ sondern auch „Hinkende“; war es ihr Schicksal, in ihrem Leben immer nur zu versuchen, ihre Behinderung zu &#252;berspielen, statt sich dem gebotenen Arm &#8211; sein Name symbolisiert den wehrhaften Krieger, aber auch den Besch&#252;tzer &#8211; anzuvertrauen &#8211; zwar gesp&#252;rt, doch in seiner grenzenlosen Naivit&#228;t und auch St&#228;rke hatte er geglaubt, irgendwann ihren mit der Zeit noch gewachsenen Panzer durchbrechen zu k&#246;nnen.<br />
F&#252;r ihn war es Liebe, sich dem anderen ohne Schutz und Waffen auszuliefern, auch wenn man dann verletzlich war, sogar dann, wenn man wusste, dass man verletzt werden w&#252;rde.<br />
Sie nannte das schlicht Masochismus.<br />
Warum hatte sie aus dem Kampf mit ihm in den ersten Jahren ihrer Beziehung nicht die Bedingungslosigkeit der Liebe kennen gelernt? Kann Liebe denn Schmerz und Kampf sein, nicht Bitten sondern Fordern, nicht sich Hingeben sondern Nehmen, nicht Z&#228;rtlichkeit sondern Gewalt, nicht Streicheln sondern auch Schlagen. F&#252;hlte sie nie, dass wenn er sie an den H&#228;nden, an den Schultern, am Kopf packte und sie zwang, sich ihm zu stellen, aus ihr nicht ein Kind machte &#8211; so bezeichnete es sie -, sondern dass er sie damit aufforderte, Stellung zu beziehen, sich dem Leben zu stellen.<br />
Das war doch nicht das Leben, das Lieben, das sie ertr&#228;umte.<br />
Das sie seit Anbeginn ihres Lebens ertr&#228;umt hatte und als ein Licht vor sich hertrug.<br />
Ein Licht, das l&#228;ngst verloschen war.<br />
Illusion.</p>
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		<title>VII Wider.Spr&#252;che</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jul 2008 15:25:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Widerspruch war sein Lebenselixier. Als Kind nannten ihn seine Eltern zuerst trotzig, sp&#228;ter einen Oppositionsgeist. Schon in der Volksschule hatte er es mit Pfeifen versucht, w&#228;hrend der Lehrer vortrug &#8211; er wurde angepasst. Blieb es lange – das trug ihm den Beinamen „Christkind“ ein. Er dachte: Er lie&#223; sich anpassen. Spielte Anpassung. Seine Umgebung war [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Widerspruch war sein Lebenselixier.<br />
Als Kind nannten ihn seine Eltern zuerst trotzig, sp&#228;ter einen Oppositionsgeist. Schon in der Volksschule hatte er es mit Pfeifen versucht, w&#228;hrend der Lehrer vortrug &#8211; er wurde angepasst. Blieb es lange – das trug ihm den Beinamen „Christkind“ ein. Er dachte: Er lie&#223; sich anpassen. Spielte Anpassung. Seine Umgebung war zufrieden, denn er machte auf alle den Eindruck, angepasst zu sein. Er spielte manchmal &#220;beranpassung. Er war beinahe ein Engel. Erst sp&#228;ter nach der Pubert&#228;t &#8211; in ihr hatte er es verstanden, die von allen erwarteten Widerspr&#252;che dieses Alters zur eigenen Erbauung nicht zu artikulieren &#8211; besann er sich auf seine Bestimmung. So hatte er es selber einmal bezeichnet.<br />
Sein Widerspruch wurde allm&#228;hlich zwanghaft, brachte ihm immer wieder Schwierigkeiten ein. Sein starkes Beharrungsverm&#246;gen lie&#223; ihn unhaltbare Standpunkte &#8211; er wusste das &#8211; oft bis zur Selbstvernichtung einnehmen. Er wollte seinen Ideen treu bleiben, auch wenn er erkannte, dass sie in eine Sackgasse f&#252;hrten. Er f&#252;hlte sich in der Enge seiner Gedanken als Sieger. Besonders wenn andere kopfsch&#252;ttelnd aufh&#246;rten zu Argumentieren.<br />
Sieger sind einsam.<br />
War das ein Grund, dass er Leben und Lieben auch als Kampf sah?<br />
In seiner Beziehung zu ihr war der Widerspruch am Beginn nicht so offensichtlich, denn er hatte nichts zu verteidigen. Sein Widerspruch ereignete sich eher spielerisch &#8211; er lernte fr&#252;h, ihn f&#252;r Kreatives zu nutzen. Warum nicht einmal den gegenteiligen Standpunkt einnehmen? Eine Dialektik der Beziehung?<br />
Widerspruch kann auch Wege &#246;ffnen, aus Sackgassen herauszukommen. Er kann aber auch zur Unzeit daherkommen wie damals, als sie in ihrem Beruf gemobbt wurde &#8211; diesen Begriff hat sie erst viel sp&#228;ter gebraucht. Hier glaubte er ihr helfen zu k&#246;nnen, indem er andere Sichtweisen vertrat, wenn sie sich wieder einmal von Vorgesetzten oder Kolleginnen verletzt und gedem&#252;tigt fand. Sie erlebte es, als w&#252;rde er sich in den Kreis der Verletzer und Dem&#252;tiger einreihen. Und das verletzte und dem&#252;tigte sie mehr als die der anderen.<br />
H&#228;tte er das nicht sp&#252;ren m&#252;ssen?<br />
Widerspruch regte sich in ihm vor allem dann, wenn jemand breit und &#252;berzeugend auftrat. Das war im wissenschaftlichen Bereich zwar innovativ aber zugleich der Grund seines Scheiterns. Seine erste Habilitation fand keine Anerkennung, da sie auch nach einem Jahr beim „Habilitationsvater“ noch ungelesen lag, weil der Druck zu klein war, seine zweite reichte er gegen den Willen des „Habilitationsvaters“ ein. Man war zwar gezwungen, eine Kommission einzurichten, w&#228;hlte aber eine Zusammensetzung, die ihm keine Chance lie&#223;. Man schickte einen Juristen vor, der ihm nahe legte, seinen Antrag zur&#252;ckzuziehen. Er tat es, da er wusste, man w&#252;rde ihm zwar die Habilitation in Graz verweigern, aber man musste ihn pragmatisieren, da er einfach zu gut war. Sie h&#228;tten ihr Gesicht und ihren Ruf verloren, wenn sie das nicht getan h&#228;tten.<br />
Nachdem er sich einen anderen „Habilitationsvater“ in Wien gesucht und gefunden hatte, geschah dies gegen die dort etablierten Kleingeister. Diese Kleingeister verhinderten es, weil er ihnen in seiner Arbeit den Boden unter den F&#252;&#223;en wegzog, wie es ein Freund einmal nannte. Kann man geliebt werden, wenn man den anderen den Boden unter den F&#252;&#223;en wegzieht? Hatte er manchmal auch ihr den Boden unter den F&#252;&#223;en weggezogen? Damals, als sie blo&#223; Trost und Verst&#228;ndnis wollte? Hat er ihr damals die vielleicht schon kr&#228;nkelnde Liebe auch noch entzogen?<br />
In jener Zeit &#8211; als sie um ihre berufliche Existenz k&#228;mpfte &#8211; hatte auch er schlaflose N&#228;chte, denn er wusste nicht, wie er an sie herankommen konnte.<br />
Er dachte viel, oft viel zu viel!<br />
Wie in den zwei Wochen.<br />
In diesen zwei Wochen hatte er sie eines Abends gebeten, sich zu ihm zu setzen und nur zuzuh&#246;ren. Er wollte ihr von dem stets erlebten inneren Widerspruch zu den eigenen Gedanken und Gef&#252;hlen, von jenem Zweifel erz&#228;hlen, der ihn stets begleitet hatte, seit er Beziehungen zu Frauen eingegangen war.<br />
Seine Zweifel galten der Art seiner Liebe. Ob es f&#252;r ihn eher Liebe w&#228;re, zu lieben oder eher wichtig war, geliebt zu werden. Zwischen diesen beiden Polen sei er Zeit seines Lebens geschwankt und hatte fr&#252;h an seiner generellen Liebesf&#228;higkeit zu zweifeln begonnen. In einem Augenblick, in welchem er sicher war, zu lieben, erschien ihm seine Sehnsucht, geliebt zu werden, noch viel gr&#246;&#223;er.<br />
Er begann damals, sich selber in seinen Beziehungen zu beobachten. Es war ihm, als st&#252;nde er manchmal neben sich, und s&#228;he zu, wie er lebte und liebte. Voyeuristisch und &#228;ngstlich zugleich. Er wollte eine Antwort auf die Frage finden, was f&#252;r ihn Liebe bedeutet. Auch in den zwei Wochen hatte er das Gef&#252;hl, dass er immer wieder von au&#223;en miterlebte, was mit ihm geschah.<br />
Sie nannte es anschlie&#223;end an seinen Monolog „einfach krank“.<br />
Aus dieser Krankheit heraus begann er, Zeichen zu setzen. Markierungen, die ihm beweisen konnten, dass er doch liebte, lieben konnte. In diesen zwei Wochen wird er zum Friseur gehen und anl&#228;sslich der dreiunddreiunddrei&#223;igsten Wiederkehr des Kennenlerntages sich eine lila Str&#228;hne in sein sch&#252;tteres Haar machen lassen – sie nannte es einfach Glatze.<br />
Er schickte ihr SMS – genau abgez&#228;hlt nach den maximal m&#246;glichen Zeichen -, in denen er ihr wieder die Hand reichte, was ihm im realen Leben wohl nur nach einer Bitte um Verzeihung m&#246;glich sein w&#252;rde.<br />
Wie lange w&#252;rde er nach den zwei Wochen auf diese Worte warten m&#252;ssen?<br />
Aus seinen Zweifeln heraus &#252;berforderte er sie, denn er erwartete in gleichem Ausma&#223; Zeichen, etwa als er einen &#228;u&#223;erst ungenehmen Zahnarzttermin hatte – auch er hatte eines Tages begonnen, sich zu renovieren – und hoffte, sie w&#252;rde in dieser Zeit an ihn denken und ihm knapp davor eine SMS schicken. Er phantasierte: So wie sie wohl „ihm“ in einem solchen Fall eine geschickt h&#228;tte. Er wird im Wartezimmer sitzen und auf eine SMS warten, sie wird keine SMS schicken und er wird abermals entt&#228;uscht sein, seine Zweifel werden wieder ein St&#252;ck gr&#246;&#223;er werden.<br />
Wurde er geliebt? Nein, sie hatte es gesagt: sie liebe ihn schon lange nicht mehr. W&#252;rde ihn diese Gewissheit beruhigen? Jemand, den man nicht liebt, dem schickt man keine SMS. Er wird selber ein Zeichen setzen und w&#228;hrend der Behandlung den Ehering festhalten und drehen. Glaubte er an Magie?<br />
Den Ehering wird er wie sie nach ihrer Strasbourgvisite abnehmen. Sie hat ihn irgendwo verwahrt &#8211; nicht in die Ill geworfen, wie er vermutete -, er wird ihn an seine Halskette mit dem Schutzengel &#8211; der hatte hier wohl wieder einmal versagt &#8211; h&#228;ngen, so wie es viele M&#228;nner tun, die nicht zu ihrer Beziehung stehen. Schutzengel und Ring werden in diesen Tagen immer wieder aneinander sto&#223;en, w&#228;hrend des Gehens, w&#228;hrend des Schlafs, w&#228;hrend des Wasserlassens, w&#228;hrend der Vorlesung.<br />
Das leise Klingeln wird ihn an seine Lage erinnern. War es nicht kl&#252;ger, ihr den Ring zu geben, damit sie ihn zum anderen lege?<br />
Einmal rief er sie nach einem Klingeln an seinem Hals an, allein um ihre Stimme zu h&#246;ren, die Stimme jener Frau, die ihm diesen Ring vor dreiunddrei&#223;ig Jahren in der Verlobungsnacht zum ersten Mal an die Hand gesteckt hatte. Sie hatte diesen Ring, der l&#228;ngst seine feine Ziselierung verloren hatte, bei der Hochzeit vor f&#252;nfundzwanzig Jahren zum zweiten Mal, dieses Mal an die rechte, Hand gesteckt. Einmal hatte er den Ring weiter machen lassen m&#252;ssen, da er ihn nicht mehr vom Finger bekam und schon das Blut abschn&#252;rte. Einmal hat er seinen Ring verloren &#8211; er war einfach vom Finger gerutscht. Das war, w&#228;hrend sie in Strasbourg arbeitete, nach seiner Abmagerungskur. Er dachte zuerst, dass er in ihn im Murpark verloren h&#228;tte und suchte mit einer Taschenlampe den Weg ab, den er gegangen war. Er suchte in der Wohnung, bis ihm die rettende Idee kam. Der Ring war beim Duschen von seinem Finger gerutscht und im Abfluss der Badewanne gelandet. Dort konnte er ihn mit Hilfe eines Drahtes, mitten in ihren Haaren, die sie beim Haarewaschen regelm&#228;&#223;ig verlor und immer wieder den Abfluss verstopft hatten, ertasten und endlich bergen. Das war unmittelbar vor einem Wochenende, an dem sie ihn besucht hatte. Er empfand diesen Verlust und die Art des Wiederfindens ihres Ringes als schicksalhaft.<br />
Sein Gl&#252;cksgef&#252;hl nach dem Wiederfinden des Ringes war unbeschreiblich. Sie kommentierte seine Erz&#228;hlung: w&#228;re nicht so schlimm gewesen, beim Juwelier kann man ihn nachmachen lassen. Diese lapidare Einstellung wird ihn verletzen, denn der Ring an seiner Hand hatte durch das Weiten und Verengen einen unverwechselbaren Charakter bekommen.<br />
Er wird nach der v&#246;llig schmerzfreien Behandlung beim Zahnarzt  – sie hatte einige Jahre zuvor eine vergleichbare, aber schmerzvolle – im Cafe Meier sitzen und sie anrufen. Er wird auf ihre Mobilbox sprechen. Sie wird ihn zur&#252;ckrufen – nein, sie wird nur anklingeln, denn er hat den g&#252;nstigeren Tarif und er wird sie selber anrufen.<br />
Kann man das Zeichen nennen?</p>
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		<title>VIII Hof.Narr</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jul 2008 15:25:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Betrug schmerzte ihn besonders, da er in jene Phase ihrer Beziehung fiel, in der er aus den Fehlern der Vergangenheit &#8211; vor allem aus der Zeit unmittelbar vor Strasbourg und Wien &#8211; Lehren ziehen wollte. Dass er es dieses Mal – wie oft eigentlich schon &#8211; besser machen wollte. Seine Verbesserungsversuche waren eine Illusion, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Betrug schmerzte ihn besonders, da er in jene Phase ihrer Beziehung fiel, in der er aus den Fehlern der Vergangenheit &#8211; vor allem aus der Zeit unmittelbar vor Strasbourg und Wien &#8211; Lehren ziehen wollte. Dass er es dieses Mal – wie oft eigentlich schon &#8211; besser machen wollte. Seine Verbesserungsversuche waren eine Illusion, denn die letzten Jahre ihre Beziehung waren von diesen Versuchen gepr&#228;gt, es nach Krisen stets besser machen zu wollen. Er versuchte es.<br />
Seit der R&#252;ckkehr aus Wien im Herbst des vorigen Jahres waren es andere Krisen als vor dieser Zeit. W&#228;hrend es fr&#252;her reale Verletzungen waren, die sie einander zugef&#252;gt hatten, Verletzungen, die existenzielle Fragen bei ihr und bei ihm betrafen, waren es pl&#246;tzlich v&#246;llig banale Dinge. Eine Frage nach einem verlegten Papier, eine Erinnerung an einen Termin, ein vergessener Einkauf, eine liegen gebliebene Papierserviette. An diesen Allt&#228;glichkeiten entz&#252;ndeten sich Auseinandersetzungen, die f&#252;r einen unvoreingenommenen Beobachter vermutlich bizarr und l&#228;cherlich erschienen w&#228;ren.<br />
Im Nachhinein erkl&#228;rte er sich diese Ver&#228;nderung in ihrem Verh&#228;ltnis zu einem anderen Mann, denn wer braucht sich schon die Frage nach einem weggeworfenen Papier gefallen lassen, wenn man mit einem anderen &#252;ber die sch&#246;nen Dinge des Lebens plaudern konnte. Diese Beziehung war nicht belastet von Trivialit&#228;ten wie dem Einkauf von Toilettepapier oder Putzmitteln, die schwebte vom ersten Augenblick des Treffens oder Telefonats auf einer Wolke der Innigkeit und Bedeutsamkeit, von der aus man auf den armen Tropf da unten, der sich halt dar&#252;ber &#228;rgerte, dass sie ein Blatt Papier entsorgt hatte, auf dem er etwas Wichtiges notiert hatte. Sie brauchte sich nicht darum zu k&#252;mmern, ob seine Hemden gewaschen und geb&#252;gelt sind, da gab es eine Frau. Sie brauchte ihn nicht daran erinnern, nach dem Schei&#223;en auch die Klomuschel nachzuputzen. Sie brauchte sich nicht anh&#246;ren, dass sie beim Haareauszupfen in der Badewanne darauf achten sollte, dass der Abfluss nicht verstopft wird. Er hatte n&#228;mlich in der Zeit, in der sie in Strasbourg und Wien war, das von Kalkablagerungen h&#228;sslich gewordene Badezimmer gr&#252;ndlich zu reinigen und mit neuester Nanotechnologie daf&#252;r zu sorgen, dass es auch so blieb. Er f&#252;hrte auf Grund des aggressiven Grazer Wassers in den Haushalt den Brauch ein, das Waschbecken nach der Verwendung mit einem bereitliegenden Tuch zu trocknen. Anfangs fand sie das &#252;bertrieben &#8211; wie sie so vieles &#252;bertrieben fand -, allerdings hat sie diese Routine dann auch &#252;bernommen, da ihr vermutlich auch klar geworden war, dass es angenehmer ist, eine gl&#228;nzendes Waschbecken oder eine saubere Badewanne zu benutzen als solche, die von Kalkschlieren und Schimmelpilzen umrandet sind. Wenn sie mit ihm beisammen war, fanden solche Themen keinen Eingang in ihren hoch stehenden oder z&#228;rtlichen Diskurs. Er fragte sich oft, wor&#252;ber sie eigentlich sprachen. Sprachen sie auch &#252;ber ihn? Das ist die Schmerzfrage aller Betrogenen. Reden sie &#252;ber mich und was reden sie? Lachen sie &#252;ber ihn? Oder war er einfach zu unwichtig, als dass sie &#252;berhaupt &#252;ber ihn sprachen. Nein, da ging es sicher um Kunst, <a title="reisen urlaub" href="http://reisen.abc.stangl.eu/">Reisen</a>, Tr&#228;ume, Perspektiven …<br />
Was n&#252;tzten da alle seine Versuche, es besser zu machen?<br />
Sie versuchte nichts. Sie brauchte nichts zu versuchen, denn sie hatte die Wahl.<br />
Er hatte keine.<br />
Der Betrug fand &#8211; das stellte er in den zwei Wochen verbittert fest &#8211; unter seinen Augen statt, mit seiner t&#228;tigen Mithilfe, da er ihr den Freiraum gegeben hatte, den sie in den Jahren immer eingefordert hatte. Jetzt erkannte er – und das raubte ihm auch noch lange nachher immer wieder den Atem –, dass er chancenlos war in seinem Bem&#252;hen.<br />
Jetzt erst konnte er sich ihre Teilnahmslosigkeit erkl&#228;ren, die sie in vielen gemeinsamen Unternehmungen erkennen lie&#223;. Es war, wie wenn man einem Million&#228;r einen Euro schenkt. Einem im Meer schwimmenden Fisch einen Liter Wasser.<br />
Er hatte besonders in der Zeit nach ihrer R&#252;ckkehr aus Wien, in der sie sich erst wieder in Graz beruflich etablieren musste, versucht, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen, ihr zumindest in dieser Hinsicht allen R&#252;ckhalt zu geben, den sie nur ben&#246;tigte.<br />
Wie konnte sie nur mit ihm schlafen, w&#228;hrend sie an einen anderen dachte? Sie lie&#223; in den letzten Monaten den Akt stets teilnahmslos &#252;ber sich ergehen. Sie h&#228;tte sexuell keinerlei Bed&#252;rfnisse mehr. Wie sehr bem&#252;hte er sich, ihre Sexualit&#228;t mit all seiner Z&#228;rtlichkeit wieder zu erwecken, zu der er nur f&#228;hig war. Und er war z&#228;rtlich, das wusste er. Sie war einst auch z&#228;rtlich zu ihm gewesen, doch das lag lange zur&#252;ck. Nie so z&#228;rtlich wie er, aber z&#228;rtlich. Jetzt lie&#223; sie einfach das Vorspiel, das Beisammensein &#252;ber sich ergehen. Am Liebsten war es ihr, wenn sie es ihm nur einmal in der Woche mit der Hand machen konnte. Einerseits war er ohnehin mit der Zeit zufrieden und genoss es allm&#228;hlich, denn er konnte sich dabei wie nie zuvor in seinem Leben auf sich und seinen K&#246;rper konzentrieren. Andererseits bedr&#252;ckte es ihn nachher, dass sie dabei doch leer ausgegangen war. Allm&#228;hlich entwickelte er daher auch Schuldgef&#252;hle, &#228;hnlich jenen in der Pubert&#228;t, als er sich regelm&#228;&#223;ig selbst befriedigte.<br />
Wem sollte er jetzt beichten?<br />
In die Zeit nach ihrer R&#252;ckkehr fiel auch die Auszeit, die sie in einem Kloster nahm. Der Anlass h&#228;tte ihm damals die Augen &#246;ffnen m&#252;ssen, dass ihre Beziehung durch irgendetwas au&#223;erhalb gest&#246;rt war, etwas, worauf er keinen Einfluss hatte. Er hatte ihnen beiden zu Weihnachten – um ihre gemeinsame Sexualit&#228;t wieder zu erwecken – ein Aufkl&#228;rungsbuch &#252;ber Sexualpraktiken geschenkt. Sich eines, wie man eine Frau sexuell gl&#252;cklich machen kann &#8211; er fand darin wenig Neues -, ihr jenes, wie man einen Mann sexuell befriedigen kann &#8211; vermutlich war darin f&#252;r sie doch einiges neu, zumindest dann, wenn man es mit den von ihr gepflegten Formen des Beisammenseins vergleicht. Er hatte auch nach &#252;ber drei&#223;ig Jahren noch immer das Gef&#252;hl, dass sie nicht wusste, wie man es einem Mann richtig mit der Hand machen kann. Er versuchte, blaue Stunden zu arrangieren, ein gemeinsames Bad, ein gegenseitiges Massieren mit Bodylotion. Alles zu tun, um einen Funken sexueller Erregung in ihr zu finden.<br />
An diesem Tag – es war ein Sonntag – hatte er geduscht und sie gebeten, ihn nachher mit Bodylotion einzureiben. Sie tat es. Und sie befriedigte ihn mit der Hand, weil er ihre Hand an seinen Schwanz gelegt hatte. Das war in dieser Zeit zu einer Art Signal geworden, dass er es von ihr haben wollte. Sie wollte nichts von ihm. Es war eine einseitige Angelegenheit geworden, das war ihm klar. Aber er hoffte, dass eines Tages ihr Interesse an K&#246;rperlichkeit wieder erwachen k&#246;nnte. In den zwei Wochen wurde ihm klar, warum sie damals von Missbrauch gesprochen hat, ein Wort, dass sie sp&#228;ter einmal zur&#252;cknahm, das aber dazu f&#252;hrte, dass sie f&#252;r &#252;ber einen Monat in ein Kloster zog.<br />
Ihre Auszeit.<br />
Danach war sie zu ihm zur&#252;ckgekehrt. Er hatte sie angefleht und sie war gekommen. Wieder bem&#252;hte er sich nach Kr&#228;ften, er machte nichts falsch, doch wieder war sie teilnahmslos gegen&#252;ber seinen Bem&#252;hungen. Nun, nachdem er von ihrer zweiten Beziehung – war die zu ihm &#252;berhaupt noch eine? – erfahren hatte, konnte er sich auch jenen aggressiven Ton in manchen ihrer Antworten auf v&#246;llig harmlose Fragen erkl&#228;ren, die Sch&#228;rfe, mit der sie in vielem reagierte.<br />
Er konnte beobachten, dass selbst ihr Sohn, wenn er &#252;ber ein Wochenende auf Besuch war, bei ihren Reaktionen zusammenzuckte. Bei seinem letzten Besuch vor den zwei Wochen hatte er einige Male sogar verbal reagiert, indem er sie aufforderte, sich zu beruhigen, aber sie hatte seine Bitte nicht einmal registriert. So sehr war sie offensichtlich mit ihren Gedanken in einer anderen Welt, in der alles st&#246;rte, was nicht ihres war.<br />
Ihre heftigen Reaktionen waren auch Ausdruck der Spannung, mit ihm in einer Welt der L&#252;gen und Heimlichkeiten zu leben. Auch wenn sie blo&#223; diese Nischen, die sie f&#252;r den anderen eingerichtet hatte – ein Telefonat, eine t&#228;gliche SMS, ein kurzes Treffen in einem Kaffeehaus, ein Urlaubstag von der Arbeit -, vor ihm verschweigen musste, war ihr trotz der schon lange vollzogenen inneren Trennung klar, dass dieses Dreieck auf Dauer nicht funktionieren konnte. In manchen Momenten hatte sie vielleicht sogar Mitleid mit ihm, der er nichts ahnte. In dieser Situation der Spannung begannen alle Dinge, die er f&#252;r sie tat, zur Belastung zu werden. Ihr war klar, dass es unrecht war, bei ihm zu wohnen und mit ihm sogar zu schlafen, gleichzeitig aber an einen anderen zu denken, einen anderen zu lieben. Liebte sie ihn oder war er blo&#223; der Anker, an dem sie ihre Illusion von Liebe festmachte, die mit ihr in einem Meer eines allt&#228;glichen Lebens dahintrieb? Sie brauchte ihn und glaubte, dass er sie brauchte. Die erste Liebe im Leben eines Menschen beh&#228;lt stets eine Aura von Ewigkeit, die irgendwo drau&#223;en im Weltall noch leuchtet.<br />
Sie hatte vor einiger Zeit begonnen, in einer Traumwelt zu leben, was vermutlich durch das Schreiben von Erz&#228;hlungen noch verst&#228;rkt wurde, denn dort konnte sie die Welt so gestalten und erkl&#228;ren, wie sie es f&#252;r richtig hielt. W&#228;hrend die Frauentrilogie &#8211; ihr erster Roman, wie sie ihn nannte &#8211; nur wenige pers&#246;nliche Bez&#252;ge aufwies, hatte sie sich vermutlich bei der Arbeit an der M&#228;nnertrilogie in den Erz&#228;hlungen wesentlich intensiver eingebracht. Rechnete sie hier mit ihm ab? Mit M&#228;nnern? Sie habe genug von M&#228;nnern, sagte sie an jenem Tag, an dem sie den Kontakt zum anderen beendet hatte. War das jetzt anders, nachdem sie doch wieder Kontakt zu ihm aufgenommen hatte?<br />
Sie hatte sich – und diese Erkenntnis schmeckte bitter f&#252;r ihn – seit ihren verschiedenen R&#252;ckkehren immer mehr f&#252;r das Schneckenhaus entschieden – alles andere, dass sie wieder ihrem Beruf nachging, dass sie bei ihm wohnte, ihm beiwohnte, dass sie gemeinsam ins Kino oder ins Theater gingen, war blo&#223;e Fassade.<br />
Und er hatte es f&#252;r eine Chance gehalten, f&#252;r seine Chance.<br />
Seine Freundin, mit der er nach der „R&#252;ckkehr mit leeren H&#228;nden“ lange telefoniert hatte, deutete mehr oder minder an, dass er doch nicht so ein Idiot sein sollte, sich wieder von ihr so an der Nase herumf&#252;hren zu lassen. Sie war &#228;u&#223;erst skeptisch, was das Arrangement mit der Wohnung in der Wohnung betraf. Sie verstand, dass es ihm lieber war, sie in der N&#228;he zu haben, aber ihrer Meinung nach war es kein richtiger Schnitt, wie er notwendig w&#228;re. Sie sollte doch in ein Hotelzimmer ziehen und dort mit der Zeit merken, dass er ihr fehlte. Und genau davor hatte er Angst: dass sie n&#228;mlich gerne allein war, seit der Zeit, in der sie in dem einen Jahr in Strasbourg nach den neunundzwanzig Ehejahren aufgebl&#252;ht war – er formulierte das so -, war sie wieder auf den Geschmack gekommen. Damals hatte sie ihm die Trennung noch damit schmackhaft machen wollen, dass es danach wieder sch&#246;ner w&#228;re, gemeinsam zu leben. Dass damit neuer Wind in ihre Beziehung k&#228;me. Aber das Gegenteil war der Fall: sie fand es befreiend. In Wien hatte sie dieses Gef&#252;hl der Freiheit wohl nicht mehr so empfunden, denn sie litt darunter, eine Wochenendehe zu f&#252;hren, die sie zwang, am Wochenende Ehefrau zu sein, w&#228;hrend sie unter der Woche ungebunden war, tun konnte, was sie wollte. Mit Neid h&#246;rte er in ihren Berichten die Konzerte und Veranstaltungen, die sie mit ihren Freundinnen besucht hatte. Was hatte er in dieser Zeit falsch gemacht? Hatte er &#252;berhaupt etwas falsch gemacht? War der einzige Fehler der, jemanden dreiunddrei&#223;ig Jahre festgehalten zu haben, der eigentlich nur in Freiheit leben konnte. F&#252;hlte sie sich trotz des kleinen gemeinsamen Gl&#252;cks nicht immer eingeschlossen in einen goldenen K&#228;fig?<br />
Sollte er nicht eher stolz darauf sein, dass er sie &#252;berhaupt so lange besessen hatte?<br />
Auch wenn ihn seine Freundin warnte, er war dennoch wie immer unbeirrbar und glaubte an die Hoffnung. Er liebte Herausforderungen. Das war eine, die gr&#246;&#223;te in seinem Leben. Die wichtigste. Die Herausforderung war, sein Leben wieder zu erlangen.<br />
Zweimal hatten sie einander die Ringe an den Finger gesteckt.<br />
Aller guten Dinge sind drei.<br />
Einmal ein Narr, immer ein Narr.</p>
<p>Jahre danach wird er bei der Suche nach einer Fotografie in den alten Alben auf seinem Computer bl&#228;ttern und entdecken, dass es mindestens sieben Jahre vor den zwei Wochen begonnen haben musste, dass sie ihn mit dem anderen hinterging. Er stellte in den zahlreichen Fotos, die er von ihr gemacht hatte, eine Ver&#228;nderung fest. Fast schlagartig hatte sich ihr Blick in die Kamera ver&#228;ndert &#8211; versuchte sie vorher noch zu l&#228;cheln und ihn anzublicken, so begann sie den Blick der Kamera und damit seinen Blick zu vermeiden. Sie kniff beinahe auf allen Bildern die Augen zusammen oder schaute &#252;ber ihn hinweg. Das war lange davor geschehen, bis sie ihm offen ins Gesicht sagte, dass er sie nicht anstarren sollte, denn das hasse sie. Seinen pr&#252;fenden Blick. Er h&#228;tte es in ihren Augen erkennen m&#252;ssen. Dass sie ihm den Blick verweigerte. Die Bilder, auf denen sie gemeinsam abgebildet waren und die ihr Sohn gemacht hatte, begannen erst sp&#228;ter diese Verweigerung zu zeien. Die dr&#252;ckte sich eher in der Haltung und K&#246;rperspannung aus, die auf diesen Bildern ihr Zur&#252;ckziehen enth&#252;llten. Er wird Jahre nach den zwei Wochen auch feststellen, dass die Augen der Frauen in seinen neuen Beziehungen etwas enthielten, was er nie in ihren Augen gesehen hatte. Er wird eine tiefe W&#228;rme und Zuneigung in diesen Augen finden und beinahe resignierend all ihre alten Bilder danach durchforsten.<br />
Vergeblich.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-41" style="margin-left: 7px; margin-right: 7px;" title="tankred-dorst" src="http://www.stangl.eu/zwei-wochen/wp-content/tankred-dorst.jpg" alt="tankred-dorst" width="212" height="596" />War es wirklich eine Herausforderung, zum dritten Mal mit ihr eine Beziehung zu beginnen? Zwei Jahre nach den zwei Wochen wird er es weniger als eine Herausforderung sehen denn als Abh&#228;ngigkeit. Er wird erkennen, dass es ihm niemals gelingen wird, sich von ihr zu l&#246;sen, denn dazu hatte sie ihn zu lange in einer Abh&#228;ngigkeit gehalten. Er er erkannte allm&#228;hlich, dass sie es mit einer unbewussten Raffinesse &#252;ber all die Jahre hinweg geschafft hatte, ihn in eine freiwillige Abh&#228;ngigkeit laufen zu lassen. Wie er aus einer fr&#252;heren Beziehung wusste, war ihm H&#246;rigkeit nicht fremd. Doch diese H&#246;rigkeit hatte sich aus der Befriedigung der damit verbundenen Sehns&#252;chte und W&#252;nsche gen&#228;hrt.<br />
Die Abh&#228;ngigkeit von ihr war anders, hatte einen anderen Weg in sein Innerstes gefunden und sich dort eingenistet.<br />
Die Ursache seiner Abh&#228;ngigkeit fand er in der von ihr gehegten Unzug&#228;nglichkeit, die sie in ihrer Beziehung stets zu bewahren wusste. Dadurch, dass sie nichts von sich als Person preisgab, erzeugte sie eine in dem Zusammenleben mit ihr beinahe notwendigerweise entstehende Neugier, die ihn ewig hoffen aber nie erreichen lie&#223;. Die Hoffnung mochte zu Beginn ihrer Beziehung noch auf recht konkrete Dinge bezogen gewesen sein, aber sie machte sich allm&#228;hlich selbst&#228;ndig &#8211; l&#8217;art pour l&#8217;art. Er machte sich in dieser Hoffnung zum Narren und vermutlich hatte sie irgendwann an diesem Spiel die Lust verloren. So, wie der Herrscherin die ewig gleichen Scherze des Hofnarren allm&#228;hlich auf die Nerven gehen bis man sich seiner entledigt.<br />
Kehren Hofnarren je zur&#252;ck?<br />
Nun erkannte er auch, warum sie solche Macht &#252;ber ihn besessen hatte und diese auch lange nachdem sie ihn schon verlassen hatte immer noch besa&#223;: Sie hatte Zeit ihrer Verbindung Hoffnungen in ihm erweckt, ohne je daran zu denken, sie irgendwann auch erf&#252;llen zu m&#252;ssen. Sie tat das nicht bewusst, sondern es ergab sich aus der Art und Weise, wie sie ihr Innerstes vor ihm sch&#252;tzte. Sie machte ihm Hoffnungen auf Ver&#228;nderungen und blieb doch immer die Gleiche. Ihm schien jede von ihr gesch&#252;rte Hoffnung wie die wei&#223;e Wintersonne, die durch einen grauen Schleier am Himmel von der M&#246;glichkeit des Scheinens und der W&#228;rme spricht, aber doch am Abend am Horizont versinkt, ohne sich gezeigt zu haben.<br />
Eines Tages hat er wohl vergessen, worauf er &#252;berhaupt hoffte. Aber es war keine Resignation und keine innere Emigration. In ihm brannte noch immer eine Flamme, die sich von den Allt&#228;glichkeiten n&#228;hrte, den Selbstverst&#228;ndlichkeiten, auch seiner Aufopferung und seinem Perfektionismus. Er organisierte sich und die Abl&#228;ufe &#8211; insbesondere in der Zeit der beruflichen Tennung &#8211; nach diesem Prinzip, alles ihretwegen zu tun. Schlie&#223;lich &#252;berantwortete er alles an eigener Hoffnung ihrer Macht &#252;ber ihn.<br />
Es wurde ihm mit einmal auch klar, warum das letzte Jahr nach ihrer R&#252;ckkehr aus Wien schiefgehen musste, denn er hatte sich in seiner Naivit&#228;t Objekte der Hoffnung gesucht, Konkretes, auf, das sich seine Sehns&#252;chte beziehen konnten. Sie hatte sich aber aus Wien gar nicht mitgebracht und verweigerte sich immer mehr, wodurch sie ohne es zu wollen seine Hoffnung noch mehr sch&#252;rte.<br />
Als er lange nach ihrer Trennung ein Plakat des Serapionstheaters in ihrer Wohnung studierte, das dort seit dem Bezug der gemeinsamen Wohnung wegen des ungew&#246;hnlichen Formates an der Innenseite der Klosettt&#252;r hing und das er wohl tausende Male betrachtet hatte, fiel ihm die Prophetie der Darstellung auf: eine Frau hebt vom Boden ab, w&#228;hrend ein nur undeutlich im Hintergrund sichtbarer Mann am Boden liegend ihr dabei zuschaut. Und noch mehr ber&#252;hrte ihn die Prophetie des darauf befindlichen Ausspruches von Tankred Dorst :<br />
Einen Schatten halte ich umarmt; einen Wahn habe ich gefreit und einen Traum besessen.</p>
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		<title>IX Zweifel.Los</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jul 2008 15:24:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Warum gelang es ihm seit jener Entdeckung nicht mehr, ihr zu vertrauen? War er ob seiner Naivit&#228;t, Arglosigkeit, Sorglosigkeit, Selbstgef&#228;lligkeit, Erstarrung in den letzten Jahren so schwer getroffen? War seine Phantasie nun so allm&#228;chtig, dass sie ihn hinter jeder Minute der Trennung einen neuerlichen Verrat bef&#252;rchten lie&#223;? An einem Tag nach den zwei Wochen wird [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Warum gelang es ihm seit jener Entdeckung nicht mehr, ihr zu vertrauen? War er ob seiner Naivit&#228;t, Arglosigkeit, Sorglosigkeit, Selbstgef&#228;lligkeit, Erstarrung in den letzten Jahren so schwer getroffen? War seine Phantasie nun so allm&#228;chtig, dass sie ihn hinter jeder Minute der Trennung einen neuerlichen Verrat bef&#252;rchten lie&#223;?<br />
An einem Tag nach den zwei Wochen wird sie das Auto nehmen, damit sie zu einer Feier anl&#228;sslich der Renovierung eines Jugendwohnheimes als Vertreterin der Jugendwohlfahrt, in der sie in der Stabsstelle arbeitete, fahren kann. Sie w&#252;rde ihm wie immer bei solchen Gelegenheiten abends beim Abendessen vom reichlichen Buffet dort erz&#228;hlen, dass sie deshalb keinen Hunger habe. Sie wird die &#252;blichen Abl&#228;ufe erz&#228;hlen, die bei einer solchen Er&#246;ffnung Standard sind. Von den Reden der Politiker, ihrer Abscheu gegen&#252;ber deren Floskeln – jahrelang ist sie &#252;ber einen Politiker, dessen Partei er nahe stand und den er wegen seiner schmallippigen Art zwar nicht mochte, aber objektiv gesehen bewunderte, fast t&#228;glich bei der Zeitungslekt&#252;re hergezogen, fast schien es, nur um ihn zu provozieren. Und er wird ihrer Erz&#228;hlung von der Heimer&#246;ffnung zuh&#246;ren und … zweifeln. Hat sie sich wieder mit ihm getroffen?<br />
Das Misstrauen war in den Alltag eingekehrt.<br />
Woher sollte neues Vertrauen kommen?<br />
Wie k&#246;nnte sie ihm beweisen, dass sie es Ernst mit der Entscheidung meinte, dass sie trotz der tristen Aussichten – wie sie es nannte &#8211; weiter mit ihm zusammenleben wird.<br />
Erscheint es ihm so unglaubw&#252;rdig, dass sie sich f&#252;r ihn entscheidet?<br />
Projizierte er seine Selbstzweifel in sie?<br />
Wie weh tat es ihm, wenn sie von seinem Alter sprach, nichts mehr fand sie an ihm, was sch&#246;n und attraktiv w&#228;re. Er merkte, dass sie sich um so viele Jahre j&#252;nger f&#252;hlte, dass sie im Gegensatz zu ihm noch jugendlich w&#228;re. Und sie lie&#223; es ihn bei jeder Gelegenheit f&#252;hlen. Was n&#252;tzte es ihm, in den letzten Jahren so viel f&#252;r sein Aussehen getan zu haben, nachdem sie ihm einmal resignierend gesagt hatte, dass sie es aufgegeben h&#228;tte, etwas zu seinem Aussehen zu sagen. Am Ende ihres Jahres in Strasbourg hatte er in einer Gewaltaktion innerhalb von drei Monaten siebenundzwanzig Kilogramm abgehungert, um f&#252;r sie attraktiver zu werden.<br />
Nach diesen zwei Wochen wird er drei Jahre sp&#228;ter genau jenes Gewicht wieder haben. Am Beginn der zwei Wochen brachte er jene vier Kilogramm mehr auf die Waage, die er in diesem Sommer w&#228;hrend des gemeinsamen Urlaubs  – war dieser nicht harmonisch verlaufen? &#8211; zugelegt hatte. Zynisch wird er schlie&#223;lich denken: Auch eine Methode.<br />
Er hatte sich nach seiner Radikalkur neue Bekleidung gekauft, Kleidung, die jugendlicher war. Doch ihre Reaktion darauf war entt&#228;uschend, denn sie w&#252;rdigte zwar die Kleidung, befand aber seine hager gewordenen Gesichtsz&#252;ge als h&#228;sslich.<br />
Schon vor den zwei Wochen hatte er begonnen, hie und da Kosmetika zu verwenden, die seine Falten auff&#252;llten. Sie verwendete solche schon lange, wenn auch mit m&#228;&#223;igem Erfolg. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und mit ihr verglich – er hatte erst in den letzten Jahren damit begonnen -, wirkten seine Gesichtshaut und auch die Haut seines K&#246;rpers wesentlich j&#252;nger als ihre. Die Haut ihres Gesichtes und des Halses bis zum Brustansatz war durch ihr exzessives Sonnenbaden irreparabel gesch&#228;digt  &#8211; sie war zeitlebens s&#252;chtig nach Sonne, obwohl ihre Augen gegen grelles Licht &#228;u&#223;erst empfindlich waren. Sie wusste das, hielt in sich aber immer noch die Illusion aufrecht, jugendlicher als er zu wirken. Wenn sie ihrer beiden H&#228;nde verglich, musste sie sich diese L&#252;ge eingestehen. Jugendlich war an ihr ihr gef&#228;rbtes Haar, deren nat&#252;rlichen und jugendlichen Locken sie immer wieder durch Chemie und Brennst&#228;be vom Friseur auf glatt und somit auf alt deformieren lie&#223;. Er hatte es ihr zwar manchmal gesagt, dass sie dadurch den unz&#228;hligen &#228;ltlichen Frauen glich, die damit modischen Chic demonstrieren wollen, in Wahrheit aber eine Maske aufsetzten, unter der man ein noch h&#246;heres Alter vermutete, als es tats&#228;chlich vorlag.<br />
In diesen zwei Wochen erlebte er eine radikale Wende in seiner Wahrnehmung. Pl&#246;tzlich sah er nur mehr die Falten im Gesicht und an den H&#228;nden,  ihre schlaffen und welken Arme, die etwas zu kurz geratenen Finger, die wie die einer Siebzigj&#228;hrigen wirkten &#8211; seine H&#228;nde w&#228;ren &#252;brigens das Sch&#246;nste an ihm, hatte sie einmal festgestellt -, den verbrannten Hals und das Kinn wie faltiges, abgenutztes Leder. Vor den zwei Wochen waren beide in seiner Wahrnehmung im Einklang gealtert und er hatte immer wieder gedacht und selten auch gesagt, dass sie trotz der Falten sch&#246;n sei und dass sie sich auch nicht die Haare f&#228;rben m&#252;sste, denn vermutlich w&#228;re ihr das langsam ergrauende wesentlich besser gestanden als das Einheitsblond.<br />
W&#228;hrend der fast zwei Jahre ihrer Berufst&#228;tigkeit in Wien &#8211; er erlebte es als Fortsetzung Strasbourgs, auch wenn eine Wochenendbeziehung daraus wurde, eine l&#228;stige Pflicht f&#252;r sie, an beinahe allen Wochenenden mit ihm schlafen zu m&#252;ssen &#8211; entdeckte sie pl&#246;tzlich P&#252;nktchen und Flecken an ihrem K&#246;rper. Sie lie&#223; sich einen v&#246;llig unscheinbaren winzigen Punkt, den man f&#252;r eine Sommersprosse halten konnte und der auf den Fotos des letzten Sommers kaum sichtbar war &#8211;  im Gesicht entfernen, einige Blutschw&#228;mmchen am Oberk&#246;rper und auch einen kleinen warzenf&#246;rmigen Auswuchs neben ihrer Scheide, der fr&#252;her unter ihrem dichten Schamhaar verborgen gewesen war und den nur seine Zunge kannte und liebte. Nachdem sie begonnen hatte, auch ihr Schamhaar zu trimmen, war dieser Makel offensichtlich geworden. Er musste beseitigt werden.<br />
In den zwei Wochen wird er denken, dass sie es nicht f&#252;r sich oder gar f&#252;r ihn, sondern allein f&#252;r „ihn“ getan h&#228;tte. Er f&#252;hlte den Hass auf den Nebenbuhler, der sich in ihrem Kopf und in ihrem Herzen eingenistet hatte und der sie nun herrichtete wie eine Schaufensterpuppe oder f&#252;r den sie sich eine uncharakteristische glatte Oberfl&#228;che zulegen wollte. War er nicht auch so ein austauschbarer Businessman ohne herausragendes Merkmal? Als er seine Schwiegermutter nach einer Beschreibung fragte – er hatte ihn sich bis zu diesem Zeitpunkt als zwar &#228;lteren aber doch recht attraktiven, eleganten, gro&#223;gewachsenen, eher hageren Typ mit vollem dunklen Haar vorgestellt, von denen er in all den Jahren gemerkt hatte, dass sie diese oft aus den Augenwinkeln beobachtete -, konnte sie sich an keine charakteristische Einzelheit seines &#196;u&#223;eren erinnern, obwohl sie ihn vor nicht allzu langer Zeit getroffen hatte und ihm die Jahre hindurch immer wieder begegnet war. V&#246;llig unauff&#228;llig, meinte sie.<br />
F&#252;r diesen Mann wurden nun alle Kleinigkeiten, die sie charakteristisch und f&#252;r ihn auch liebenswert machten, wurden getilgt.<br />
Hatte er ihr denn je vermittelt, dass sie nicht vollkommen w&#228;re?<br />
Hatte er sich in den letzten Jahren nie gefragt, warum sie eine andere sein wollte?<br />
Trauerte sie in allem einem verschwendeten Leben, einer verschwendeten Liebe nach?<br />
Er trug in seiner Brieftasche noch immer ein Bild von ihr aus den ersten Tagen bei sich. Im B&#252;ro standen zwei Bilder, eines aus der fr&#252;hen Zeit, eines aus der Kindheit Fabians, in welchem sie sich beide fr&#246;hlich anlachen. Wie sehr hatte er allein ihr Gesicht geliebt &#8211; sie war stolz auf ihre hoch stehenden Wangenknochen, die angeblich bis ins hohe Alter erhalten bleiben und stets j&#252;nger machen sollten.<br />
Alles war dahin.<br />
Er sah nur mehr die herabh&#228;ngenden Hamsterbacken und die Tr&#228;nens&#228;cke unter den Augen, die wie ineinander verschlungene W&#252;rmer herabhingen, wenn sie sich &#252;ber ihn beugte. Selten genug tat sie das. Vor einem Jahr hatte sie beklagt, dass ihre schlaffen Augenlider &#8211; ein Charakteristikum ihrer Familie &#8211; h&#228;sslich w&#228;ren und auch korrigiert werden m&#252;ssen.<br />
Fand sie, dass sie f&#252;r „ihn“ nicht jung genug wirkte?<br />
Kam sie sich als &#228;ltliche Geliebte l&#228;cherlich vor?<br />
Er hatte es bald aufgegeben, sie davon abzuhalten, sondern hatte sogar ein oder zweimal nachgefragt, wann es denn nun soweit w&#228;re mit der Operation. Ein Jahr danach wird er sie bei einem Treffen genau betrachten, nach Spuren von solchen kosmetischen Korrekturen suchen, und konstatieren, dass sie offenbar darauf verzichtet hatte. Hatte sie resigniert?<br />
Und ein Paradox wurde ihm bewusst: Ein Merkmal ihres Gesichts waren einige etwas schr&#228;g gestellte Z&#228;hne, die ihrem L&#228;cheln einen besonderen, einen unverwechselbaren Touch verliehen. Vor wenigen Jahren hatte sie eine radikale Korrektur machen lassen, so dass sie jetzt ein uniformes, glattes L&#228;cheln besa&#223; wie viele Menschen in diesem Alter. Wenn sie sprach, wirkte es danach auf ihn wie ein k&#252;nstliches Gebiss, denn der Ausdruck ihres Gesichtes war gepr&#228;gt vom Produkt eines Zahntechnikers.<br />
Das war nicht mehr sie, der er einst begegnet war, und die sich an seiner Seite langsam ver&#228;ndert hatte, so langsam, dass man es gar nicht wahrnahm.<br />
War er endlich aufgewacht aus dieser Illusion, dass Liebe ewig dauern kann, dass sie immer dieselbe sein  w&#252;rde, wie damals …</p>
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